Wenn Träume in eine Schublade passen, dann füllen sie hier bei Arava-Power in Herzliya gleich zwei. Sie haben die Form von mehreren Dutzend Stempeln, wobei jeder Einzelne für eine künftige kommerzielle Solaranlage steht. Die ersten in Israel. Josef Abramowitz, 46, und Eliezer Tokman, 60, lassen einen aber nur einen flüchtigen Blick auf ihre Sammlung werden, dann gehen die Schubladen wieder zu. Noch wollen sie nicht zu viel preisgeben, nicht zu viel versprechen, solange nicht alles endgültig unter Dach und Fach ist. Denn Hürden – vor allem bürokratische - gab es genug auf ihrem Weg, die Energiepolitik in Israel zu revolutionieren.
Im Prinzip fanden alle ihr Vorhaben richtig. Und natürlich wünscht sich heute auch die israelische Regierung eine grünere Zukunft und hat deshalb beschlossen, dass bis zum Jahr 2020 zehn Prozent der gesamten Stromproduktion erneuerbar sein soll. Immerhin liegt der EU-Standard bei 20 Prozent. Josef Abromowitz, Präsident und Mitbegründer von Arava-Power, musste mit vielen verschiedenen Behörden verhandeln, um die Erlaubnis für das erste Sonnenkraftwerk Israels zu erhalten, dessen Strom ins staatliche Elektrizitätsnetz eingespeist werden soll. Neben gewerblichen Lizenzen für die Installation von Photovoltaikanlagen, angemessen dimensionierten Grundstücken und Baugenehmigungen für die Errichtung eines Solarfeldes, mussten neue Gesetze und Regulierungen geschaffen werden. „Wir sind die ersten, die diesen Prozess nun einleiten“, betont Eliezer Tokman, CEO von Siemens Israel Ltd. Die im Jahr 2000 gegründete Tochtergesellschaft des deutschen Konzerns ist mit 40 Prozent an diesem Pionierprojekt beteiligt – und gehört zu den innovativsten Unternehmen in Sachen Umwelttechnologie.
An einer Wand in den Siemensbüros in Herzliya hängt ein Wüstenbild mit einem Zitat von David Ben-Gurion aus dem Jahr 1965. Sonnenergie werde „immer nahezu unbeschränkt zu uns fließen“, steht da. Mit Photoshop wurde darunter eine Photovoltaik-Anlage in den Sand gesetzt. Die dunklen Panels glänzen in der Sonne. Noch stecken die echten 800 Suntechpanels in der Verpackung. Aber sie sind bereits an Ort und Stelle. Auch das Terrain für die erste kommerzielle Solaranlage wurde längst vorbereitet, es handelt sich um einen Bereich von 80 Dunam (80.000 Quadratmeter), perfekt geglättet, samt Zugangsstraße und einem Zaun in Wüstenfarbe - südwestlich vom Kibbutz Ketura und 50 Kilometer nördlich von Eilat gelegen. Ende November 2010 legte sich das Jerusalemer Infrastrukturministerium nun erstmals vertraglich fest, den dort künftig produzierten Solarstrom zwanzig Jahre lang zu einem Wert in Höhe von 250 Millionen NIS abzunehmen. Für Februar 2011 ist die erste offizielle Eröffnungsfeier geplant, im Mai soll es dann zur Inbetriebnahme kommen. „Hoffentlich schaffen wir es dann, der Welt die physische Manifestation unserer Zusammenarbeit zu zeigen“, sagt Tokman.
Dass diese für alle Beteiligten ideal ist, daran zweifelt im Augenblick niemand. Im August 2009 war Siemens mit 15 Millionen Dollar bei Arava-Power eingestiegen. Das Solarunternehmen ist der israelische Marktführer bei der Entwicklung von Photovoltaik-Anlagen. Dabei handelt es sich um die bisher umfangreichste ausländische Finanzierung für ein israelisches Solarenergie-Unternehmen. „Das Investment zielt darauf, die Photovoltaik-Anlagen weitgehend mit Siemens’ Know-how zu errichten, Bauteile wie zum Beispiel Wechselrichter und Transformatoren zu liefern und somit neue Aufträge zu sichern,“ heißt es auf der Siemens-Website dazu. Siemens übernimmt als Generalunternehmer das Projektmanagement einschließlich des Engineerings sowie den Bau der Sonnenkraftwerke. Insgesamt hat das Unternehmen einen Rahmenvertrag über die Errichtung von Solaranlagen mit einer Gesamtleistung von 40 Megawatt abgeschlossen. Die Anlage im Kibbutz Ketura mit bis zu 4,9 MW-Leistung ist also nur der Anfang. In den Wüstengebieten Negev und Arava sind zahlreiche weitere Photovoltaik-Anlagen in Planung.
