Unzählige Mopeds knattern im Zentimeterabstand aneinander vorbei, Motorradtaxis kreuzen, dazwischen Autos, Fahrräder, Fußgänger. Das quirlige Durcheinander ist Alltag in Ho-Chi-Minh-Stadt. Wenn Manfred Boltze sich im Taxi durch die Staus bewegt, hat er sein Forschungsgebiet unmittelbar vor Augen. Der Professor für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik der TU Darmstadt ist zugleich Leiter des Vietnamesisch-Deutschen Verkehrsforschungszentrums (VGTRC). Im Herbst 2010 nahm es in Ho-Chi-Minh-Stadt als erstes von fünf geplanten Forschungszentren unter dem Dach des Research Centre for High Tech Engineering der Vietnamesisch-Deutschen Universität (VGU) die Arbeit auf. Es wird gemeinsam von der TU Darmstadt und der vietnamesischen University of Transport and Communications (UTC) betrieben.
Topthema Verkehr, Transport, Logistik
„Funktionierende Verkehrssysteme haben eine immense Bedeutung für die Volkswirtschaft“, sagt Boltze, „sie sind Grundvoraussetzung, dass die Wirtschaft sich weiterentwickeln kann“. Ho-Chi-Minh-Stadt gehört mit seinen 7,1 Millionen Einwohnern zu den rasant wachsenden Megacities, noch gibt es kaum öffentlichen Nahverkehr und die Zahl der Automobile nimmt dramatisch zu. Studien zum Verkehrsmanagement sind daher Forschungsschwerpunkt am VGTRC. Boltze, sein Kollege Dr.-Ing. Khuat Viet Hung, fünf vietnamesische Doktoranden sowie wissenschaftliche Mitarbeiter und Doktoranden aus Darmstadt untersuchen zum Beispiel, wie sich der Verkehrsfluss in Ho-Chi-Minh-Stadt anhand verschiedener Modelle steuern ließe. Dabei geht es darum, Angebot und Nachfrage der Verkehrssysteme in Balance zu bringen und zum Beispiel Zusammenhänge zwischen Verkehr und Logistik- sowie Produktionskonzepten von Firmen zu untersuchen. „Eine Studie zur Verbesserung der Lichtsignaltechnik, bei der deutsche Standards an die vietnamesischen Verhältnisse angepasst wurden, stieß auf großes Interesse im vietnamesischen Verkehrsministerium“, sagt Boltze.
Die Forschungsarbeit finde dabei „vor allem im Kopf und am Rechner“ statt, wofür das VGTRC – auch durch seine enge Zusammenarbeit mit deutschen Verkehrstechnologie-Firmen – hervorragend mit Highend-IT-Produkten ausgestattet sei. Aktuell sind Boltze und sein Team dabei, verstärkt Forschungsprojekte zu akquirieren, die gemeinsam von Deutschland und Vietnam getragen werden. In zwei bis drei Jahren soll das Forschungsteam 15 bis 20 vietnamesische Doktoranden umfassen. „Mich motiviert, dass ich unsere Erfahrung weitergeben kann. Wenn ich in 10 Jahren etwa 50 Doktoranden ausbilden kann, wird das die Szene mitprägen“, sagt Boltze. Die Partnerhochschule UTC hatte sich schon lange eine engere Zusammenarbeit mit den renommierten Darmstädter Wissenschaftlern gewünscht. Die 2008 gegründete VGU bot das richtige Umfeld. Für das VGTRC, dessen Aufbau das deutsche Bundesland Hessen finanziert, ist das Zusammenwirken zwischen Forschung und Lehre ein wichtiges Anliegen. Daher werden Ende September 2011 die Vorlesungen für den „Master of Science Traffic and Transport (Verkehrswesen)“ an der VGU starten.
