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Die neue Lust der Deutschen an der Mode. Einblick in ein Land der Mode

Deutschland ein Modeland? Das mag manche überraschen. Doch die Lust der Kunden, das Können der Designer und Berlin als kreativer Motor sprechen dafür. Einblicke ins Modeland Deutschland

Von Joachim Schirrmacher

Deutsche Mode setzt auf Individualität, Ausdruck und Charakter, ist mal witzig, mal elegant. Deutsche Designer machen im Ausland Karriere, deutsche Labels überzeugen mit Qualität. Und der Berlin-Look zieht Trendscouts magnetisch an.

Germans enjoy Fashion“ sagt Christopher Bailey – „die Deutschen haben Spaß an der Mode“. Der Brite kann es beurteilen. Als Chefdesigner von Burberry ist er einer der Besten seines Fachs, zudem kennt er Deutschland gut; viele Jahre hat er in München und Trier gelebt. Doch die Deutschen haben nicht nur Freude an der Mode, sie entwerfen sie auch mit großer Kompetenz. Zur international ers­ten Liga gehören Karl Lagerfeld (Chanel), Jil Sander, Tomas Mair (Bottega Venetta) und Wolfgang Joop (Wunderkind). Zudem arbeiten deutsche Mode­designer in fast allen internationalen Modeunternehmen, oft in Führungspositionen, und prägen so die Mode in Paris, London und New York entscheidend mit.

Belegt wird die Lust der Deutschen an der Mode durch eine Studie. Das Deutsche Modeinstitut hat zwischen Mai 2008 und April 2009 mehr als 5000 Passanten im Alter von 20 bis 35 Jahren auf den Straßen von Berlin, Köln, Bielefeld und London fotografiert. „Der Look auf den deutschen Straßen hat sich in den letzten zehn Jahren total verändert, nicht nur in Berlin, er ist in allen untersuchten deutschen Städten überraschend gleich“, sagt Projektleiterin Elke Giese. Sie hat die Beobachtungen in sechs Thesen zusammengefasst:

1. Statt Anzug oder Kostüm werden – auch bei beruflich wichtigen Terminen – zu über 90 Prozent Sports- und Streetwear getragen. Diese scheinbare Nachlässigkeit ist mit großer Sorgfalt inszeniert.

2. Wichtiger als Statussymbole etablierter Luxusmarken sind Kreativität und Individualität des „Self-Designs“.

3. Die Einflüsse aus dem Sport und der Sportswear dringen in jeden Bereich der Kleidung vor und verändern ihn. Jeans sind omnipräsent. Selbst formale Kleidungsstücke müssen heute Casual-Anklänge haben, um modern zu wirken.

4. Die sehr weibliche Kleidung der Frauen wird mit gegensätzlichen Botschaften wie Stiefeln oder Jeansjacken konterkariert.

5. Die neuen Fashion-Victims sind männlich. Die Modekompetenz der Männer überrascht. Neben einem betont funkti­onalen Bekleidungsstil pflegen Männer einen spielerischen Umgang mit Marken, Farben und Accessoires.

6. Immer öfter werden neue Looks auf der Straße getragen, bevor sie auf den Laufstegen zu sehen sind.

Diese Studie ist so interessant, weil sie eine eigene Identität der deutschen Mode aufzeigt. Statt in den Ateliers wird sie im Alltag definiert. Mode als Möglichkeit des individuellen Ausdrucks. Es geht bei der aktuellen deutschen Mode um eigenständige Entwürfe, die den Geist des 21. Jahrhunderts treffen. Statt der feinen Dame geht es heute um Berufsnomaden, Emanzipa­tion und die Vereinbarung von Beruf und Familie. Es geht um „Urbanwear“. Diese neue Zukunft der Mode findet vor allem in Berlin statt. „Hier ist Protz peinlich, soll eine Übereinstimmung zwischen Träger und Kleidung herrschen“, schreibt Klaus Heine, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Berlin, in einer Studie.

