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Musik

Die Schule der Asiaten

An der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar studieren über 900 junge Menschen. Etwa ein Drittel von ihnen stammt aus dem Ausland, und davon wiederum circa die Hälfte aus Asien. Was macht den Reiz der Schule aus?

Von Kurt de Swaaf

„Wenn man die Musik von Bach und Brahms richtig lernen will, dann muss man nach Deutschland gehen“, sagt Anna Kim. Die 25-jährige Koreanerin ist angekommen. In Weimar. An der Hochschule für Musik Franz Liszt. Zwar nicht auf direktem Weg, aber doch zielstrebig. Anna Kim stammt aus einer musikbegeisterten Familie. Ihre Mutter hat Orgel studiert, der Vater ist evangelischer Pastor. Mit sechs Jahren begann sie mit dem Klavierunterricht. Doch dieses Instrument lag ihr nicht. Mit 13 sagte ihre Lehrerin, sie habe keine Begabung. Da hatte Anna schon angefangen, Cello zu spielen. Das gefiel ihr besser. Sie übte mit großer Begeisterung, bekam Privatunterricht und trat dem Orchester an ihrer Schule bei. Nach dem Abitur entschied sie sich, nach Deutschland zu gehen. Ein Bekannter ihrer Familie hatte von den Studienmöglichkeiten an der Hochschule für Musik in Karlsruhe berichtet. Es wurde ein Sprung ins kalte Wasser. „Ich hatte gar keine Informationen über Deutschland, nichts.“ Also begann sie erst einmal mit Sprachunterricht. Elf Monate blieb sie in Karlsruhe, Musik studieren konnten sie dort noch nicht. Doch zurück in Korea tat sich eine ungewöhnliche Perspektive auf. Sie interessierte sich jetzt für Deutschland und seine Kultur und stieß auf die neu eröffnete „German School of Music“, ein Studienangebot der Weimarer Musikhochschule in Korea. Ein Glücksfall. Kim schrieb sich ein und erwies sich als besonders talentierte Cello-Studentin. Noch vor ihrem Bachelor-Abschluss kam sie für ein Jahr mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) nach Weimar. „Das war eine sehr gute Chance“, erzählt sie. Ihr Prüfungskonzert im Dezember 2008 in Korea verlief äußerst erfolgreich, Und schon wenige Monate später kehrte Anna Kim zum weiterführenden Studium nach Weimar zurück. Heute spielt sie in der Weimarer Stadtkapelle und seit kurzem im Philharmonischen Orchester der Nachbarstadt Jena.

Anna Kim ist eine von über 900 Studierenden, die zurzeit an der 1872 gegründeten Hochschule für Musik Franz Liszt ausgebildet werden. Etwa ein Drittel von ihnen stammt aus dem Ausland, und davon wiederum etwa die Hälfte aus Asien. Die größte Gruppe stellen die Koreaner: 65 sind es zurzeit. Eine beachtliche Zahl. Was macht Weimar für die Asiaten so attraktiv? „Es gibt einen genius loci“, sagt Christoph Stölzl, seit einigen Monaten Präsident der Musikhochschule. Weimar ist die Stadt der deutschen Klassik. Das verdankt das 65.000-Einwohner-Städtchen in erster Linie Carl August, Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach, Herrscher über die Region von 1775 bis 1828. Er holte Johann Wolfgang von Goethe an seinen Hof und begründete so die beeindruckende kulturelle Tradition der kleinen Residenzstadt. Die Anwesenheit des damals schon berühmten Literaten zog zwei weitere Geistesgrößen in die Stadt: Friedrich von Schiller und den Philosophen Johann Gottfried Herder. Franz Liszt leitete ab 1848 zehn Jahre lang die Weimarer Hofkapelle und das Musiktheater. Die architektonisch revolutionäre Bauhaus-Bewegung des frühen 20. Jahrhunderts hat ihre Wurzeln in Weimar. Und nach dem Ersten Weltkrieg wurde im städtischen Theater die erste deutsche Demokratie gegründet – die Weimarer Republik. Stölzl schwärmt von der Atmosphäre der Stadt, ihren schönen alten Gebäuden wie eben dem klassizistischen Fürstenhaus am Platz der Demokratie, heute Hauptsitz der Musikhochschule. „Man kann hier Musik lernen, die entstanden ist in Architekturen wie dieser.“ Das große Interesse der Asiaten freut ihn. Er habe sich vorgenommen, zwischen den jungen Musikern und dem „Geist von Weimar“ eine Verbindung herzustellen. „Das ist positive Globalisierung“, sagt Stölzl. „Ich bin schon halb Weimarerin“, sagt Anna Kim.////

21.09.2010
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