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Teamarbeit für die Trendwende

Der Einsatz für den Erhalt der biologischen Vielfalt fordert die ganze Welt. Zahlreiche Maßnahmen werden ergriffen – auch aus wirtschaftlichen Gründen.

Von Joachim Wille

Sie heißt „Teufelskralle“. Einen schönen Namen hat das afrikanische Weide-Unkraut ja nun nicht. Seine Früchte besitzen krallenartige Widerhaken, die der Pflanze den Namen gegeben haben. Lange Zeit beachtete man sie kaum. Heute ist das anders: Die aus dem südlichen Afrika stammende Pflanze ist ein Star der Naturmedizin. Präparate aus Extrakten der Teufelskralle-Wurzel werden als Wirkstoff in Rheumamitteln verwandt.

Das Problem: Um die hohe Nachfrage zu befriedigen, werden in Ländern wie Südafrika, Namibia und Angola große Mengen ausgegraben und zur Verarbeitung in Industriestaaten exportiert. In manchen Regionen gefährdet der Raubbau bereits den Fortbestand der Art. Sammler reißen die Pflanze oft komplett aus, obwohl nur die Seitenwurzeln gebraucht werden. Bei nachhaltiger Nutzung wachsen diese in zwei, drei Jahren wieder nach. Auch Unkraut kann also einen hohen Wert haben – nicht nur ideell, sondern als Umsatz und Gewinn. Das ist nur ein Beispiel von vielen – bis hin zu den Tropenwäldern, die durchaus nachhaltig bewirtschaftet werden könnten, deren weitere großflächige Vernichtung für kurzfristigen Profit aber die „Klimamaschine“ der Erde zusätzlich aus dem Takt zu bringen droht.

Inzwischen haben Experten ein ziemlich genaues Bild von der ökonomischen Bedeutung der Natur – dank einer großen Untersuchung, die eine Arbeitsgruppe des Deutsche-Bank-Volkswirts Pavan Sukhdev durchgeführt hat. Die „Leistungen“ der Ökosysteme wie sauberes Wasser, Regulation des Klimas, Arbeitsplätze etwa im Tourismus sind kaum zu überschätzen. Sie summieren sich beispielsweise, allein für die bisher eingerichteten Naturschutzgebiete der Erde berechnet – das sind rund elf Prozent der Landfläche –, bereits auf jährlich rund fünf Billionen Dollar. Das ist mehr als der weltweite Umsatz der drei Leitindustrien Automobil, Informationstechnologie und Stahl zusammen. Der Naturschutz sei quasi eine „Mega-Industrie“, die nur nicht als solche wahrgenommen werde, sagen die Ökonomen. Ihr Fazit: Der Marktwert der Biodiversität insgesamt liegt höher als der der weltweiten Industrieproduktion.

Verständlich wird das, wenn man bedenkt, dass zu den Leistungen der Natur etwa auch die Bereitstellung von Nahrung und Trinkwasser für alle Menschen sowie von Brenn- und Baustoffen, die Speicherung des Treibhausgases CO2 oder der Schutz vor Überschwemmungen zählen. Die wegweisende Studie ist von den G8+5-Staaten in Auftrag gegeben worden. Die Anregung dazu kam von Deutschland und der EU-Kommission. Erste Ergebnisse wurden auf der Naturschutzkonferenz der Vereinten Nationen (VN) 2008 in Bonn veröffentlicht, der neunten Vertragsstaaten-Konferenz der „Convention on Biological Diversity“ (Übereinkommen der Vereinten Nationen über die biologische Vielfalt, CBD). Ihr Titel: „The Economics of Ecosystems and Biodiversity“ (Ökonomie der Ökosysteme und der Artenvielfalt), kurz TEEB. Der Abschlussbericht dieses Großprojekts wird Mitte Oktober auf der CBD-Nachfolgekonferenz im japanischen Nagoya vorgestellt werden. Hier treffen sich im Internationalen Jahr der biologischen Vielfalt Delegierte aus über 190 Staaten.

