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Sprache

„Der deutschen Sprache dankbar“

Ryozo Maeda, Professor für Deutsche Literatur und Kultur an der Rikkyo Universität in Tokyo, ist Präsident der Japanischen Gesellschaft für Germanistik (JGG). Ein Interview über die deutsche Sprache und ihren Stellenwert in Japan

Herr Maeda, welchen Stellenwert hat Deutsch in Japan?

Als Kultursprache hat Deutsch in Japan nach wie vor einen hohen Stellenwert. Aus der deutschen Literatur und Kunst sowie aus den Wissenschaften werden jedes Jahr immer noch im Schnitt über 200 Titel neu übersetzt und publiziert – sowohl Klassiker als auch Werke der Gegenwart. Und 15 bis 20 Prozent der Studienanfänger entscheiden sich für Deutsch als Zweitfremdsprache. Diese Zahl ist mit denjenigen vergleichbar, die Französisch, Spanisch oder Koreanisch lernen. In diesem Sinne bleibt Deutsch eine der Major Languages in der Hochschullandschaft. Bis in die frühen 1980er Jahren allerdings war Deutsch die absolute Nr. 1. In den naturwissenschaftlichen und technischen Fächern lernten sogar manchmal über 75 Prozent der Studierenden Deutsch.

Wie interpretieren Sie die Entwicklung seit den 1980er Jahren?

Im Rückblick auf diese „gute alte Zeit“ ist immer noch von der „Krise des Deutschen“ die Rede. Denkt man aber an die Alleindominanz des Englischen in der interkulturellen Kommunikation als Folge der Globalisierung, liegt es auf der Hand, dass es kein spezifisches Problem der deutschen Sprache ist.

Gibt es Ansätze einer Erholung?

Ja, es gibt Ansätze einer Erholung. Es wird aber keine drastische Erholung sein. Es sind kleine Ansätze, die die innere Mannigfaltigkeit der deutschen Kultur wahrnehmbar machen. Dazu gehören sicherlich die neue deutsche Pop-Musik, Kinofilme, aber auch neue deutsche Literatur. Kleine Ansätze haben meines Erachtens den Vorteile, dass sie junge Leute mit ausdifferenzierten und multikulturell geprägten Interessen vielleicht leichter erreichen als die kulturellen Massenprodukte und somit neue Gruppen von Interessierten an der deutschen Sprache und Kultur erschließen.

Kürzlich zeichnete eine junge Japanerin einen Manga über deutsche Märchen. Können Mangas kulturelle Brücken bauen?

Für mich sind Mangas ein geeignetes Einstiegsmedium der Kulturvermittlung. Sie ermöglichen es, die deutsche oder japanische Kultur ohne abschreckende Aura quasi „in Lebensgröße“ genießbar zu machen. Manga ist in diesem Sinne – sehr vereinfacht gesagt – das Medium der Nähe. Aber das ist nur die Hälfte der Sache. Man muss auch die Ferne der anderen Kultur wahrnehmen, und zwar durch die sprachlich oder ästhetisch elaborierten Werke – Literatur und Film. Wie wir das durch Manga einmal hervorgerufene neue Interesse der Jugendlichen zu den „alten“ Kulturmedien wie Büchern oder Filmen sinnvoll vermitteln können – das wäre eine der zentralen Fragen für uns.

Die Japanische Gesellschaft für Germanistik ist immer noch der zweitgrößte Germanistikverband außerhalb Europas, nach den USA. Wie viele Mitglieder haben Sie? Und welche Themen beschäftigen Sie?

Die Japanische Gesellschaft für Germanistik hat mehr als 2000 Mitglieder. Die Mehrzahl von ihnen sind Germanisten und gleichzeitig Deutschlehrer. Wir beschäftigen uns seit Jahrzehnten intensiv mit der Förderung der internationalen Zusammenarbeit der Germanisten in Ostasien. Im Jahr 2011 feiern wir das 150-jährige Bestehen der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Japan – eine gute Gelegenheit, um über die Geschichte der deutsch-japanischen Kulturkontakte zu reflektieren und diese Geschichte einem breiteren Publikum in einem neuen Licht wieder sichtbar zu machen.

Im Sommer findet der 12. Internationale Germanistenkongress in Warschau statt. Welche Interessen verfolgen Sie dort?

