Es heißt, dass das Kieler Exzellenzcluster einzigartig sei. Wieso?
Wir kooperieren seit langem mit verschiedenen Meeresforschern weltweit und kennen die wissenschaftliche Szene sehr gut. Natürlich gibt es auch anderswo hervorragende Lehrstühle und Experten. Für unsere Arbeit würden wir uns aber durchaus auch einen einzelnen großen Partner wünschen, der in ähnlicher Breite wie wir interdisziplinär arbeitet. Den aber gibt es weltweit tatsächlich nicht.
Ist ein so umfassender Forschungsansatz ohne besondere staatliche Unterstützung überhaupt denkbar?
Nein, sicherlich nicht. Die Zuwendungen durch die deutsche Exzellenzinitiative haben wir genutzt, um die bestehenden Lücken in unserer Forschung zu schließen. Vorher gab es bei den Kieler Meereswissenschaften beispielsweise keinen Ökonomen. Wir konnten insgesamt 13 neue Stellen für Juniorprofessuren schaffen, die in der ersten Runde mit einem Budget von je 800000 Euro ausgestattet wurden.
Die Meeresforschung ist derart komplex, dass man viel Zeit braucht, um sichere Erkenntnisse zu gewinnen. Ist das mit der Exzellenzinitiative möglich?
Wir sind im Herbst 2006 gestartet und haben zunächst eine Förderung für fünf Jahre erhalten. Daran schließt sich eine Verlängerung von einem Jahr an. Mit etwas Glück erhalten wir danach eine nochmalige Verlängerung von weiteren fünf Jahren. Ingesamt wäre das genug Zeit, um weitere wesentliche Grundlagen interdisziplinär zu erforschen. Ich muss nochmals betonen, dass diese Art einer umfassenden, interdisziplinären Förderung der Meereswissenschaften weltweit einmalig ist.
Neben der Forschung nehmen Sie auch die Öffentlichkeitsarbeit sehr ernst.
Das ist richtig. Eines unserer Angebote ist die Schülerarbeit. Wir laden Kinder in die Schüleruniversität ein, wo sie extra für sie gestaltete Vorlesungen hören können. Besonders Interessierte können uns bei unserer Forschung begleiten oder über ein Schuljahr hinweg selbst Experimente durchführen. 2010 startete außerdem unsere Wanderausstellung „Ozean der Zukunft“ zu einer Tournee durch Deutschland, mit der wir auf die Gefährdung der Meere aufmerksam machen wollen. Zugleich möchten wir zeigen, was man gegen die Zerstörung der Meere und den Klimawandel unternehmen kann. Mit unserer aktuellen Publikation, dem „World Ocean Review“, einem umfassenden Statusbericht zum Zustand der Meere, wenden wir uns an Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft. Auf leicht verständliche und zugleich nüchterne Art und Weise zeigt der Bericht, wie es um die Meere steht.
Wenn man den Bericht liest, scheint der Patient Ozean kaum noch zu retten.
Das wäre sicher übertrieben. Es ist an der Zeit, das Ruder herumzureißen. Mit unserer Forschung versuchen wir zunächst, den Wandel zu dokumentieren, die komplexen Vorgänge zu beschreiben. Wir haben schon vieles verstanden. Um herauszufinden, was zu tun ist, müssen wir aber noch weiter forschen. Ich bin zuversichtlich, dass wir Lösungen finden. Die Menschheit muss aber auch willens sein, diese Wege zu gehen. Ein Beispiel ist die Vermüllung der Meere mit Plastikabfall. Nach Schätzungen gelangen jährlich 6,4 Millionen Tonnen Abfall ins Meer, oftmals weil es an Land an einer effizienten Müllentsorgung fehlt. Das Problem ließe sich recht einfach lösen. Voraussetzung ist, dass der Mensch sein Fehlverhalten erkennt.
Der „World Ocean Review“ kann auf Deutsch und Englisch kostenlos bestellt werden: www.worldoceanreview.com
Prof. Dr Martin Visbeck
Physikalischer Ozeanograph am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften IFM-GEOMAR und Sprecher des Exzellenzclusters „Ozean der Zukunft“















