Annett Rosenbaum bekommt den Trend zu spüren. Die 31-jährige Juristin arbeitet in der Kieler Niederlassung des indischen IT-Konzerns Wipro Technologies. Sie ist Teil des „Overseas Operations Team“. Die Abteilung koordiniert das Geschäft in Europa. Wipro in Kiel ist die Anlaufstelle für deutsche Firmen, die ihre IT von einem Dienstleister einrichten und betreuen lassen, weil es billiger ist als eine eigene Abteilung. Dafür holt Wipro immer mehr indische IT-Experten nach Deutschland. Und das ist Annett Rosenbaums Job. Sie organisiert Visa und betreut die Mitarbeiter, die nach Deutschland kommen. Sie regelt die Dinge mit den Ausländerbehörden, dem Auswärtigen Amt, Konsulaten, Handelskammern und Arbeitsagenturen. Mindestens 300 mal im Jahr das gleiche Prozedere. So viele Mitarbeiter schickt die Zentrale inzwischen für zeitlich befristete Aufträge nach Deutschland. Und es werden immer mehr – nicht nur bei Wipro.
Denn indische Unternehmen drängen auf den deutschen Markt. Wipro ist nur eine von etwa 300 indischen Firmen, die es in jüngster Zeit nach Deutschland gezogen hat. Meist gründen sie eine Niederlassung oder suchen nach Einstiegsmöglichkeiten. „Die Inder suchen bewusst Firmen mit lokalem Know-how, um Fuß auf dem deutschen und damit auf dem europäischen Markt zu fassen“, sagt Dirk Matter, der Leiter der deutsch-indischen Handelskammer in Düsseldorf. Eine eigene Niederlassung zu gründen, ist oft teuer und kompliziert – also kaufen sie auf oder schließen sich zusammen. Und übernehmen so deutsches Personal, den Kundenstamm, den Vertrieb. Die Investitionslust, sagt Matter, habe in Indien einen Mentalitätswandel befördert. „Früher galt ein indisches Unternehmen, das im Ausland investierte, als Vaterlandsverräter. Inzwischen sind die Leute stolz, wenn eine einheimische Firma ein Unternehmen aus dem Westen übernehmen kann.“ Die Wirtschaftsförderer haben bislang überwiegend gute Erfahrungen gemacht. „Die Firmen, die bisher nach Deutschland gekommen sind, entwickeln sich aus unserer Sicht sehr erfreulich“, sagt etwa Markus Wittmann. Er leitet die Abteilung „Invest in Bavaria“ der bayerischen Landesregierung. „Die Unternehmen haben eine langfristige Strategie und sind sehr gut finanziert, mit dem Ergebnis, dass nicht nur der Konzern wächst, sondern auch seine bayerischen Standorte.“ So wie Wittmann sprechen viele Kollegen, die in Kommunen oder Ländern für Wirtschaftsförderung zuständig sind.
Parallel dazu wächst die indische Gemeinde in Deutschland. Rund 45000 Inder leben derzeit in Deutschland. Ihre Zahl ist, verglichen mit den großen Einwanderergruppen, zwar gering, doch sie ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Rund 10000 Menschen kommen nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes jedes Jahr aus Indien nach Deutschland. Die Zahl derer, die das Land verlässt, liegt bei rund 8000. Und nach einer Statistik des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, kurz: DAAD, waren in den Jahren 2005 und 2006 fünf Mal so viele indische Studierende in Deutschland wie noch fünf Jahre zuvor: rund 4000. „Es kommen jetzt vermehrt auch Studenten, die ihren Aufenthalt selbst finanzieren müssen. Das sind für Inder verschärfte Bedingungen. Die Tendenz ist deshalb besonders erfreulich“, sagt Klaus Podewils. Podewils leitete bis Ende Juni das Büro des DAAD in Neu Delhi. Worin er die Ursachen für die jüngsten Entwicklungen sieht? Podewils muss nicht lange nachdenken. „Das Interesse der deutschen Politik an Indien ist enorm gestiegen. Wenn eine Ministerin dreimal in 18 Monaten nach Indien reist, ist das ein klares politisches Statement, das auch so verstanden wird.“ Er meint Annette Schavan, die Bildungsministerin.
Die Handelskammern und die Wirtschaftsressorts deutscher Kommunen und der Bundesländer reagieren. Kaum ein Monat vergeht, ohne dass eine vielköpfige Delegation aus Stuttgart, Bremen, München oder Köln durch Indien tourt, um im Land Kontakte zu knüpfen. Es gibt Investorenseminare. Es gibt eine Aufbruchsstimmung. Es gibt, klagen Experten, aber auch ein Problem: Das deutsche Zuwanderungsgesetz. Es kommt vor, dass Josef Winkler verständnislos den Kopf schüttelt, wenn er mal wieder über die deutschen Zuzugsregelungen sprechen soll. Winkler, 34 Jahre alt, sitzt für die Grünen im Deutschen Bundestag. Er ist Vorsitzender der deutsch-indischen Parlamentariergruppe, die auch die Bundeskanzlerin berät. Winkler also ist Fachmann. Und Betroffener. Seine Haut und seine Augen sind dunkler als sein Name vermuten ließen. Seine Mutter ist Inderin. Ein Teil der Familie lebt heute in England, nicht im Schengenraum also. „Meistens besuchen meine Eltern deshalb die Verwandten, nicht umgekehrt. Es ist einfach leichter“, sagt Winkler.
