Diese deutsch-russische Geschichte beginnt mit einem Vulkanausbruch in Indonesien 1815. Der Tambora spuckte damals so viel Asche in den Himmel, dass sich selbst über Europa die Sonne trübte. Der Sommer fiel aus. Missernten ließen auch die Menschen in Württemberg hungern. König Wilhelm I. beschloss daraufhin mit seiner Frau, eine landwirtschaftliche Versuchs- und Unterrichtsanstalt einzurichten. Er quartierte die Forscher 1818 im Schloss Hohenheim bei Stuttgart ein. Seine Frau knüpfte für die Akademie erste Kontakte nach Russland: Sie war die Zarentochter Katherina Pawlowna. 190 Jahre später sitzt die Russin Anastasia Shevchenko in einem Hörsaal der Universität Hohenheim, die sich rings um das Schloss ausgedehnt hat. 113 Professoren und 6300 Studierende forschen, lernen und lehren auf den Campus. Shevchenko studiert an der Agraruniversität in Strawropol Weltwirtschaft. Nun ist die 21-Jährige für ein Semester Gast in Hohenheim. Im Hörsaal staunt sie: Kein Student steht auf, wenn der Professor hereinkommt. Stattdessen schlürfen Kommilitonen Kaffee. „Das Verhältnis zwischen Lehrern und Studenten ist hier sehr frei“, sagt Shevchenko, „bei mir Zuhause ist das strenger.“ Bei manchem Professor in Hohenheim steht die Tür für Studenten immer offen. Es geht locker zu im einstigen Reich der Zarentochter.
Die kleine deutsche Hochschule ist in Russland bekannt, vor allem bei Agrarwissenschaftlern. Die Landwirtschaftsforscher fasziniert neben den Subtropen und Tropen der Blick in den weiten Osten. Nach Ende des Kalten Krieges bündelte die Universität Hohenheim ihre Kontakte nach Ungarn, Polen oder Russland im Osteuropazentrum. Heute ist sie Drehscheibe für den Austausch zwischen acht Universitäten in der Europäischen Union (EU) und zwölf Hochschulen in Russland. Vergangenes Jahr öffnete die EU in ihrem Austauschprogramm Erasmus erstmals ein Fenster für Nicht-EU-Länder. Die Universität Hohenheim bewarb sich mit ihrem Osteuropazentrum als Mentor für Russland – und bekam den Zuschlag.
Aus ihrem Programm „Erasmus Mundus – External Cooperation Window“ überwies die EU 2007 dem Russland-Mentor 4,8 Millionen Euro für 310 Stipendiaten. Rund die Hälfte von ihnen sind Studierende, die übrigen Doktoranden, junge Forscher oder Hochschullehrer. 2008 gab es 4,5 Millionen Euro für weitere 300 Stipendiaten. Manche von ihnen bleiben drei Monate, um Vorlesungen zu besuchen. Andere schreiben an einer der Universitäten drei Jahre ihre Doktorarbeit. Die Hälfte der Stipendiaten stammt aus den Agrar- und Ernährungswissenschaften, aber auch Fächer wie Mathematik, Geographie, Sprachwissenschaft und Soziologie sind vertreten. Eine der ersten Stipendiaten, die in der EU ankamen, war Anastasia Shevchenko. Wie 77 andere Russinnen und Russen der ersten Runde entschied sie sich für Hohenheim, auch weil die Universität am schnellsten und besten auf sie vorbereitet war. Sie und Marina Komzolova, 25, haben sich aber auch wegen persönlicher Erinnerungen für ein Gaststudium in Deutschland entschieden. Shevchenko war als 15-Jährige für ein Jahr in Chemnitz, Komzolova als Studentin mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst in Hohenheim.
Begrüßt wurden sie in Deutschland von Heinrich Schüle und Melanie Dahms. Die Mitarbeiter des Osteuropazentrums verwalten die Finanzmittel, sind aber auch für die kleinen Sorgen zuständig: Sie helfen beim Arztbesuch und der Anmeldung bei der Stadt. Es geht international zu in Hohenheim, dem Ziel angehender Agrarforscher und Wirtschaftsfachleute aus vielen Ländern. Anastasia Shevchenko lebt in einer Wohngemeinschaft mit zwei Russen, drei Deutschen und einem Palästinenser. Ihre Kommilitonin Marina Komzolova teilt sich die Wohnung mit zwei Deutschen, einem Chinesen und einem Iraner. Komzolova hat zuvor in der Landwirtschaftsbehörde im russischen Samara gearbeitet. In Hohenheim schreibt sie ihre Doktorarbeit über Qualitätsmanagement in der russischen Getreidewirtschaft. „Hier wird intensiv in diesem Bereich geforscht“, sagt sie. Viele deutsche Kollegen am Lehrstuhl schrieben Doktor- oder Abschlussarbeiten über Russland. Gerade hätten einige von ihnen 150 russische Betriebe befragt. „Die haben schon mehr von Russland gesehen als ich“, sagt Komzolova.
Heinrich Schüle vom Osteuropabüro erinnern in seinem Büro Fotos und Andenken an seine Reisen nach Russland. Fast sechs Monate im Jahr ist er dort, zählt man alle Touren zusammen. An der Wand hängt ein Bild der Basilius-Kathedrale auf dem Roten Platz. Auf der Fensterbank stehen Matrjoschka-Puppen. Sieht er hinaus, wird ihm die Geschichte ins Gedächtnis gerufen: Er blickt auf das Deutsche Landwirtschaftsmuseum, das auch an die Gründung der Agrarkunde 1818 in Hohenheim anknüpft. „Hohenheim hat einen guten Ruf in Russland“, sagt Schüle, „das ist unser Kapital.“ Der Uni-Agrarökonom betreut seit vielen Jahren Hochschulreform-Projekte in Russland, auch das gefördert von der EU. Dazu gehörte der Aufbau der Studiengänge Agrarökonomie und Ökologie in Moskau. Russland arbeitet am Übergang zu den neuen europaweit gültigen Studienabschlüssen Bachelor und Master, die in Hohenheim bereits Alltag sind. Hohenheims Rektor Hans-Peter Liebig betont, der für den größten Flächenstaat der Erde so wichtige Agrarbereich sei Vorreiter für das gesamte russische Hochschulsystem.
„Wir bieten Erfahrungen und Kooperation an“, sagt Schüle, auch in Fächern wie Biotechnologie oder Unternehmensmanagement. Der Weg soll nun von der Hochschulreform zur Zusammenarbeit in der Forschung führen. Die Aufgabe der Uni Hohenheim als EU-Mentor für Russland ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Da freut es Melanie Dahms, dass auch bei den Bürgern der Europäischen Union das Interesse an Russland wächst. 75 Stipendiaten der EU-Universitäten nutzen das Erasmus-Fenster für einen Aufenthalt in Russland.