Für die japanischen Germanisten ist der Germanistenkongress in Warschau eine sehr wichtige Gelegenheit, um die in Gang gebrachte Internationalisierung zumal auf der Ebene der persönlichen Kontakte noch zu erweitern. Viele JGG-Mitglieder – auch die Nachwuchsgeneration – nehmen aktiv teil. Und ich selber wirke als Mitglied des Internationalen Ausschusses bei der Planung und Vorbereitung des Kongresses mit. Ich freue mich sehr darauf, in Warschau alte Freunde wiederzusehen und neue Bekanntschaften zuknüpfen.

Seit den 1980er Jahren unterscheidet man zwischen Inlands- und Auslandsgermanistik. Sehen Sie sich als Professor für Deutsche Literatur und Kultur heute eher als Kulturwissenschaftler?

Die Sprach- und Textkompetenz macht immer noch unsere Kernkompetenz aus, und diese Kompetenz erwirbt man erst durch die systematische und intensive Beschäftigung mit der Literatur. Germanisten im Ausland sollten zunächst als Spezialisten für deutsche Sprache und Sprachkultur ausgebildet werden. Erst aufgrund dieser Kernkompetenz sind sie mit den Spezialisten für Film, Kunst oder Geschichte nicht nur konkurrenzfähig, sondern zur produktiven Zusammenarbeit mit diesen fähig. Also: Ich nenne mich gern Literaturwissenschaftler mit einem spezifisch kulturwissenschaftlichen Interesse.

Wie kamen Sie zur deutschen Sprache?

Mein Vater wurde an der Kaiserlichen Universität ausgebildet und hat auch Deutsch gelernt. In seiner nicht gerade großen Schallplattensammlung gab es einige Kunstlieder von Schubert. Dietrich Fischer-Dieskau war einer der ersten, von dem ich „deutsche Töne“ hörte. Als Schüler habe ich dann viele europäische Autoren in Übersetzung gelesen. Rilke, Hölderlin, aber auch Kafka und Musil habe ich in der Bibliothek meines Vaters gefunden. Ich hatte das Gefühl, dass es sich um eine durchaus andere Literatur handelt als die französische oder die englische. Aber ich kann mich nicht gut erinnern, wie ich dazu gekommen bin, mich für Germanistik zu entscheiden – das geschah ziemlich spät. Ich vermute, langsam wurde in mir ein Interesse an der deutschen Kultur herausgebildet. Also fing ich an, autodidaktisch Deutsch zu lernen, bevor ich das Literatur-Studium in Tokyo aufnahm.

In welchen kulturellen Kontext fiel Ihr Interesse an der deutschen Sprache?

Es war die Zeit, in der die deutsche Sprache und Kultur in der allgemeinen Umbruchstimmung und zumal in der politisch radikalisierten beziehungsweise systemkritischen Studenten- und Jugendkultur ihre letzte – glänzende – Präsenz hatte. Nicht nur in den Parolen der Studentenrevolte, sondern auch in Alltagsgesprächen von Jugendlichen kamen deutsche Wortsplitter wie Gewalt, Bund oder Kritik vor. Es wurde über Freud und Marx wie über John Lennon oder Bob Dylan diskutiert. Es war, als hätte der alte Deutsch-Kult in der Jugend- und Studentenkultur ein Revival erlebt, und zwar als Parodie. Ich war nicht besonders politisch, wurde aber von einem gewissen Gefühl der Innovation, das diese Situation auszustrahlen schien, quasi angesteckt.

Was ist für Sie das Besondere an der deutschen Sprache?

Für mich ist das Besondere der deutschen Sprache in erster Linie das Zusammensein von der soliden Strukturiertheit und der direkten Bildlichkeit, von der höchst-abstrakten Logizität und der gewissen, zumal deiktischen Körperlichkeit. Die beiden Elemente kommen in deutscher Sprache in einer Weise fast unvermittelt zusammen, wie es in einer anderen Sprache – Englisch, Französisch oder Japanisch – nur schwer möglich wäre. Außerdem ist Deutsch für mich die Sprache der Kommunikation mit den Kolleginnen und Kollegen in China, Korea und Taiwan. Im Gespräch mit den asiatischen Freunden habe ich oft das Gefühl, dass wir uns in deutscher Sprache anders – oder sogar besser – verständigen können als etwa in Englisch. Wir sind vielleicht bewusster, gelassener, vorsichtiger oder geduldiger. Es ist, als wären wir dabei durch das historische und kulturelle Gedächtnis, das in der deutschen Sprache akkumuliert ist, gut vermittelt. Der deutschen Sprache bin ich auch in diesem Sinne sehr dankbar.

Die Fragen stellte Martin Orth

24.02.2010
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