Bernard Meyer geht gerne auf Kreuzfahrt. Aber noch viel lieber ist er zuhause im Emsland. Dort hat er sein Haus, seine Familie, seine Firma. Der Unternehmer macht sich nicht viel aus Luxus. Er spielt kein Golf, sammelt keine Kunstwerke und fährt mit einem Mittelklassewagen zur Arbeit. Bernard Meyer ist Schiffbauingenieur. Kreuzfahrten gehören zu seinem Geschäft. Denn Bernard Meyer leitet in sechster Generation die Meyer Werft in Papenburg. Er hat aus dem über 200 Jahre alten Familienbetrieb einen Global Player in der Provinz geschaffen. Die Meyer Werft baut Kreuzfahrtschiffe, die mehr als doppelt so hoch sind wie das Brandenburger Tor. Die schwimmenden Kleinstädte nehmen bis zu 4000 Personen auf – mehr als die beliebten Nordseeinseln Wangerooge, Spiekeroog und Langeoog Einwohner zählen. Die Luxusliner entstehen in gigantischen Baudocks, durch die ohne Weiteres ein Airbus A380 fliegen könnte. Und knapp 300000 Besucher strömen jährlich in die Werft im Emsland – mehr als zu den weltberühmten Philharmonikern in Berlin. Nicht gezählt die Zehntausenden Schaulustigen, die dreimal im Jahr einer spektakulären Emsüberführung von Papenburg bis in die 40 Kilometer entfernte Nordsee beiwohnen.
Mitte März war es wieder so weit. Die „Celebrity Eclipse“ wurde ausgeliefert. Millimeterarbeit auf der Ems. Der schmale Fluss muss jedes Mal aufgestaut werden, damit die gigantischen Schiffe Richtung Meer gezogen werden können. Bernard Meyer ist in Jeans dabei, beobachtet das Szenario, schüttelt Hände und grüßt mit dem für die Region typischen „Moin“. Bernard Meyer ist fest in der Region verankert. Der 62-Jährige stammt aus dem 35000 Einwohner-Städtchen Papenburg im flachen Emsland. Im nordwestlichen Zipfel Deutschlands leben die Menschen mit den Gezeiten. Ebbe und Flut. Das macht gelassen. Eitelkeiten und große Worte gehören nicht zum Selbstverständnis der Menschen. Bodenständigkeit und Zusammenhalt werden großgeschrieben.
Bernard Meyer steuert sein Unternehmen wie ein Kapitän, mit Weitsicht und Verantwortung für seine 2500 Mitarbeiter – in ruhigen wie stürmischen Zeiten. Dazu gehört auch mal ein Kurswechsel. Seine Idee war es – nachdem er 1982 das Geschäft von seinem Vater übernommen hatte –, frühzeitig auf Kreuzfahrtschiffe zu setzen. 1985 lief die „Homeric“, das erste Kreuzfahrtschiff der Meyer Werft, vom Stapel. Bis zum Jahr 2013 werden 35 Luxusliner die Werft verlassen haben. Derzeit sind drei Schiffe in den beiden überdachten Baudocks in Arbeit. In Dock 1 werden die Blöcke zur „Aida Sol“ zusammengeschweißt. Der Stahlbau ist zu zwei Drittel fertig. In Dock 2 schwimmt bereits „Disney Dream“, damit die Maschinen mit Null-Schub-Propeller Probe laufen können. Daneben steht das Mittelteil der „Celebrity Silhouette“ im Baudock.
Der Bau von Kreuzfahrtschiffen ist eine technische und logistische Meisterleistung. Pro Schiff werden 15 bis 18 Millionen Teile verbaut. Bis zu 2000 Partnerfirmen sind an der Fertigstellung beteiligt. In Spitzenzeiten sind 6500 Menschen auf dem Gelände. Die Meyer Werft ist Generalunternehmer. Der Eigenanteil liegt allerdings nur noch bei 25 Prozent. Denn anders als im Automobil- oder Flugzeugbau handelt es sich meist um Unikate oder Kleinstserien von zwei bis sechs Schiffen, die sich vor allem durch die Ausstattung unterscheiden. Das kann die Werft alleine nicht leisten. Das ist Sache hoch spezialisierter Zulieferer. Ein Beispiel: Mit dem Bau von Luxuslinern ist die Meyer Werft auch Deutschlands größter Theaterbauer. Mit ganz eigenen Spezifikationen. Denn anders als an Land muss zum Beispiel ein Aufzug auch noch bei 20 Grad Neigung funktionieren. Nicht zu vergessen, dass die schwimmende Kleinstadt auch noch ihre eigenen Stadtwerke mitführt.
