Angespannt und mit ernstem Blick nimmt der Mann in dunklem Anzug und Krawatte im Fernsehstudio Platz – völlig unerwartet und live in der Nachrichtensendung. Wo eben noch die beiden Moderatoren vor einer Wand mit TV-Monitoren den Zuschauern die Nachrichten des Tages vermeldeten, sitzt jetzt der Chef des privaten georgischen Fernsehsenders Imedi TV. Seine Stimme klingt angestrengt, als er die unerfreulichen Neuigkeiten verkündet: Die Polizei habe die Redaktion gestürmt, der Sendebetrieb werde eingestellt.
Nach einer Minute hat der Senderchef seine Ansprache beendet – und mit einem Mausklick schließt Amalia Oganjanyan das YouTube-Video über Imedi TV, das die Studentin aus Georgien ihren Kommilitonen gerade gezeigt hat. Das Beispiel der vorübergehenden Schließung des kritisch berichtenden TV-Senders im Jahr 2007 passt zum Thema dieses Vormittags: Es geht um Pressefreiheit und die Rolle von Medien in der Globalisierung in dem Seminar bei der Deutschen Welle (DW) in Bonn. Global sind auch die Studierenden des Kurses: Die 22 Nachwuchsjournalisten, fast alle Mitte 20, mit erstem Studienabschluss und Medienerfahrung, kommen aus 13 Ländern in Europa, Asien, Afrika und Lateinamerika und sind Pioniere. Sie sind der erste Jahrgang eines neuen und in dieser Form in Deutschland einzigartigen Studiengangs: International Media Studies. Im September haben die Deutsche Welle, Deutschlands Auslandsrundfunk, und ihre Akademie für journalistische Aus- und Weiterbildungen das viersemestrige, deutsch- und englischsprachige Masterstudium mit Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und des Landes Nordrhein-Westfalen gestartet. Wichtige akademische Partner sind die Universität Bonn und die Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.
Rund 700 Anfragen aus aller Welt erreichten Studiengangleiter Dr. Christoph Schmidt von der DW-Akademie. Die Ausbildung, sagt Schmidt, kombiniere Theorie und Praxis. Neben Journalismus bildeten Medienmanagement und -wirtschaft, Medienentwicklung sowie Medien und Bildung Schwerpunkte. Ein weiteres wichtiges Ziel: Verständnis zu wecken für die Zusammenhänge von Medien, Politik und Gesellschaft sowie die Rolle von kritischem Journalismus für die Demokratie. In Deutschland ist die Meinungsfreiheit per Verfassung geschützt und in Artikel 5 des Grundgesetzes festgeschrieben. Journalisten können frei und ohne Zensur befürchten zu müssen berichten – und übernehmen so eine wichtige Kontrollfunktion. Schmidt betont daher auch: „Wir wollen mit unserem Studium einen Beitrag dazu leisten, professionelle und objektiv berichtende Journalisten auszubilden, die die Demokratie und gesellschaftliche Transparenz in Entwicklungs- und Schwellenländern fördern.“
Rodrigo Rodembusch kommt aus dem Seminarraum. Sein Kopf ist noch voll von Begriffen wie Rundfunkordnung für TV und Radio oder Meinungs- und Informationsfreiheit. Er hat gerade eine Vorlesung über „Medienrecht“ besucht. Der 34 Jahre alte Brasilianer und Diplom-Journalist ist schon ein Medienprofi. Bis 2008 hat er acht Jahre lang in seiner Heimat für TV und Hörfunk gearbeitet, zuletzt als Chefredakteur eines Radiosenders in Porto Alegre. Als Korrespondent berichtete er von den Präsidentschaftswahlen in den USA und der Fußball-WM in Deutschland. Auch bei der Deutschen Welle hat er schon journalistische Erfahrung gesammelt. Jetzt ist er nach Bonn zurückgekommen. Ein Chefredakteur, der wieder studiert. Wie passt das zusammen? „Ich will mich weiterentwickeln und später in Brasilien mein Wissen aus dem Studium an andere Journalisten weitergeben“, erzählt Rodrigo Rodembusch in nahezu perfektem Deutsch. Auch als Professor an der Universität den journalistischen Nachwuchs zu unterrichten könnte er sich gut vorstellen. Mit der Begeisterung, die er ausstrahlt, wäre er sicher ein beliebter Dozent. Und mit dem Masterabschluss auch fachlich sehr gut geeignet.
Die Mittagspause ist vorbei – und der nächste Kurs beginnt: Journalismus II. Es geht um journalistische Recherche und die Frage, wie sich erkennen lässt, ob ein Thema seriös und mit glaubwürdigen Quellen recherchiert ist. Im sogenannten Newsroom sitzen die Studierenden vor Computern, an der Wand hängen moderne Flachbildschirme, auf denen Dozentin Almuth Schellpeper auf Englisch „guidelines for evaluating sources“ erklärt. Chen-cheng Zhu aus China macht sich auf ihrem Block Notizen. Die 23 Jahre alte Studentin hat 2008 ihren Abschluss in Germanistik an der Communication University in China gemacht und während eines Austauschs an der Ruhr-Universität in Bochum Deutschland kennengelernt. An theoretischem Wissen über Journalismus, sagt sie, fehle es ihr aber noch etwas. Bei der DW will sie das jetzt nachholen und schwärmt von der internationalen Studienatmosphäre, in der sie viel lernen könne.
Im Kurs folgt nach der Theorie die praktische Recherche-Übung. Dozentin Almuth Schellpeper verteilt jetzt Kopien von englischsprachigen Artikeln an ihre Studierenden. Auch Mantegaftot Sileshi Siyoum greift zu einem der Texte und diskutiert mit Kommilitonen aus Kenia, Jordanien und Venezuela. Der 29 Jahre alte Äthiopier hat in Addis Abeba studiert, Erfahrung als Filmregisseur gesammelt und eine Werbeagentur gegründet. Zur DW kam er 2007 für ein Praktikum in der Amharischen Radio-Redaktion, für die er nach seinem Fremdsprachen-Volontariat weiter arbeitet. Er produziert jede Woche ein Jugendmagazin. Als er von dem Masterstudium erfuhr, war ihm schnell klar: Das passt zu mir. Ihn interessieren vor allem Fragen der Medienfreiheit – ein für Journalisten aus Ostafrika besonders sensibles Thema.
15.30 Uhr: Nach eineinhalb Stunden theoretischer und praktischer Tipps zur Recherche verteilt Dozentin Almuth Schellpeper noch einige Unterlagen zum Lesen für den nächsten Kurs. Dann haben die 22 Studierenden das Programm für heute offiziell geschafft. Auch Rodrigo Rodembusch packt zusammen. Er will in eigener Sache noch etwas Recherche betreiben – zu Hause vor dem Fernseher. Für den Nachwuchsjournalisten der ideale Ort, um sein Deutsch weiter zu verbessern.














