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Politik

Kontinent mit Potenzial

Deutschland will seinen Beziehungen zu Lateinamerika und der Karibik neue Impulse geben. Grundlage für die künftige Zusammenarbeit mit den Ländern der Region ist ein umfassendes Konzept, das Bundesaußenminister Guido Westerwelle im August 2010 vorgestellt hat.

Von Oliver Sefrin

Im Weltsaal des Auswärtigen Amts in Berlin säumten die Flaggen aller 33 Staaten Lateinamerikas und der Karibik das Podium – ganz so, als sei ein ganzer Kontinent an die-sem Tag zum Staatsempfang in der deutschen Hauptstadt geladen. Gekommen waren mehr als 400 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft – und der Vizekanzler und Bun-desaußenminister Guido Westerwelle, der das neue Regie-rungskonzept für Lateinamerika und die Karibik präsentier-te.

Das 64 Seiten starke Dokument, das das Auswärtige Amt in enger Absprache mit den anderen Ministerien sowie Nicht-regierungsorganisationen ausgearbeitet hat, ist das erste groß angelegte Gesamtkonzept für die gesamte Region. seit 1995. Das aktuelle Papier behandelt von Politik und Wirt-schaft über Entwicklungszusammenarbeit bis hin zu Bil-dung und Forschung sowie Umwelt- und Klimaschutz ein breites Themenspektrum der bilateralen Beziehungen. Kla-re Botschaft des Konzepts: Deutschland müsse sich künftig in Lateinamerika aktiver engagieren und die Potenziale der Beziehungen besser ausschöpfen. Bundesaußenminister Guido Westerwelle sagte, die dynamische Region mit 500 Millionen Einwohnern werde in ihrer politischen und wirt-schaftlichen Bedeutung häufig unterschätzt. „Der ganze Kontinent ist im Aufbruch. Wir sollten klug genug sein, bei dieser Erfolgsgeschichte dabei zu sein.“

Westerwelle selbst hatte bei einer seiner ersten großen Aus-landsreise als Bundesaußenminister im März 2010 mit Chi-le, Brasilien, Argentinien und Uruguay gleich mehrere Länder der Region besucht. Er traf dort unter anderem zu politischen Gesprächen mit den Staatspräsidenten Brasi-liens und Uruguays, Luiz Inácio Lula da Silva und José Mujica, sowie der argentinischen Staatspräsidentin Cristina Kirchner zusammen. Die Reise hatte Westerwelle auch als Vorbereitung für die Ausarbeitung des neuen Lateinameri-ka-Konzepts genutzt.

Bei dessen Vorstellungen am 4. August in Berlin betonte Guido Westerwelle die gemeinsamen politischen Werte und Interessen mit den Staaten Lateinamerika, die eine so-lide und verlässliche Grundlage für die Zusammenarbeit bildeten. Bereits in der Vergangenheit habe sich gezeigt, dass lateinamerikanische Länder bei bedeutenden internati-onalen Fragen wie zum Beispiel der Abrüstungspolitik, der Reform des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen und des Klimaschutzes wichtige Partner für Deutschland seien.

Nach dem ersten Kapitel, das sich mit politischen Themen wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte sowie Fragen von Frieden und Sicherheit befasst, geht das Konzept als Zweites ausführlich auf die Wirtschaftsbezie-hungen ein. Für deutsche Unternehmen ist Lateinamerika – trotz wachsender internationaler Konkurrenz vor allem aus Asien – weiterhin ein wichtiger Produktionsstandort und wachsender Absatzmarkt. So ist etwa Brasiliens Metropole São Paulo die größte deutsche Industriestadt und das wich-tigste deutsche Investitionszentrum außerhalb der Europäi-schen Union und den USA. In Brasilien, sagte Westerwelle, ergäben sich insbesondere aus den beiden sportlichen Großereignissen – der Fußball-WM 2014 und den Olympi-schen Sommerspielen 2016 – enorme Chancen für die wirt-schaftliche Zusammenarbeit. Bereits angelaufen ist die deutsch-brasilianische Aktion „WinWin 2014/2016“, die die Kooperation im Vorfeld der beiden Sportveranstaltun-gen stärken soll.

Um die Beziehungen mit Lateinamerika und der Karibik zu festigen und auszubauen setzt das neue Konzept der Zu-sammenarbeit auch auf die gewachsenen und weiter wach-senden Kultur- und Wissenschaftskooperationen. Verstärkt sollen qualifizierte Absolventen der Schulen, die zum Netz-werk der „Initiative: Schulen Partner der Zukunft“ (PASCH) gehören, darunter inbesondere Absolventen Deutscher Auslandsschulen, für ein Studium an deutschen Hochschulen gewonnen werden. Dass das Interesse an der deutschen Sprache in den vergangenen Jahren in Latein-amerika neu erwacht ist, geht vor allem auf die Partner-schulinitiative zurück. Durch diese hat sich die Zahl der Schulen, an denen der Deutschunterricht ausgebaut wird, deutlich erhöht. Fortbildungs- und Stipendienangebote sol-len das Deutschlernen – und -Lehren weiter fördern. In Wissenschaft und Forschung setzen derzeit bereits gemein-same Initiativen wie das noch bis April 2011 laufende deutsch-brasilianische Jahr der Wissenschaft, Technologie und Innovation neue Akzente. Für 2013 ist außerdem ein „Deutschlandjahr“ in Brasilien geplant.

19.08.2010
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