Das produktionstechnische Herzstück des Schiffbaus in Papenburg ist das größte Laserzentrum Europas. In der digitalen Fabrik werden nach CAD-Plänen die Stahlteile verschweißt. Dabei hilft ein von der Meyer Werft eigens entwickeltes Verfahren, das so genannte Laserhybridschweißen. Es garantiert höhere Geschwindigkeit, geringeren Verzug durch weniger Wärmeeinbringung, verbesserte Festigkeit und damit geringere Kosten im Vergleich zur herkömmlichen Stahlverarbeitung. So entstehen aus riesigen Stahlplatten Sektionen mit Profilen und Seitenwänden. Acht Sektionen bilden einen Block, in dem bereits alle Vorrichtungen für Kabelbahnen, Rohrleitungen und Klimaschächte installiert sind. Und aus etwa 70 Blöcken, die bis zu 800 Tonnen wiegen, entsteht im Baudock das Schiff nach dem Lego-Prinzip. Das Konstruktionsprinzip von Kreuzfahrtschiffen folgt immer ähnlichen Mustern. Unten die Maschinen, in der Mitte die öffentlichen Bereiche wie Bars und Restaurants, darüber die Decks mit den Kabinen und ganz oben der Freizeitbereich mit Pools und Solarien. Gekrönt wird dieser Bereich auf der „Disney Dream“ mit einer 245 Meter langen Wildwasserrutsche.
Weltweit boomt der Kreuzfahrtmarkt mit Steigerungsraten von fünf bis zehn Prozent jährlich. Immer mehr Menschen wollen die Karibik oder das Mittelmeer, die Ostsee oder Alaska mit den Annehmlichkeiten eines Kreuzfahrtschiffes erleben. Drei große US-amerikanische Reedereien teilen sich den Markt: Carnival („Aida“), Royal Caribbean („Celebrity“) und Star Cruises. Disney hat dieses Geschäft erst vor Kurzem entdeckt, drängt aber als Reeder mit der Power eines Global Players auf den Markt. Die Kreuzfahrtschiffe werden noch ausschließlich in Europa produziert – in der Meyer Werft, in dem italienischen Staatsbetrieb Ficantieri sowie in Frankreich und Finnland. Meyer bedient alle großen Kreuzfahrtreedereien.
Was ist das Erfolgsrezept der Meyer Werft? Zuallererst das Konzept „Familienunternehmen.“ Es garantiert Kontinuität und langfristiges Denken statt kurzfristigem Gewinnstreben und häufiger Wechsel an der Spitze. Ein weiteres Kennzeichen des Erfolgs ist die frühe Auslandsorientierung. Bereits in den 50er-Jahren baute Bernard Meyers Vater eine intensive Geschäftsbeziehung zu dem Inselstaat Indonesien auf. Insgesamt 24 Passagierschiffe aus Papenburg stehen dort mittlerweile im Liniendienst. Exakt 100 Prozent der Kreuzfahrtschiffe exportiert die Meyer Werft heute. Und nicht zuletzt das eindeutige Bekenntnis zu „Made in Germany“. 75 Prozent eines Kreuzfahrtschiffes stammen von Partnerfirmen. 80 Prozent von ihnen sind deutsche Unternehmen.
Bernard Meyer sitzt im vierten Stock der im Vergleich zu den Werfthallen eher bescheidenen Firmenzentrale. Die Chefetage ist ausgestattet wie die Brücke eines Kreuzfahrtschiffes. Alles in weiß, edler Holzfußboden, große Fenster, Blick auf den Industriehafen. Auf Meyers Schreibtisch stapeln sich Blaupausen und Verträge. Bernard Meyer ist Schiffbauingenieur durch und durch. „BM“, wie er auf der Werft heißt, lässt sich häufig an den Baudocks blicken. Wenn er nicht bei Kunden in Miami oder auf Kreuzfahrt ist, sitzt er am Schreibtisch und arbeitet Strategien aus. So ging die Meyer Werft eine strategische Allianz mit dem deutschen Leuchtmittel-Spezialisten Osram ein. Durch energiesparende LED-Beleuchtungssysteme und weitere Verbesserungen konnte bereits bei der im Frühjahr ausgelieferten „Celebrity Eclipse“ der Brennstoffverbrauch um 30 Prozent gesenkt werden. Eine eigene Forschungsabteilung arbeitet ständig an weiteren Verbesserungen.
Wenn am 30. Oktober die Disney Dream ausgedockt und Mitte November Richtung Nordsee manövriert wird, werden Zehntausende wieder ein Meisterstück Papenburger Schiffbaukunst bestaunen können. Die „Disney Dream“ wird mit 19 Stockwerken, einer Länge von 370 Metern und einer Breite von 37 Metern das größte und mit mehr als 600 Millionen Euro auch das teuerste Kreuzfahrtschiff sein, das je in Deutschland gebaut wurde. Bernard
Meyer wird wieder dabei sein. Wohl auch sein ältester Sohn Jan. Er arbeitet bereits im Unternehmen und leitet die Konstruktionsabteilungen.////