Bekannter ist Deutschland für seine führende Rolle in der Mode als Konsumgut. Das Land ist mit 59,9 Milliarden Euro Umsatz der zweitgrößte Markt der Welt und hat eine der leistungsfähigsten Industrien. Sicher: In Paris, Mailand oder New York ordern, bewerten und fotografieren die Modeprofis auf den Schauen der großen Designer. Doch dort geht es vor allem um Image. In Deutschland geht es um das Geschäft. Hier finden die wichtigsten und größten Modemessen statt. In den 1970er- und -80er-Jahren in Düsseldorf und Köln für Damen- und Männerkonfektion sowie Jeans. Heute für Sports- und Streetwear in München und Berlin. Dieser Wandel reflektiert die veränderten Kleidungsgewohnheiten. Es gibt weltweit nur wenige Märkte, die so stark in der Sportmode, Street- und Casualwear verwurzelt sind wie der deutsche. Das Leitbild dafür bilden die Sportartikelmesse ispo in München und die Streetwearmesse Bread & Butter in Berlin ab. Beide sind Weltleitmessen.

Die international führende Fachmesse für Street- und Urbanwear ist die 2001 gegründete Bread & Butter. Hierher kommt selbst Justin Timberlake, um sein Modelabel vorzustellen. Sie ist ein Besuchermagnet und mit geschätzten 100 Millionen Euro Umsatz pro Messe ein Wirtschaftsmotor. Und sie zieht viele weitere Veranstaltungen an, nicht zuletzt die Mercedes-Benz Fashion Week Berlin, die von dem amerikanischen IMG-Konzern veranstaltet wird. Sie bietet einen Laufsteg internationalen Zuschnitts und das große Medieninteresse lehrte die Unternehmen, sich auf internationalem Niveau zu präsentieren. Parallel wuchsen die Infrastruktur der Dienstleister und die Landschaft kleiner, individueller Modeläden, die in Berlin-Mitte eröffneten. In den 1990er-Jahren war New Yorks Soho der ­Magnet der Trendscouts. Heute zieht es sie auch nach Berlin. Obwohl das kommerzielle Zentrum der deutschen Mode nach dem Zweiten Weltkrieg rund um Düsseldorf liegt und München ein weiterer wichtiger Handelsplatz ist, setzte sich Berlin als führende deutsche Modestadt, als Schaufenster für Deutschland durch.

„Vergesst Paris und London“, schrieb „Time“ 2004, „Berlin ist die neue Hauptstadt kreativer Inspiration.“ Berlin bietet – auch dank günstiger Lebenshaltungskosten – die Freiheit des Denkens, Fühlens und Machens – Voraussetzung kreativen Schaffens. „In London, Paris oder New York hätte ich es nie geschafft mit 6000 Euro mein Geschäft aufzubauen“, sagt Leyla Piedayesh von Lala Berlin. Als Zu­gezogene ist die in Teheran geborene und in Wiesbaden aufgewachsene Frau typisch für diese Stadt, die seit dem Fall der Mauer 1989 rund die Hälfte ihrer Bevölkerung ausgetauscht hat. Berlins Atmosphäre zieht bedeutende Gestalter an: Hedi Slimane, Chefdesigner von Dior Homme, brachte den Berlin-Look auf die Pariser Laufstege. Vivienne Westwood unterrichtete von 1993 bis 2005 an der Universität der Künste, Issey Miyake und Giorgio Armani zeigten hier in großen Ausstellungen ihr Werk.

