Wenn die kraftvollen Klänge der Streicher aus Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ auf den Gängen der Pestalozzi-Schule zu hören sind, wissen alle im Haus: In fünf Minuten beginnt der Unterricht. Und wenn wenig später Liszts Ungarische Rhapsodie Nr. 2 fröhlich aus den Lautsprechern tönt, wird es ernst. Die Lehrer schließen die Klassenräumen, die Schüler gehen zu ihren Plätzen. Den klassischen Gong gibt es am Colegio Pestalozzi in Buenos Aires schon lange nicht mehr. „So geht man ein bisschen beschwingter in den Unterricht“, sagt Claudia Frey-Krummacher, seit bald neun Jahren Leiterin der Schule, deren Ruf so gut ist, dass es für neue Schüler lange Wartelisten gibt.
„El Pesta“, so nennen die Argentinier das Colegio gerne, ist eine von 37 Deutschen Auslandsschulen in Lateinamerika, weltweit sind es 140. „Noch vor zehn Jahren schickten Eltern ihre Kinder auf diese Schule, nicht weil, sondern obwohl dort Deutsch unterrichtet wurde. Heute ist das anders. Deutsch und Englisch, diese Kombination überzeugt viele“, sagt Direktorin Frey-Krummacher. Tatsächlich steigen die Schülerzahlen der Deutschen Auslandsschulen seit 2006 beständig, von 70 000 auf heute 81 000. Dazu kommen rund 270 000 Kinder und Jugendliche, die an 870 Schulen, die von der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) gefördert werden, deutsche Vokabeln pauken. Diese Einrichtungen bieten die jeweiligen nationalen Schulabschlüsse an – aber auch das DSD, das Deutsche Sprachdiplom. Diese Kombination berechtigt zum Hochschulstudium in Deutschland.
Die Pestalozzi-Schule war schon immer etwas Besonderes in Argentinien. Jüdische Einwanderer, die in den 1930er-Jahren aus Deutschland nach Buenos Aires kamen, fanden an den Deutschen Schulen keinen Platz, weil diese die Aufnahme verweigerten. Der Herausgeber des „Argentinischen Tageblatts“, Ernesto Alemann, gründete damals eine neue, bilinguale und an keine Konfession gebundene Einrichtung. Heute wird an dem Colegio im Stadtteil Belgrano zwar nach argentinischem Lehrplan unterrichtet, aber alle Schüler lernen Deutsch und Englisch. Sie machen das IB, das International Baccalaureate, das ein Studium in Deutschland und vielen Ländern der Welt ermöglicht.
Im Büro der Direktorin Frey-Krummacher hängt an einer Pinnwand eine Farbkopie, darauf zu sehen ist der Stolz der Schule: das Zertifikat „Exzellente Deutsche Auslandsschule“, welches das Colegio vor wenigen Monaten als erste Schule im südlichen Südamerika erhielt. Die Prüfer sprachen mit allen an der Schule, vom Direktorat bis hin zum Sicherheitspersonal. Was sie hörten, überzeugte sie – genau wie viele Eltern. „Die Sprachauswahl und die Qualität der Ausbildung gaben den Ausschlag“, sagt Diego Dimentstein, Vater von drei Kindern, die alle aufs „Pesta“ gehen. Der jüngste, Federico, ist vier Jahre alt und geht in die Kita der Schule. Nicolás, 7, ist in der ersten Klasse und die älteste, Juliana, in der sechsten. Ihr Deutsch ist beachtlich. „Ich freue mich auf den Schüleraustausch“, sagt die 11-Jährige.
Das Colegio Pestalozzi ist eine von 1500 Schulen weltweit, die durch die vom Auswärtigen Amt ins Leben gerufene Initiative „Schulen: Partner der Zukunft“ (PASCH) gefördert werden. Ziel der Initiative ist es, Jugendliche für Deutschland und seine Sprache zu begeistern und ein modernes Deutschlandbild zu vermitteln. In Argentinien umfasst das Netzwerk neben dem Colegio Pestalozzi weitere 32 PASCH-Schulen, darunter drei Deutsche Auslandsschulen, 17 Schulen, an denen das DSD-Diplom erworben werden kann und 12 Fit-Schulen, an denen der Deutschunterricht neu auf- oder ausgebaut wird. Die Schulen werden mit zusätzlichem Lehr- und Fachpersonal, Studienstipendien, Schüleraustausch und Ausstattungshilfen unterstützt. Wichtig sind auch Fortbildungskurse für Lehrer zu Themen wie Phonetik, Grammatikvermittlung oder dem Einsatz des Internets im Unterricht sowie die Lehrmittelausstattung. „An manchen Schulen ist Deutsch das einzige Fach, für das es ein Lehrbuch gibt“, sagt Ines Patzig-Bartsch vom Goethe-Institut in Buenos Aires, die die Fit-Schulen in Argentinien, Uruguay, Chile und Paraguay betreut.
Als die größte Deutsche Auslandsschule weltweit gilt das Colégio Visconde de Porto Seguro in São Paulo. 11 000 Kinder und Jugendliche werden an sieben Standorten unterrichtet, die kleinsten sind 18 Monate alt und gehen in die Kita, die ältesten 18 Jahre alt und schließen bald die Schule ab. Die meisten sind Brasilianer. „Die Nachfrage ist groß“, sagt Schulleiter Matthias Holtmann. Stolz ist er auf die Escola da Comunidade, ein Sozialprojekt. 1800 Schüler aus benachbarten Favelas werden, ohne das sonst obligatorische Schulgeld zu zahlen, am Colégio unterrichtet.
Insgesamt schließen weltweit 11 000 Jugendliche im Jahr die Ausbildung an einer Deutschen Auslandsschule mit einer Studienberechtigung für deutsche Universitäten ab. In Deutschland sind die Absolventen der Deutschen Auslands- und Sprachdiplomschulen sehr willkommen, sie gelten als besonders selbstständig und sind im Studium erfolgreicher als andere internationale Studierende. Der DAAD hat spezielle Stipendienprogramme – vom Schnupperstudium bis zum Vollstipendium – für Absolventen der Schulen ins Leben gerufen.














