Konk zeigt c.neeon. Klingt nach einem Geheimcode, war aber eine Hommage zur Fashion Week Ende Januar 2009, die zwei Berliner Kreatividole zusammenbrachte: Der Avantgarde-Modeladen Konk in Berlin-Mitte widmete dem Berliner Label c.neeon eine „Retrospektive“ seiner Mode aus den ersten vier Jahren. Grafisch inspirierte Entwürfe, experimentell, bunt bis schrill, trotzdem tragbar, ganz und gar Berlin, dafür steht das Design der Modemacherinnen Clara Leskovar und Doreen Schulz. Gelernt haben die beiden von c.neeon an der Kunsthochschule Berlin- Weißensee. Mit neun Modeschulen hat die deutsche Hauptstadt schließlich die meisten Ausbildungsstätten für Modedesign in Europa. Und seit die beiden Frauen 2005 in Frankreich den ersten Preis eines Modefestivals gewannen, geht es für sie ganz steil nach oben. Deshalb waren ihre Modelle zur Fashion Week, dem großen Schaufenster des kreativen Berlin, nicht nur im Konk zu sehen. C.neeon zeigte auch eine der 25 großen Schauen auf Deutschlands schillerndstem Mode-Event.
Vom Hinterhof auf die internationalen Catwalks – die Erfolgsgeschichte von c.neeon ist eine echte Berlinstory. Ganz ähnlich wie die der Label Kaviar Gauche, Lala Berlin und Sisi Wasabi, alle drei ebenfalls BerlinerMode-Eigengewächse, die sich auf der Fashion Week präsentierten. „Berlin ist eine irrsinnig inspirierende Stadt“, sagt Zerlina von dem Bussche, Gründerin und Designerin von Sisi Wasabi. Das sehen viele Kreative so: Berlin pulsiert, ist schnell, lebendig, trendy. Hier trifft Ost auf West, hier gibt es günstige Mieten und viel Freiraum für Experimente – in den Köpfen und in neu genutzten Fabriketagen. Berlin ist die Kreativ-Hauptstadt. Wie keine andere deutsche Stadt zieht sie, seit 2006 als „Unesco-Stadt des Designs“ auch ein Knoten im Netzwerk der internationalen Kreativstädte, die Trendsetter an.
Kreativität ist gut fürs Image einer Stadt. Aber sie zählt inzwischen auch als harter Wirtschaftsfaktor. Der im Januar 2009 erschienene zweite Kulturwirtschaftsbericht des Berliner Senats schreibt da eine deutliche Sprache: Im Vergleich zum Jahr 2000 ist die Zahl der Berliner Unternehmen in der Kultur- und Kreativwirtschaft bis 2006 um ein Drittel gestiegen, die Umsätze wuchsen um ein Viertel. 22900 Unternehmen aus den Branchen Buch und Presse, Games und IT, Film und TV, Musik, Kunst, Design, Werbung, Architektur und darstellende Kunst sorgen in Berlin inzwischen für einen Umsatz von 17,5 Milliarden Euro im Jahr. Damit liegt der Anteil der „Creative Class“ am Bruttoinlandsprodukt der Berliner Wirtschaft bei 21 Prozent. Mehr als ein Zehntel der Berliner Erwerbstätigen arbeitet in der Kulturwirtschaft: 160500 Kreativberufler zählt Berlin – unter ihnen allerdings ein hoher Anteil von Selbstständigen mit geringem Einkommen. Bis 2015 soll die Berliner „Creative Class“ sogar auf 200000 Beschäftigte wachsen. Das wünscht sich der Berliner Senat und will zur Anschubfinanzierung guter Kreativgeschäftsideen noch mehr Kleinstkredite vergeben als bisher. Außerdem unterstützt Berlin die Kreativen mit einer Reihe von Infrastrukturinvestitionen und Vernetzungsplattformen wie „Create Berlin“ oder creative-city-berlin.de. Und Institutionen wie das Medienboard Berlin-Brandenburg fördern gezielt einzelne Branchen wie Film oder Games.
Am kreativsten ist übrigens die Mitte: Man hätte es sich gedacht, aber der Kulturwirtschaftsbericht belegt es auch – die meisten Unternehmen der Kreativbranche haben eine Adresse in Berlin Mitte oder Prenzlauer Berg. Das Epizentrum der Kreativität heißt Oranienburger Straße in Mitte mit 452 Kreativunternehmen. Die sogenannten „Quartiere des Um- und Aufbruchs“ wie Berlin-Kreuzberg holen aber auf und auch der „alte Westen“ in Charlottenburg und Friedenau bietet etablierte Kreativquartiere.
Die meisten Berliner Ideenarbeiter, nämlich 36300, wirken in der Filmwirtschaft. Gemessen an der Zahl der Unternehmen heißen die größten Kreativbranchen aber Buch und Presse, Architektur sowie Software und Games. Überdurchschnittlich gewachsen ist der Werbemarkt mit inzwischen 2550 Agenturen – auch wenn die Umsätze deutlich hinter den klassischen Werbestandorten Düsseldorf, Hamburg und Frankfurt liegen. Die digitalen Spielemacher und Programmierer aber sind die Aufsteiger schlechthin: Die Zahl ihrer Unternehmen hat sich in Berlin seit 2000 mehr als verdoppelt – auf 1540. Und sie sorgten mit 6,7 Milliarden Euro für den mit zwei Milliarden Abstand höchsten Jahresumsatz der Kreativbranche in der Hauptstadt – vor Buch/Presse und Film. „Die starke Infrastruktur für Film und Musik bietet gute Voraussetzungen für Entwickler von Unterhaltungssoftware“, sagt Wolfgang Siebert von Radon Labs, einer der größten deutschen Computerspiel-Schmieden. „Dieses Cluster zieht Fachkräfte an.“ So gebe es in Berlin viele qualifizierte freie Mitarbeiter, die sein Team in Hochzeiten kurzfristig verstärkten. Auf den Punkt bringt es Christian Sauerteig von The Games Company: „Berlin passt einfach ideal zur Gamesbranche.“
Die Aussage lässt sich natürlich leicht auf andere Kreativsektoren übertragen. Auf die Modebranche zum Beispiel. Stolz meldete Berlin im Januar 2009, dass es die Streetwearmesse „Bread & Butter“ aus Barcelona zurück an ihren Gründungsort Berlin zieht: Im Juli werden die Models und Modemacher den alten Flughafen Tempelhof für drei Tage in den neusten Design-„Hot spot“ verwandeln. Willkommen in der Kreativ-Hauptstadt.














