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Deutschland im Aufschwung

Deutschland hat sich schnell von der internationalen Wirtschaftskrise erholt. Was ist das Erfolgsrezept? Wie nachhaltig ist der Aufschwung?

Von Martin Orth

Die Fachwelt reibt sich die Augen und die internationale Presse kon­statiert ein Wunder. „The 20-Year­Miracle“ titelt das US-amerikanische Wirtschaftsmagazin „Businessweek“ und widmet „New Germany“ im Herbst 2010 eine 23-seitige Titelgeschichte. Die renommierte „New York Times“ lobt Deutschlands „eigene Vision“ von der Bewältigung der Krise. Und die französische „Le Monde“ überschreibt gar einen Kommentar mit der nicht ganz ernst gemeinten Frage: „Wird Deutschland die Welt retten?“

Die internationale Wertschätzung beruht auf der Faszination der Zahlen. Das Bruttoinlandsprodukt wächst 2010 um knapp vier Prozent. Der Export kratzt an der Billionen-Euro-Marke. Die Beschäftigung ist so hoch wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Der Aufschwung verspricht höhere Einkommen, eine wachsende Binnennachfrage und steigende Steuereinnahmen. Nachdem der Aufschwung zunächst vor allem vom Export getragen wurde, steht er auf einer zunehmend breiteren, auch binnenwirtschaftlichen Basis. Eine Spirale nach oben. Und die „Wirtschaftsweisen“, der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, rechnet mit weiter sinkenden Arbeitslosenzahlen.

Wie gelang Deutschland das Kunststück, die Finanz- und Wirtschaftskrise so schnell zu überstehen? Rückblick. Nach der Insolvenz von Lehman Brothers im September 2008 trifft Deutschland der Einbruch des Welthandels mit voller Wucht. Die deutschen Im- und Exporte und die Industrieproduktion sinken innerhalb eines halben Jahres um mehr als 20 Prozent. Allein im Januar 2009 produziert die Paradebranche Automobilindustrie 34 Prozent weniger Fahrzeuge in Deutschland als im Vergleichsmonat 2008.

Mit einem Wunder hat der Aufschwung allerdings nichts zu tun. Die „Wirtschaftsweisen“ attestieren der Bundesregierung, den Abwärtstrend „alles in allem erfolgreich abgebremst“ zu haben. In der schwersten Rezession der vergangenen 60 Jahre handeln die Politiker und Unternehmer weitsichtig und pragmatisch. Die Bundesregierung legt milliardenschwere Konjunkturpakete auf, die der Wirtschaft und der Umwelt gleichermaßen dienen. Mit öffentlichen Investitionen werden Gebäude saniert. Das kommt der Bauwirtschaft zugute – und der Öko-Bilanz. Die sogenannte „Abwrackprämie“ erneuert den Automobilbestand ökologisch und stützt die Branche. Der „Rettungsschirm“ für die Banken verhindert weitere Verwerfungen im Finanzsektor.

Die im Zuge der Reformagenda 2010 eingeführten flexiblen Arbeitszeitinstrumente sowie die Kurzarbeiterregelungen bewahren Deutschland in der Krise vor Massenentlassungen. Im Aufschwung erlauben sie es den Unternehmen, die schnell anziehende Nachfrage vor allem aus den Schwellenländern China, Indien und Brasilien zu befriedigen. Es zeigt sich, dass die Produktpalette der deutschen Unternehmen den Bedürfnissen der weltwirtschaftlichen Wachstumsmotoren entspricht. So profitiert Deutschland von der ökonomischen Dynamik der Schwellenländer. Die deutsche Wirtschaft ist gut aufgestellt.

Der Mittelstand entpuppt sich in der Krise einmal mehr als Rückgrat der deutschen Wirtschaft mit der notwendigen Stabilität. Er stellt weit über 90 Prozent der Unternehmen in Deutschland und beschäftigt 65 Prozent der Arbeitnehmer. Ein Großteil der Firmen sind Familienunternehmen. Sie zeichnet Kontinuität und langfristiges Denken statt kurzfristigem Gewinnstreben und häufigen Strategiewechseln aus. Nicht selten finden sich sogenannte „Hidden Champions“ unter ihnen – Unternehmen, die weitgehend unbekannt, aber international orientiert in einer Nische Weltmarktführer sind.

Aber auch die großen deutschen Konzerne kommen mit Schwung aus der Krise. Der Autobauer BMW hat im dritten Quartal 2010 so viel verdient wie nie zuvor. Das Betriebsergebnis des Technologieunternehmens Siemens erreicht 2010 einen Allzeitrekord – mit einem überdurchschnittlich wachsenden Umweltportfolio. Bauwirtschaft und Handwerk bitten Kunden um Verschiebung der Aufträge aufs nächste Jahr. In den Zukunftsbranchen Gesundheit und erneuerbare Energien werden händeringend Mitarbeiter gesucht. Ein Blick auf die lange Liste der Stellenangebote bei juwi.de, einem mittelständischen Ingenieurbetrieb für erneuerbare Energien, genügt. Das junge Unternehmen hat gerade seinen tausendsten Mitarbeiter eingestellt und in den vergangenen zwei Jahren 600 Arbeitsplätze geschaffen.

„Eine solche Entwicklung haben die Bundesbürger seit einer Generation nicht mehr erlebt“, schreibt das Manager Magazin. Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank, sieht „fast die Ideallinie“. Die Deutsche Bank Research titelt „Germany is back“, versieht den Optimismus allerdings mit einem Aber: „Anzeichen einer Eintrübung bei wichtigen Handelspartnern bergen Risiken.“ Zudem muss sich erst noch zeigen, ob die hohen Wachstumsraten nachhaltig sind oder vor allem eine Reaktion auf den überaus scharfen Konjunktureinbruch darstellen und rasch wieder abbröckeln werden. Ulrich Kater warnt im Konzert mit den führenden Wirtschaftsforschungsinstituten: „Man muss abwarten, wie sich die unbefriedigende Entwicklung in den USA auf Deutschland auswirkt. Auch könnten uns Verwerfungen bei den Wechselkursen Probleme bereiten. Die größten Sorgen machen mir momentan die Rohstoffmärkte.“ Aber er fügt auch hinzu: „Die Risiken nach oben wie auch nach unten sind gleichmäßig verteilt.“////

17.11.2010
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