Findige deutsche Kommunen versprechen deshalb eigene Lösungen. Die Stadt Köln etwa wirbt mit einer besonders schnellen Bearbeitung von Anträgen auf Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis um die Neuansiedlung indischer Unternehmen. „Das läuft alles innerhalb von vier Wochen“, sagt Kiran Malhotra. Malhotra ist Unternehmer, selbst Inder, und seit 1971 in Deutschland. Und seit 2006 versieht er nebenher Dienst auf einem neu geschaffenen Posten: Er ist Wirtschaftsbotschafter Kölns für Indien. Deutschland beginnt besser zu verstehen, dass das Geschäft das eine ist. Dass es aber besser läuft, wenn man die Mentalität indischer Geschäftsleute kennt. „Was sie schätzen“, sagt Malhotra, „ist eine persönlichere Betreuung, als wir sie in Deutschland gewohnt sind. Sie sind selbstbewusst und zielstrebig. Das erwarten sie auch von Geschäftspartnern und Behörden.“ Nur zwei Wochen, sagt Malhotra, habe die Kölner Stadtverwaltung neulich gebraucht, um die Formalitäten für einen indischen Mitarbeiter abzuwickeln, der bei einem deutschen Kunden ein Softwareprogramm einrichten soll. Die Firma hat bestätigt, dass das ein wichtiger Grund war, warum sie aus Frankfurt nach Köln umzog.
Die Vorteile des Zuzugs, die Arbeitsmarktexperten anführen, sind nicht neu. Arbeitsplätze für Deutsche, Folgeansiedlungen, Gelder und Wettbewerbsfähigkeit. Sie fordern deshalb seit Jahren, die Zuzugsregeln zu lockern. Oder sind Befürchtungen angebracht? Nein, ein Teil der indischen Arbeitsmigranten, die nach Deutschland kamen, ist nach Indien zurückgekehrt oder in die USA ausgewandert. Und jene, die sich dauerhaft in Deutschland niedergelassen haben, gehören überwiegend zu den gut integrierten Gruppen der Gesellschaft. Sie arbeiten in typisch deutschen Mittelschichtberufen, haben als Ärzte, Geschäftsleute oder Wissenschaftler ein gutes Einkommen.
Bijon Chatterji zum Beispiel, 29 Jahre alt, arbeitet als Molekularbiologe am Fraunhofer-Institut in Hannover. Er ist Sohn indischer Einwanderer. Sein Vater kam in den 50er Jahren nach Deutschland, als Student. Er blieb und wurde Ingenieur. Seinem Sohn sagte er: „Wer nicht vernünftig ausgebildet ist, hat keine Chance aufzusteigen.“ Der Sohn sagt heute: „Wer nicht vernünftig ausgebildet ist, hat keine Chance aufzusteigen.“ Er spricht in geschliffenen Sätzen, akzentfreies Hochdeutsch. Eine Selbstverständlichkeit für ihn. Er ist in Deutschland aufgewachsen, er hat einen deutschen Pass. Es freut ihn, dass er das Gefühl hat, dass in Deutschland das Verständnis für indische Kultur und indische Mentalität zunimmt. Er merke das auch an den Berichten aus und über Indien, die er in deutschen Zeitungen liest – aus Interesse und weil er in seiner Freizeit Chefredakteur des Internetportals www.theinder.net ist, eine der bekanntesten Indien-Plattformen im deutschen Netz. Chatterji kann lange über die unterschiedliche Mentalität von Deutschen und Indern sprechen, über deutsche Zuverlässigkeit und indischen Langmut. Er sagt, er möge Indien, aber er werde in Deutschland bleiben, weil ihm die Mentalität einfach näher sei.
Die Chatterjis sind eines jener Beispiele, die beinahe vergessen lassen könnten, welch große Umstellung der Wechsel von einer in die andere Kultur bedeutet. Das weiß zum Beispiel Florian Abbenseth. Abbenseth, Betriebswirtschaftler, 33 Jahre alt, arbeitet beim Augsburger Pharmahersteller Betapharm. Er war einige Zeit Assistent der Geschäftsführung. Als die Firma mit ihren 370 Mitarbeitern von Dr. Reddy's, einem indischen Konzern, 2006 geschluckt wurde, war Abbenseth plötzlich Integrationsbeauftragter eines börsennotierten Global Players, die Schnittstelle nach Indien.
Abbenseth hat für die neuen Kollegen Informationen beschafft, hat bei Behördenangelegenheiten geholfen und seiner neuen Chefin eine Wohnung gesucht. Seine Chefin ist Inderin, sie arbeitet die meiste Zeit in der Pharma-Metropole Hyderabad. Ein bis zwei Wochen im Monat ist sie in Augsburg. Mit einem anderen indischen Kollegen sei er inzwischen befreundet, sagt Abbenseth.














