In der Dämmerung wirft die Sonne noch einmal silbrige Funken. Licht tanzt auf den Wellen der Walker Bay in Südafrika. Wale prusten Wasserfontänen in die flirrende Luft. Am Rande eines Fußballfeldes steht Michael Lutzeyer und hat kein Auge für die Schönheit, die ihn umgibt. Sein Team steckt auf dem Rasen gerade eine Niederlage ein. „Man merkt, der Spieleralltag hat uns wieder“, sagt Lutzeyer. „Die großen Träume sind vorbei.“ In der Tat ist das Fußballfieber in Südafrika abgeklungen. Nicht alle Hoffnungen, die mit der WM 2010 verbunden waren, haben sich erfüllt. Weder schafften es die afrikanischen Mannschaften auf die vorderen Plätze, noch flossen Ströme von Geld ins Land. „Das Gute an der WM ist, dass Straßenfußball nicht länger das Freizeitvergnügen armer schwarzer Kinder ist, sondern ein Sport, für den man Sportstätten geschaffen hat. Fußball ist gesellschaftsfähig geworden, und das hilft den schwarzen Jungs enorm.“
Lutzeyer ist Hotelier und seine Heimat ist Gansbaai, eine ärmliche Gegend an der Walker Bay, jenseits der Touristenpfade. Auf einem Hügel über dem Ozean liegt die Township Masakhaino, in der niemand vom Leben etwas geschenkt bekommt. Drogen, Gewalt, Aids sind dort alltäglich. Dann ist da das Dorf Bloomspark, besiedelt von den Nachfahren indischer Einwohner. Wer dort wohnt, hat es etwas besser, aber nicht viel. Und zu guter Letzt Gansbaai selbst. Ein ehemaliges Fischerdorf, in dem einige reiche Kapstädter luxuriöse Ferienhäuser haben und die ursprüngliche Bevölkerung davon lebt, die Touristen zu den Walen zu bringen oder die letzten Fische aus der Bucht zu fischen.
Michael Lutzeyer betrieb einst eine Kneipe im norddeutschen Lüneburg, wurde anschließend im südafrikanischen Kapstadt Generalvertreter eines Maschinenherstellers, hatte eine Frau, zwei Kinder und immer zu wenig Zeit für die Familie. Auf einem Ausflug an die Walker Bay entdeckte er eine Farm: ein verfallenes Haus, karstiger Boden, auf dem sich kaum Landwirtschaft betreiben ließ, und den deshalb auch niemand haben wollte. “To cut a long story short”, ist einer von Lutzeyers Lieblingssätzen. Um diese lange Geschichte zu verkürzen: Lutzeyer gab seinen Job auf und zog mit seiner Familie in die Einöde zwei Autostunden von Kapstadt entfernt, um sich mit Tourismus über Wasser zu halten. Heute betreibt er dort die Luxuslodge Grootbos.
Lutzeyer hörte die Geschichten, die seine Angestellten ins Haus trugen: von unerwünschten Schwangerschaften und Gewalt. „Ich verstand, dass man früh ansetzen muss, wenn man die Leute davon abhalten will, in Schwierigkeiten zu geraten.“ Er gründete die Grootbos Foundation und unterstützte Jugendliche bei der Berufsausbildung. Als der Tag kam, an dem entschieden wurde, dass in Südafrika die Fußball-WM 2010 ausgetragen wird, witterte Lutzeyer eine neue Chance. „Alle meine Jungs träumen davon, ein Star zu werden. Jungs, hab ich gesagt, wenn ihr das wollt, dann müsst ihr hart arbeiten. Erziehung und Bildung durch Sport, das war meine Idee.“ Lutzeyer überredete die Stadtverwaltung von Gansbaai, ihm ein ungenutztes Stück Land zu geben, welches im Dreieck der farbigen, der schwarzen und der weißen Siedlung liegt. Die britische Premier League spendierte den Kunstrasen nach Fifa-Standard, der deutsche Botschafter die Trikots, Sportstudenten und Profisportler reisten als Freiwillige an, um die Kinder zu trainieren. Ein Erfolgsmodell war geboren.
Trainerin des Grootbos-Teams ist Lean Terblanche. Obwohl erst 26 Jahre alt, führt sie ein strenges Regiment. Disziplin in allen Lebenslagen hat Priorität. Wer nicht zur Schule geht, fliegt raus. Wer nicht zum Training erscheint auch. Die meisten der Jungen trainieren inzwischen vier Mal die Woche, das Schule-Schwänzen haben sie sich abgewöhnt. Zum Programm der jungen Sportler gehören auch Bildungsnachmittage: Vorträge über HIV, Verhütung und Hygiene, Englischstunden oder Computerkunde. Die besten Spieler des Teams werden bei den großen Mannschaften vorgestellt, wenn sie ihren Schulabschluss geschafft haben. „Wir tun weit mehr, als Sport zu bieten“, sagt Terblanche. „Wir stoßen eine Tür auf, die den Kindern sonst verschlossen bleiben würde. Und wir reißen Rassen- und kulturelle Schranken nieder. Als wir das Team zusammenstellten, waren die Vorurteile gegeneinander groß. Jetzt schaut keiner mehr auf die Hautfarbe des anderen. “
Akhona Shailu ist Lutzeyers ältester Spieler. Der 18-Jährige kam erst mit acht Jahren in die Schule und will im kommenden Jahr endlich seinen Highschool-Abschluss schaffen. Und natürlich Profi-Fußballer werden, am liebsten bei Liverpool. Noch vor zwei Jahren kickte er einen schlaffen Plastikball über die sandigen Wege seiner Township. „Dass ich mal auf so einem Feld spiele und ein Trikot habe, hätte ich mir niemals träumen lassen.“ Terblanche will den Jungen beim Kapstädter Club Ajax Capetown vorstellen. Aus dessen Reihen stammen schon etliche Spieler, die später im europäischen Fußball bekannt wurden.
Auch jetzt nach der WM macht sich Lutzeyer um die Zukunft seines Teams keine Sorgen. Seine Gäste seien von dem Projekt ganz begeistert und spendeten gerne. „Die Zeiten, wo Touristen kamen und nur an ihre eigene Entspannung dachten, sind vorbei. Viele wollen auch im Urlaub sozial und ökologisch verantwortlich handeln. Sie wollen am Alltag teilnehmen. Also schauen sie dem Training zu und sagen anschließend begeistert: Michael, das wollen wir unbedingt unterstützen.“////















