Es ist Millimeterarbeit. Sechs Hände justieren den glänzenden Motorblock, rücken ihn Stück für Stück zurecht, passen ihn vorsichtig in seine Halterungen am Fahrzeugrahmen ein. Sie ziehen, schrauben, drücken, schließen Kabel an. Jetzt sitzt der Zweizylinder fest – das Gebilde aus schwarzlackierten Rohren und dem Aluminium-Motorblock sieht schon fast wie ein Motorrad aus. Hochzeit heißt dieser Arbeitsschritt im Fachjargon. Und geheiratet wird viel im Berliner BMW-Motorradwerk. Allein im vergangenen Jahr bauten die Monteure über 100000 Mal Zwei- und Vierzylinder-Motoren in die Zweirad-Rahmen ein. So viele wie nie zuvor. R 1200 GS oder F 800 ST heißen die Verkaufsrenner, die unter den Händen der hoch konzentrierten Spezialisten entstehen.
Die Motorradbauer im Bezirk Spandau produzieren nicht nur Zweiräder: Sie schrauben auch an der Zukunft des Wirtschaftsstandorts Berlin-Brandenburg. Jede der in der Hauptstadtregion montierten Maschinen kurbelt die Konjunktur „made in Berlin“ weiter an. Im ersten Halbjahr 2007 gingen bei der Berliner Industrie zwölf Prozent mehr Aufträge ein als noch ein Jahr zuvor. Auch der Export boomt: Gut 30 Prozent der in Berlin produzierten Waren gehen ins Ausland.
Knapp drei Kilometer vom BMW-Werk entfernt erreicht der Aufschwung ganz andere Größen. In Berlin baut der Siemens-Konzern Kraftwerksturbinen, die mit einer Leistung von bis zu 1200 Megawatt zu den leistungsstärksten gehören. Mit mehr als 14000 Arbeitsplätzen ist Siemens auch das mit Abstand größte Industrieunternehmen in der Hauptstadt-Region. Durch Einkäufe bei Zulieferern in der Region sichert Siemens zusätzlich 10000 Arbeitsplätze. Für den Global Player mit Hauptsitz in München ist Berlin kein Standort wie jeder andere: Vor genau 160 Jahren gründete hier Namensgeber Werner von Siemens das Unternehmen, welches heute zu den weltgrößten Technologiekonzernen gehört. Aus der deutschen Hauptstadt liefert Siemens Gasturbinen, Schaltanlagen, Messgeräte, Mobilfunknetze, Glühlampen und Waschmaschinen in alle Welt. 90 Prozent aller in der Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg hergestellten Produkte mit dem Konzern-Logo wandern in den Export. 250 Millionen Euro investiert das Unternehmen pro Jahr in die dortigen Forschungs- und Entwicklungsabteilungen. Das Ergebnis: An einem Arbeitstag kommen etwa zwei neue Erfindungen aus den Berliner Siemens-Betrieben.
Überhaupt brodelt hier ein enormes Potenzial an Kreativität und Forschergeist. Berlin sei der „ideale Standort für die Talente dieser Welt“, meint der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit. Unter den über 180000 Studierenden der Region Berlin-Brandeburg finden Firmen leicht ihren Fach- und Führungskräftenachwuchs. 42 Technologieparks und Gründerzentren bilden ein enges Netzwerk mit der Industrie. Eine Riesenchance für Unternehmen, erklärt Kai Bindseil, Leiter von BioTOP, der zentralen Anlauf- und Koordinationsstelle für Biotechnologie-Firmen in Deutschlands Hauptstadtregion: „Nirgendwo sonst in Europa gibt es so viel herausragende Forschung und intensive Kooperation von Wirtschaft und Wissenschaft.“ Im europäischen Innovationsindex liegt Berlin-Brandenburg auf dem zweiten Platz. Das britische Magazin „Foreign Direct Investment“ kürte die Hauptstadt zur „European City of the Future – Germany 2006/2007“. Der Titel wird alljährlich an die Regionen und Städte mit den besten Erfolgsaussichten für ausländische Investoren verliehen. Der Standort in der Mitte Europas überzeugt immer mehr internationale Unternehmen. Rolls-Royce Deutschland baut Flugzeugtriebwerke, General Electric entwickelt Verkehrs- und Medizintechnik, Bombardier Transportation, Weltmarktführer in der Schienenverkehrsindustrie, leitet seine globalen Aktivitäten von seinem Berliner „World Headquarter“ aus.
17 Jahre nach der Wiedervereinigung ist die Berliner Wirtschaft konkurrenzfähiger als jemals zuvor. 2,6 Millionen Menschen arbeiten in der Hauptstadtregion. Durch den teilweise schwierigen Strukturwandel der vergangenen Jahre sind vor allem in Zukunftsbranchen neue Arbeitsplätze entstanden: Kommunikation, Mikrotechnologie sowie Energie- und Umwelttechnik. Auch pharmazeutische Weltkonzerne wie Bayer Schering Pharma, Berlin-Chemie oder Sanofi-Aventis sind mit Produktionsstätten und Repräsentanzen in Berlin zu Hause. Für den Bereich Mobilität steht der mit fast 19000 Beschäftigten größte Arbeitgeber in der Hauptstadtregion: die Deutsche Bahn. Von der Zentrale am Potsdamer Platz aus koordiniert der Konzern sein weltweites Engagement. Eine der eindrucksvollsten Erfolgsgeschichten der Nach-Wendezeit schrieb die Fluggesellschaft Air Berlin. Seit 1991 stieg sie zur zweitgrößten deutschen Fluglinie auf. 20 Millionen Passagiere buchten 2006 einen Flug mit den rot-weißen Fliegern.
An die Spitze der Wachstumskurve hat sich jedoch eine Dienstleistungsbranche gesetzt – ganz ohne Forschung und Technik: 231 Call Center beschäftigen über 20000 Mitarbeiter. Womit die Hauptstadtregion in diesem Wirtschaftsbereich einen europäischen Spitzenplatz belegt. Warum, weiß Volker Gabriel, Geschäftsführer der telegab GmbH: „Unsere Mitarbeiter kommunizieren in 17 Sprachen, von Schwyzerdütsch über Türkisch und Flämisch bis hin zu den skandinavischen und osteuropäischen Sprachen. Das können wir nur, weil Berlin ein multikultureller Standort ist.“ Und ein zentraler noch dazu. Alle europäischen Märkte sind von der deutschen Hauptstadt aus in einer Lkw-Tagesfahrt erreichbar. Gut für BMW – die Exportquote der Motorradbauer liegt bei 76 Prozent. 2007 zeichnet sich ein Rekord „made in Berlin“ ab: Bereits im ersten Halbjahr lag der Absatz 5,6 Prozent über dem des Vorjahres. Ein gutes Zeichen.