Die deutsche Textil- und Bekleidungsindustrie ist mit einem Umsatz von 19,2 Milliarden Euro nach dem Ernährungsgewerbe die zweitgrößte Konsumgüterbranche in Deutschland. Sie ist mittelständisch strukturiert, jedoch oft im Besitz internationaler Investoren (Private Equity). Es sind Unternehmen wie Adidas, Esprit, Escada, Hugo Boss oder Puma, um die bekanntesten zu nennen. Laut dem German Fashion Verband ist Deutschland nach Italien das weltweit zweitgrößte Modeexportland. Nur selten werden die Unternehmen jedoch als deutsche Betriebe wahrgenommen. Ob Cinque, René Lezard, Oui oder Strenesse – ihre Namen sind meist dem Französischen oder Italienischen entlehnt. Auch bei den Designern ist die Kompetenz vorhanden. Aber viele der Besten haben direkt nach dem Studium Karriere im Ausland gemacht. Prominentes Beispiel ist Grit Seymour. Nach ihrem Studium in Berlin und London arbeitete sie als Designerin für Donna Karan (New York) und Max Mara (Reggio Emilia), bevor sie als Chefdesignerin zu Daniel Hechter (Paris) und Hugo Boss Woman (Mailand) ging. Heute gibt sie ihre Erfahrungen als Professorin in Berlin weiter. Viele ihrer Kollegen haben sich in Paris, London, Antwerpen oder New York selbstständig gemacht wie Lutz Hülle, Bernhard Willhelm, Markus Lupfer, Stephan Schneider oder Daphne und Vera Correll. Hinzu kommen die Designer, die in Deutschland ein eigenes Label gegründet haben. Alleine in Berlin gibt es rund 600 bis 800 Modelabels (wie Bless, c.neeon, Firma, Frank Leder, Michael Michalsky, Kostas Murkudis, Michael Sontag, Trippen). Zudem ungezählte weitere in Hamburg (FKK, Anna Fuchs, Garment, Herr von Eden, Sium, Bettina Schoenbach, Tonja Zeller), Köln (Eva Gronbach), München (Ivonne Fehn, Haltbar, Marcel Ostertag, Hannes Roether, Talbot & Runhof) oder auch in Gütersloh (Annette Görtz), um nur einige Orte und Namen zu nennen.

Die Mode dieser deutschen Designer hat viele Facetten. Sie vereint gestalterischen Anspruch, Eigenständigkeit und Verkäuflichkeit auf hohem Niveau. Sie kann frisch und humorvoll (Joel Horwitz), ironisch (Stephan Schneider), elegant (Michael Sontag), puristisch (Jil Sander), poetisch (Wunderkind), farbenfroh (c.neeon), intelligent und innovativ (Trikoton) oder witzig und verspielt sein (Bernhard Willhelm). Gerade Berliner Mode ist grundsätzlich jünger, frischer, wilder als die internationaler Luxusmarken. Sie ist eher originell als kommerziell orientiert, oft mit Ecken und Kanten. Das „High Fashion Segment“ wie Bless oder c.neeon hat eine große Nähe zur Kunst. Aber immer sind die Kollek­tionen von der Straße, oft von Berlin selbst beeinflusst. „Gritty Glamour“ – rauer Charme, wie es die bedeutende Modejournalistin Suzy Menkes nannte. Und doch unterscheidet sich die deutsche Mode von der Heiterkeit und Leichtigkeit romanischer Länder. Statt sich auf das Image zu fokussieren, ist man am Produkt selber orientiert. Man will keine belanglosen Sachen ohne Charakter fertigen, strebt eher nach Relevanz und Ausgewogenheit, setzt auf Innerlichkeit statt Leidenschaft. Eine Ernsthaftigkeit, die nie „L’art pour l’art“ sein will. Stephan Schneider spricht von einer sehr bescheidenen, stillen Mode.

In der Mode der deutschen Designer steckt immer auch ein Stück Underground, ein Stück Unabhängigkeit, Engagement und Idealismus. Doch bei aller Kompetenz: Sie müssen weitgehend ohne öffentliche Aufmerksamkeit leben. Die Brücke zwischen Laufsteg und Laden fehlt. Zwischen den Modedesignern und der Bekleidungsindustrie gibt es wenig Berührungspunkte. Nach der hervorragenden Ausbildung an einer der über 40 Modeschulen Deutschlands ist es für die Absolventen, die mehr wollen, als Trends zu interpretieren, einfacher, Erfahrungen bei den besten Modehäusern in Paris, Mailand, London oder Antwerpen zu sammeln als bei deutschen Bekleidungsherstellern.

So wie Deutschland in vielen Feldern von Kunst und Kultur immer wieder neue Impulse gesetzt hat, scheint die Zeit günstig, dies auch in der Welt der Mode zu tun. Es gilt daher, das – anscheinend – Leichte ernst zu nehmen. Und die bislang strikt getrennten Perspektiven von Mode als Wirtschafts- oder Kulturgut so zusammenzuführen, dass beide Felder erstarken. Zum Wohle der Kreativen und Kaufleute – und zum Wohl der Kunden.

16.02.2010
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