Frau Kümper, haben die politischen Konflikte in den palästinensischen Gebieten Ihre Arbeit als Modedesignerin erschwert?
Mir ging es nicht um politische Aussagen. Wertungen und Regeln stören ja die kreative Arbeit, sie engen ein. So lag mir viel daran, dass wir nicht werten, weder religiös, noch politisch. Wir haben auch die Teilnehmer vor Beginn des Workshops nicht danach gefragt, woher sie kommen und welchen sozialen oder familiären Hintergrund sie haben. Es hat sich eine wunderbare Gruppe gefunden, 17 Frauen und drei junge Männer, aus unterschiedlichen Gesellschaftsbereichen, teils muslimisch, teils christlich. Eine 21-jährige Teilnehmerin wuchs in den USA auf und lebt seit einem Jahr in Palästina, sehr amerikanisch denkend. Zwei unverheiratete Schwestern aus der Nähe von Ramallah, Suheir und Haneen Saleh, 29 und 25 Jahre alt, kamen aus einer konservativen, traditionellen Familie. Sie waren verschleiert, trugen weite Kleider in dunklen Farben. Auch sie machten begeistert mit und haben viel geleistet in der kurzen Zeit. Ich war überhaupt vom Elan aller Teilnehmer sehr angetan.
Wie gelang es Ihnen, die Teilnehmer für die kreative Arbeit zu öffnen?
Angefangen haben wir mit einem Brainstorming zum Thema "Wodurch fühlst Du Dich lebendig?" Ich wollte, dass jeder aus sich herauskommt und benennt, was zum Beispiel sein liebster Ort auf der Welt ist, seine Lieblingsmusik oder wer die wichtigsten Menschen in seinem Leben sind. Ismail Masalma, 28, suchte sich das Bad des Königs Salomon aus. In einem Dorf in der Nähe der Ruinen des Bades lebt er, und als Kind war er oft dorthin gelaufen. Zum Nachdenken geht er heute noch zu dem Bad, wenn er sich Klarheit über seine Situation verschaffen will. Er lässt die Szenerie auf sich wirken, denkt an seine Kindheit, und dann kommen die Gedanken ganz von allein. Das war genau das, was ich wollte, dass die Teilnehmer sich mit ihrer ureigenen Persönlichkeit zeigen. Sie sollten sich nichts aussuchen, was für andere interessant sein könnte, sondern das, was für sie selber von Wert ist. Schon in Kairo waren meine Studenten gewohnt zu fragen: "Was soll ich abgeben, was möchtest Du? Was soll als Ergebnis dabei herauskommen?" Dieselben Probleme hatte ich in Palästina anfangs auch. Als Kreativlehrer kann ich nur antworten: "Das weiß ich nicht. Es ist ja Deine Inspiration, Du musst sie entwickeln!"
Wie wurden die Ideen aus dem Brainstorming dann praktisch umgesetzt?
Die Teilnehmer zogen los, um Dinge zu holen, die sie mit ihrem Thema, mit ihrer Inspiration in Verbindung bringen. Ismail brachte Fotos von Salomons Bad, Steinchen und Zweige von den Bäumen dort. Er passte die Farben und Muster seiner Stoffe dem Ort an. Nadine Quomsieh, die Palästinenserin aus den USA, wollte zum Thema "Latin Dance" arbeiten, denn beim Salsa-Tanzen könne sie die ganze Welt vergessen, sagt sie. In Bethlehem gibt es in einem Hotel tatsächlich einen Salsaklub. Dort gingen wir dann hin, um zu sehen, welche Farben dort dominieren. Am Ende suchte sie sich glänzende glitzernde Stoffe in Rot und in Schwarz aus. Sie waren die Grundlage ihrer Entwürfe. Mirna Deis, 20, gestaltete eine "Spinnen-Inspiration", mit dem Argument: "Spinnen sind die besten Designer der Welt".
Wie haben sich die Teilnehmer, die ja alle Laien waren, während des Workshops gewandelt?
In einem kreativen Prozess wächst man immer über sich hinaus. Am Anfang sagt man: Das schaffe ich nie. Am Ende staunt man, weil das eigene Werk dann tatsächlich auf der Bühne ist. Mir ging es darum, dass die Teilnehmer eine künstlerische Sprache entwickeln, die der eigenen Phantasie entspringt. Sie sollten Träumen eine Gestalt geben, eine geschneiderte. Das ist wie ein Fenster in die Seele, egal, wo man lebt. Und das braucht Mut.
Dass Leute neue Ausdrucksformen entwickeln und beispielsweise ungewohnte Bekleidung ausprobieren, gefällt in einer konservativen Gesellschaft nicht jedem. Wurde Ihr Workshop kritisiert?
Mir ist nichts Derartiges zu Ohren gekommen, aber ich kann mir vorstellen, dass es diese Kritik gibt. So könnte es zum Beispiel für konservativ denkende Menschen beunruhigend sein, wenn junge Frauen Selbstverwirklichungsideen entwickeln, die sie vorher nicht hatten. Das habe ich in Kairo hin und wieder erlebt. Kreativunterricht entwickelt eine eigene Kraft. Eine der beiden Schwestern etwa aus Ramallah hat wochenlang gearbeitet, um eine Henna-Inspiration zu realisieren. Sie eignete sich verschiedene Drucktechniken für unterschiedliche Stoffe an, sie hat Henna-Muster recherchiert und deren Geschichte, um zu erfahren, welche Muster wann zu welchen Anlässen benutzt werden. Dann hat sie handwerklich perfekt vier bezaubernde Kleider genäht, die man ohne Probleme auch in Hamburg oder Berlin zeigen könnte. Während der Abschlussshow strahlte sie und erklärte stolz ihre Kollektion. Nun möchte sie ihr eigenes Designstudio aufmachen und für Kundinnen nähen. Am selben Abend bekam sie bereits ihren ersten Auftrag. Es war so schön mit anzusehen, wie sie zu einer Frau wurde, die eine Idee umsetzt. Das ist ein großer Schritt.














