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Politik

Diplomatie für die Welt von morgen

Mit seinen internationalen Seminaren will das Auswärtige Amt junge Diplomaten aus der ganzen Welt besser vernetzen. Ein Besuch in Berlin beim Programm für Nachwuchskräfte aus Lateinamerika und der Karibik.

Von Martin Reischke

Die Welt von morgen ist so überschaubar, dass sie auf eine Magnettafel passt. Anhand von fünf Indikatoren lässt sie sich offenbar politisch vermessen: Militärische Stärke der EU? Zwei von fünf Punkten. Wirtschaftskraft? Drei Punkte. Am unteren Ende der Matrix schließlich steht eine Zahl. Sie zeigt an, welche Staaten in den nächsten drei Jahrzehnten an Einfluss gewinnen werden – und wer verliert. Die USA erhält 14,5 Punkte. Die EU hingegen liegt hinter China bei nur zehn Zählern. Aber kann man die Welt im Jahr 2040 so exakt vorhersagen, wie diese geopolitische Prognose an der Tafel vorgibt? Hans-Ulrich Spohn schüttelt den Kopf: „Es geht eher darum, den Teilnehmern beizubringen, dass man in Szenarien denken muss“, sagt der Diplomat im Ruhestand, der zuletzt deutscher Botschafter in Buenos Aires war. Die Teilnehmer, das sind 15 junge Frauen und Männer aus Lateinamerika und der Karibik, die als Nachwuchsdiplomaten für sechs Wochen nach Berlin gekommen sind.

Eine von ihnen ist Bárbara Magaña. Unruhig rutscht die junge Mexikanerin mit den langen, braunen Haaren auf ihrem Stuhl hin und her. Magaña soll die Entwicklung der EU einschätzen. Doch ihr Plädoyer dafür, die Europäische Union für ihren diplomatischen Einfluss mit der Höchstzahl von fünf Punkten zu belohnen, trifft bei ihren Kolleginnen und Kollegen nicht auf offene Ohren. Einer kurzen Diskussion folgt die Abstimmung. Ergebnis: Vier Punkte. Bárbara Magaña schüttelt enttäuscht den Kopf.

Dabei zeigt das geostrategische Planspiel nicht nur, dass es wichtig ist, in Szenarien zu denken, sondern auch, dass man gleich gesinnte Unterstützer braucht, um eigene Positionen erfolgreich zu vertreten. Darum geht es schließlich auch beim Lehrgang für Diplomaten aus Lateinamerika und der Karibik: Ein Netzwerk von Kollegen zu schaffen, die sich kennen und schätzen. „Diplomacy by Networking“ heißt daher auch der Leitspruch der internationalen Diplomatenausbildung des Auswärtigen Amts, die 1992 ins Leben gerufen wurde. Anfangs als Unterstützung für Diplomaten aus Mittel- und Osteuropa beim Aufbau ihrer Auswärtigen Dienste gedacht, ist das Programm inzwischen auf Kurse für Nachwuchsdiplomaten aus mehr als 140 Ländern angewachsen. Als Programmdirektor mit Lateinamerika-Erfahrung hat Hans-Ulrich Spohn den Lehrgang für Diplomaten aus Lateinamerika und der Karibik vor fünf Jahren entwickelt. „Wir wollen bewusst kein Deutschlandseminar anbieten“, sagt er. „Der Fokus des Lehrgangs liegt auf der strategischen Partnerschaft zwischen Europa, Lateinamerika und der Karibik.“

Diese Partnerschaft, die 1999 in Rio de Janeiro offiziell beschlossen wurde, will der ehemalige Botschafter Spohn nun mit Leben füllen – den Diplomatenlehrgang hat er daher unter den Titel „Partners for Global Governance“ gestellt. „Viele Länder in Lateinamerika und der Karibik vertreten ähnliche Interessen wie Deutschland“, sagt Spohn. Im Lehrgang diskutieren die Diplomaten deshalb gemeinsame Fragen der internationalen Friedensordnung ebenso wie Probleme des globalen Finanz- und Wirtschaftssystems oder die internationale Umsetzung der Menschenrechte. Finanziell basiert die internationale Diplomatenausbildung auf drei Säulen: Neben dem Auswärtigen Amt unterstützen verschiedene Stiftungen wie die Robert-Bosch-Stiftung die Seminare, außerdem stehen für die einzelnen Programme spezifische Projektmittel bereit. Die Seminarteilnahme ist für die jungen Diplomaten aus dem Ausland kostenlos, nur die Reisekosten müssen vom Heimatland übernommen werden.

Häufig werden die Nachwuchsdiplomaten durch die Seminare auf die diplomatische Arbeit in Deutschland vorbereitet. Von rund 1500 Alumni arbeiten heute etwa 150 an den Botschaften ihrer Länder in Berlin. Auch Bárbara Magaña kann sich ein Leben in der deutschen Hauptstadt gut vorstellen. Der 28 Jahre alten Mexikanerin, die sich im Außenministerium mit den Beziehungen zu Kolumbien, Ecuador und Venezuela beschäftigt, steht im kommenden Jahr ein Ortswechsel bevor: „Dann werde ich wohl nach Europa geschickt – vielleicht sogar nach Berlin“, hofft Magaña.

Dass „Diplomacy by Networking“ keine leere Phrase ist, sieht die Mexikanerin an ihrer eigene Chefin: Die mexikanische Außenministerin Patricia Espinosa Cantellano hat in ihrer Jugend die deutsche Schule in Mexiko-Stadt besucht, später ein Schuljahr in Schleswig-Holstein verbracht. „Heute ist die Zusammenarbeit mit Deutschland eines ihrer Lieblingsthemen“, sagt Magaña. Einen der Schwerpunkte sieht Magaña dabei im Wissensaustausch, zum Beispiel an Universitäten: „Wir haben zwar genügend Rohstoffe und eine verhältnismäßig junge Bevölkerung – was uns allerdings fehlt, ist die Technologie.“

Auch die Sicht auf die eigene Region kann durch das Seminar geschärft werden, etwa durch einen dreitägigen Besuch in Brüssel bei der Europäischen Union „Integration ist auch für uns sehr wichtig“, sagt Ricardo A. Moreta aus der Dominikanischen Republik. „Im Seminar haben wir Instrumente und Strategien kennen gelernt, die bei der europäischen Integration geholfen haben.“ Im Gegensatz zu Bárbara Magaña ist für Ricardo A. Moreta der Sprung nach Europa bereits Wirklichkeit geworden: Seit März 2010 arbeitet der 28 Jahre alte Diplomat an der Botschaft der Dominikanischen Republik in Berlin. Für ihn ist das Seminar auch eine Art Bewährungsprobe: „Hier werden wir als Diplomaten getestet“, sagt Moreta.

Ortswechsel: Einen Tag später feiern die jungen Diplomaten im Internationalen Club des Auswärtigen Amts den Abschluss ihres sechswöchigen Seminars. Es ist kurz nach neun, die Meinungsverschiedenheiten vom Strategiespiel am Vortag sind längst vergessen. Und gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen aus Mexiko, Argentinien, Belize und Guatemala tanzt Bárbara Magaña zu den Liedern „La Camisa Negra“ des kolumbianischen Sängers Juanes und „Satellite“ von Deutschlands neuem Popstar Lena. In der Popkultur, so scheint es, treffen Lateinamerika und Deutschland schon den richtigen Ton. Und mit dem Diplomatennetzwerk gewinnt auch die politische Partnerschaft weiter an Profil.////

05.11.2010
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