Zukunftsorientierte Forschungsfelder
„Im Strategischen Entwicklungsplan für die Forschung, den Vietnams Regierung aufgestellt hat, steht das Thema Verkehr, Transport und Logistik ganz weit oben“, sagt Professor Reiner Anderl. Der Ingenieurwissenschaftler ist an der VGU übergreifend für den Bereich Forschung verantwortlich. Aus diesem Grund und weil die TU Darmstadt bereits seit gut einem Jahrzehnt mit der UTC kooperiert, sei das Verkehrsforschungszentrum auch als erstes am Research Centre for High Tech Engineering gestartet. „Wir haben den Masterplan für das Forschungsprofil der Universität an den Wünschen der vietnamesischen Partner ausgerichtet“, erläutert Anderl die Kriterien für die Auswahl der fünf Fachgebiete. Wenn das Research Centre in einigen Jahren vollständig ausgebaut sein wird, sollen hier neben Verkehr, Transport und Logistik auch die zukunftsorientierten Forschungsfelder Energie, Wasser, Ressourcen und Umwelt sowie Stadtplanung und nachhaltige Entwicklung von deutsch-vietnamesischen Teams bearbeitet werden.
Längerfristige Investition
Die enge Verbindung zur Forschung ist ein wesentliches Merkmal der VGU. Schon mit den ersten Kooperationsgesprächen zwischen der vietnamesischen Regierung und dem Bundesland Hessen, das die Partnerschaft auf deutscher Seite federführend trägt, war klar, dass die ingenieur- und naturwissenschaftlich orientierte Hochschule das Profil einer Forschungsuniversität nach deutschem Vorbild erhalten sollte. Für Vietnam ein völlig neues Konzept. Hier konzentrierten sich die Hochschulen bisher ausschließlich auf die Lehre. Die VGU setzt das deutsche Prinzip der Einheit von Forschung und Lehre in ihren sieben Hightech-Studiengängen auf Bachelor- und Masterniveau um. Bei den derzeit mehr als 200 Studierenden kommt das an: „Die Lehr- und Lernmethoden sind schon anders, als wir es bisher gewohnt waren“, sagt Master-Student Le Ngoc Hieu, 27, der für „Business Information Systems“ eingeschrieben ist. „Wir diskutieren mehr und stellen eigene Ergebnisse vor. Die starke Forschungsorientierung hilft uns dabei Theorie und Praxis besser zu verbinden.“ Sein Kommilitone Pham Nguyen Huy Cuong, 28, wird noch 2011 zu den ersten Masterabsolventen der VGU in Computational Engineering gehören: „Die Forschungsarbeit ist eine große Motivation für uns“, sagt er.
Auch mit Blick auf die Organisation ist die VGU, die von einem Konsortium von mehr als 30 deutschen Universitäten unterstützt wird, eine Art „Laboratorium“ für das vietnamesische Hochschulwesen: Sie ist die erste autonome staatliche Hochschule des Landes – Vorbild für die Struktur war die TU Darmstadt. Ziel ist, eine der führenden Forschungsuniversitäten Südostasiens zu werden. Und was bringt das Engagement in Vietnam der deutschen Seite? „Materiell gesehen fließen bei dieser Investition rund 3,3 Millionen Euro im Jahr nach Vietnam“, sagt VGU-Präsident Professor Wolf Rieck. „Längerfristig ergeben sich die Rückflüsse nach Deutschland: Gut ausgebildete VGU-Absolventen können helfen den Ingenieur- und Naturwissenschaftlermangel zu verringern.“ Schließlich müssen künftig immer mehr Doktorandenstellen mit Ausländern besetzt werden. Was umso leichter ist, wenn sie mit dem deutschen Hochschul- und Forschungssystem vertraut sind. Zudem werde das erfolgreiche deutsche Universitätsmodell im Ausland sichtbar: „Wir zeigen in einem Land, das für viele interessant ist, wie der deutsche Weg, die Einheit von Forschung und Lehre, in der Praxis funktioniert.“














