Bangolas Lage ist ernst: Das afrikanische Entwicklungsland braucht internationale Unterstützung. Die Erträge der Landwirtschaft reichen kaum aus, durch verunreinigtes Wasser drohen Krankheiten, die Infrastruktur ist marode. Die Vertreterin der staatlichen Wasserbehörde und ihre beiden Kollegen vom Landwirtschaftsministerium und vom Verkehrsministerium sitzen an einem kleinen Verhandlungstisch und suchen nach einer Einigung. Auf welche Entwicklungsprojekte sollen die 30 Millionen Euro der Europäischen Union verteilt werden? Auf Brunnen für die Landwirtschaft, ein Abwassersystem für die Hauptstadt, einen Flughafen. Der Vertreter des Verkehrsministeriums, ein junger Mann in Anzug und Krawatte, hat das Wort. Während er redet, gestikuliert er mit einer Hand, so als wolle er seinen Standpunkt verstärken: Ein Flughafen, sagt er, sei von großer Bedeutung für Bangola, das Land werde so attraktiver für Auslandsinvestitionen. Die junge Frau von der Wasserbehörde hält dagegen. Sie plädiert für ein neues Abwassersystem zum besseren Schutz vor Cholera. Auch der Mitarbeiter des Landwirtschaftsministeriums findet gute Gründe für mehr Brunnen. Die Debatte ist lebendig, aber ohne Ergebnis.
Zwanzig Minuten sind vorbei. Alexander Mühlen stoppt die Verhandlungen und beendet das Rollenspiel. Bangola ist in Wahrheit nur ein fiktiver Staat – und liegt an diesem Tag im Auswärtigen Amt in Berlin. Und die Verhandlungen sind nur eine Übung, die der frühere Botschafter in einem Lehrgang mit 15 jungen Diplomaten aus Afrika durchspielt. Das Ziel: Sich mit Methoden und Techniken des internationalen Verhandelns vertraut zu machen. Sekou Camara aus Guinea hat gerade am Verhandlungstisch gespürt, wie mühsam das sein kann. Jetzt wirkt er erleichtert. „Mit solchen Übungen kann ich richtiges Verhandeln besser lernen“, sagt 29 Jahre alte Diplomat und persönliche Assistent des Außenministers.
Es sind junge afrikanische Diplomaten wie Se-kou Camara, für die das Auswärtige Amt (AA) seit 2007 jedes Jahr intensive, mehrwöchige Kurse organisiert. Die Weiterbildung ist Teil der internationalen Diplomatenausbildung des AA. Ob Afrika, Asien, Lateinamerika, die arabische Welt oder Mittel- und Osteuropa: Junge Diplomaten aus 140 Ländern haben seit 1992 an Lehrgängen teilgenommen, das Netzwerk zählt heute rund 1500 Alumni. Afrika ist ein noch junger Kontinent innerhalb des Programms. 2010 wurden zwei Kurse, einer auf Englisch und erstmals einer auf Französisch, angeboten. Das Interesse ist groß, es gibt mehr Kandidaten als Seminarplätze. Wer teilnehmen will, muss gute Sprachkenntnisse mitbringen und vom Außenministerium seines Landes ausgewählt werden. So wie Oratile Khama. Die 27 Jahre alte Diplomatin aus Botsuana arbeitet in der Pressestelle des Außenministeriums. Für sie ist die Teilnahme etwas besonderes, denn eine vergleichbare Ausbildung gibt es in Botsuana nicht. „Die Vorträge über Wirtschaft mit der persönlichen Perspektive der Referenten haben mir sehr gut gefallen“, beschreibt sie ihre Seminarerfahrung.
Afrika, das zeigt nicht nur die Diplomatenausbildung, hat in der deutschen Außenpolitik an Aufmerksamkeit gewonnen: Mit der „Aktion Afrika“ hat Deutschland in den vergangenen drei Jahren sein kulturelles Engagement und die Bildungsarbeit in Afrika ausgebaut. 2008 war der Kontinent ein Schwerpunkt auf der Botschafterkonferenz des AA. Bundesaußenminister Guido Westerwelle reiste 2010 zwei Mal zu politischen Gesprächen nach Afrika. „Es ist ein Kontinent, der Kraft hat, sich zu entwickeln und politisch und wirtschaftlich auf eigenen Füßen steht“, sagt Alexander Mühlen. Der Diplomat im Ruhestand hat im Auswärtigen Dienst auf vier Kontinenten gearbeitet – zuletzt als deutscher Botschafter in Uganda. Heute leitet er das Afrika-Programm der Diplomatenausbildung. Im Kursraum hat Mühlen eine Afrika-Karte aufgehängt. Auf den Tischen vor den Kursteilnehmern steht die jeweilige Nationalflagge, dazu stapeln sich Unterlagen wie die Charta der Vereinten Nationen oder ein Buch mit dem Titel „The UN today“. So sieht intensive Arbeitsatmosphäre aus. „Ich habe mich schon oft gefragt, warum Deutschland wirtschaftlich so stark ist“, erzählt Alifo Noble, an dessen Jackett die deutsch-ghanaischen Flaggen als Anstecknadel blitzen. Der 42-Jährige kümmert sich im Außenministerium um die bilateralen Kontakte beider Länder. Aus Berlin nimmt er viel Hintergrundwissen über die deutsche Wirtschaft mit nach Accra. Wirtschaft ist nur ein Thema, mit dem sich die Diplomaten sechs Wochen lang befassen. Auf dem Programm stehen auch deutsche und europäische Geschichte, deutsche Afrika-Politik, die Vereinten Nationen oder wie heute erlebt, internationales Verhandeln. Hinzu kommen Fahrten etwa zur EU und Nato nach Brüssel.
Die Uhr im Seminarraum zeigt kurz nach 17 Uhr, ein anstrengender Tag endet. Auch Oratile Khama aus Botsuana und Lovelyn Bisangha aus Kamerun packen für heute zusammen. Sie wirken etwas müde, aber zufrieden. Noch sind sie keine Profis im Verhandeln. Aber das Seminar mit Kollegen aus 15 afrikanischen Ländern empfinden beide als wertvollen Austausch: „Es entstehen Kontakte und Freundschaften“, betont Oratile Khama. Es ist ein Netzwerk, von dem die junge Diplomatin und ihre Kollegen in Zukunft profitieren können – weltweit.////