Die TEEB-Ökonomen haben Ökosysteme wie Wald, Ozeane, Korallenriffe, alle Kontinente und Regionen untersucht. Sie warnen, dass die seit 2000 weiter fortschreitende Vernichtung bis 2050 zu „globalen Wohlfahrtsverlusten“ von sieben Prozent des Welt-Bruttosozialprodukts führen kann. Ein anderes Beispiel: Auch die Überfischung der Weltmeere wird, wenn sie nicht gestoppt wird, zu großen ökonomischen Schäden führen. Experten erwarten: Die Meere werden um 2050 praktisch leergefischt sein, wenn die Fangquoten nicht sinken. TEEB-Chefautor Sukhdev verweist darauf, dass für rund ein Sechstel der Weltbevölkerung Fische die Haupteiweißquelle sind. Seine Warnung: „Fällt sie weg, ist das nicht nur ein Problem des Naturschutzes, sondern auch ein schweres Problem der menschlichen Gesundheit.“

Wenn sich in Nagoya die CBD-Delegierten treffen, geht es also wahrhaftig nicht nur um ein Randthema. Die Staatengemeinschaft hat sich viel vorgenommen: In Japan soll über ein neues globales Ziel zur Stabilisierung der Biodiversität, eine internationale Artenschutz-Strategie für die nächsten zehn Jahre und ein Protokoll zur Regelung der Nutzung genetischer Ressourcen entschieden werden. Die Hoffnung ist, dass ein Abkommen gegen Biopiraterie abgeschlossen werden kann. Damit gäbe es erstmals einen rechtlichen Rahmen, der den Zugang zu den etwa für Medikamente oder in der Biotechnik nutzbaren Pflanzen und die Verteilung des Gewinns daraus regelt. Auch für eine nachhaltigere Nutzung der Teufelskralle wäre das ein Segen.

Die Zeit läuft davon – ähnlich wie beim globalen Klimaschutz, wo sich die Hoffnung auf Abschluss eines Kyoto-Nachfolgeprotokolls bisher nicht erfüllt hat. Trotz weltweit vieler positiver Beispiele – etwa bei der Ausweisung von Schutzgebieten und der Renaturierung degradierter Ökosysteme – ist diese schon seit dem VN-Erdgipfel von Rio de Janeiro 1992 geforderte „Wende“ ausgeblieben. Deutschland, das zwischen Bonn und Nagoya die CBD-Präsidentschaft innehatte, bemühte sich in dieser Zeit, den globalen Naturschutz auch durch eigene Initiativen voranzubringen, die weltweit Beachtung fanden. 2008 führte das Bundesumweltministerium mit der Internationalen Klimaschutzinitiative (IKI) einen innovativen Mechanismus zur Finanzierung von Klimaschutzprojekten ein. Seitdem wurden Projekte zum klimarelevanten Biodiversitätsschutz in einer Höhe von über 110 Millionen Euro bewilligt. Die Finanzmittel stammen aus Erlösen der Bundesregierung aus dem Verkauf von CO2-Emissionsrechten.

Als besonders innovativ gilt auch die auf Anregung aus Berlin ins Leben gerufene Initiative „LifeWeb“. Dieses „Netz“ fördert die Einrichtung von Schutzgebieten an Land und auf dem Meer. Staaten, die ihre nationalen Schutzgebietssysteme ausweiten wollen, werden hier über eine interaktive Plattform mit Gebern zusammengebracht, die bereit sind, dies zu unterstützen. Potenzielle Empfängerländer haben bereits einen Bedarf von 300 Millionen US-Dollar angemeldet. Es gilt nun, verstärkt Geber zu mobilisieren und konkrete Kooperationen anzustoßen. Deutschland selbst hat seit 2008 über 30 LifeWeb-Projekte mit insgesamt 80 Millionen Euro an Projektsummen bewilligt.

Was auf dem Spiel steht, machte der Chef des VN-Umweltprogramms UNEP, der Deutsche Achim Steiner, deutlich. Er hofft, dass bis 2020 die Trendwende beim Artenschwund endlich geschafft werden kann: „Wenn nicht, dann sägen wir nicht nur an dem Ast, auf dem wir sitzen, sondern am Baum des Lebens. Das dürfen wird den nächsten Generationen nicht antun.“////

16.09.2010
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