Für Siemens ist das Projekt in der israelischen Wüste ein weiterer Baustein in dem gut positionierten Umweltportfolio: Aktuell erlöste der Konzern weltweit mit Produkten und Lösungen des Bereichs Umwelt rund 28 Milliarden Euro. Die erneuerbaren Energien haben sogar den größten Anteil am Auftragswachstum in dem gerade abgelaufenen Geschäftsjahr 2010, das Siemens mit einem Rekordergebnis abschloss. Israel, heißt es bei Siemens, sei „dank der intensiven Sonneneinstrahlung und seines stetig wachsenden Energiebedarfs ein idealer Ort, um das Solargeschäft weiterzuentwickeln“. Wobei es sich hier jedoch um eine besondere Art der Kooperation handelt. „Siemens baut auch woanders Kraftwerke, aber nicht in dieser Art von Partnerschaft“, erklärt der israelische Siemens-Chef Eliezer Tokman. Es gehe eben nicht nur um Investition und Beteiligung, sondern auch um technologisches Know-How. „Wir haben sogar deutsche Regulierungsgesetze nach Israel gebracht. Israelischer Unternehmergeist und deutsches Know-how werden hier kombiniert.“
Dass die deutsch-israelische Zusammenarbeit so glatt läuft, führt Tokman unter anderem auch auf die „gegenseitige Wertschätzung“ zurück. „Obwohl die Ingenieure beider Ländern aus ganz unterschiedlichen Richtungen kommen, verstehen sie sich gut. Die Deutschen sagen: Wir können von Euch lernen, weil es Eure Technologiefirmen schaffen, viel aus wenig zu machen. Umgekehrt schätzen die Israelis die deutsche Fähigkeit, Dinge tatsächlich umzusetzen. Gemeinsam schaffen wir so Value.“
Was für Außenstehende erstaunlich sein mag - diese reibungslose deutsche-israelische Zusammenarbeit - ist für die Beteiligten längst Routine. Wobei es in der Regel die Deutschen seien, erzählt Tokman, die sich besorgt erkundigten, ob denn die schwere Last der Vergangenheit sich nicht als störender Faktor bei einer so engen Zusammenarbeit erweisen könnte. Die Israelis wiederum interessierten sich vor allem für die Herausforderungen von heute und morgen. Und erneuerbare Energien sind da nun einmal ein Schlüsselbegriff.
Wobei sich in der Ökobranche eine seltsame Kluft auftut: So sehr israelische Firmen an der Entwicklung neuer Technologien interessiert sind, so wenig werden sie bisher im Alltag auch tatsächlich eingesetzt. Um wirklich zu einer führenden Clean-Tech-Industrie zu werden, glaubt Abramowitz, müsste in Israel erst einmal Nutzung und Nachfrage geschaffen werden. Diese erste Phase lasse sich nicht einfach überspringen. Josef Abramowitz` Vision geht weit über die Grenzen Israels hinaus. So viele Länder in der Welt hätten ihre Solar-Reise noch gar nicht begonnen, sagt er. Etwa in afrikanischen Ländern werde 25 bis 50 Prozent des Bruttosozialprodukts für den Kauf von Energie ausgegeben. Wenn sich das ändern ließe, würde das auch eine Entwicklungs-Revolution bedeuten. Das Interesse an seinem Projekt ist jedenfalls groß. Die deutsch-israelische Synergie weckt Neugierde. Jede Woche beantwortet Abramowitz Fragen von interessierten Anrufern und bekommt Einladungen. Zuletzt zu einer Solarkonferenz in Abu Dhabi, wo er – als amerikanischer Staatsbürger – über seine Aktivitäten berichten sollte. „Die wollen alle wissen, was wir hier gemeinsam tun.“ ////















