Herr Kahn-Ackermann, auf der fünften Station im Herbst 2009 in Wuhan (Provinz Hubei) feierte die Veranstaltungsreihe „Deutschland und China – Gemeinsam in Bewegung” ihren bislang größten Publikumserfolg. Über 600000 Menschen besuchten das Event. Worauf führen Sie diesen großen Zuspruch zurück?
Der Erfolg hat mehrere Gründe: Wir sind von den herkömmlichen Mustern nationaler Selbstdarstellung, den kulturellen oder technologischen Leistungsschauen, abgegangen und haben den Nutzen von Verständigung und Kooperation als Ausgangspunkt gewählt. Wir haben ein für Chinas Entwicklung wichtiges Thema, das der nachhaltigen Urbanisierung, ins Zentrum unserer Veranstaltungen gestellt. Wir haben ein Programm entwickelt, das sowohl für Fachleute als auch für ein interessiertes städtisches Publikum attraktiv ist. Wir haben vor allem mit der „Deutsch-Chinesischen Promenade“ ein lebendiges Forum geschaffen: Chinesen und Deutsche sind sich dort begegnet, die Bürger der jeweiligen Gastgeberstädte und –provinzen konnten sich informieren, unterhalten, austauschen und eine Menge über Deutschland erfahren – zum Beispiel, dass wir Deutsche auch feiern und lachen können.
Nun strebt „Deutschland und China – Gemeinsam in Bewegung” dem Höhepunkt auf der EXPO 2010 in Shanghai entgegen. Was ist geplant?
Zunächst ist bemerkenswert, dass „Deutschland und China – Gemeinsam in Bewegung“ überhaupt auf der EXPO präsent sein kann. Das ist nicht selbstverständlich, denn die Veranstaltungsreihe passt in keine der üblichen Kriterien für EXPO-Teilnehmer: Sie ist weder Staat, Stadt oder Region noch internationale Organisation oder Unternehmen. Dass uns die Verantwortlichen dennoch die Möglichkeit einer Präsenz gegeben haben, ist Ausdruck der Wertschätzung, die wir uns im Lauf der letzen zweieinhalb Jahre bei unseren chinesischen Partnern erworben haben. Wie auf den „Deutsch-Chinesischen Promenaden“ der vorangegangenen Stationen werden wir uns auch auf der EXPO in einem Gebäude aus Bambus und Hightech-Materialien präsentieren. Die Bambus-Pavillons sind ein Markenzeichen der Veranstaltungsreihe geworden. Auch wenn unser „Deutsch-Chinesisches Haus“ auf dem Gelände der EXPO zu den kleinsten Strukturen zählt, wird es mit seinen tragenden Pfeilern aus acht Meter hohen Bambusrohren und im Design eines Leuchtkörpers spektakulär sein. Auf der EXPO wollen viele Menschen in kurzer Zeit viel sehen. Wir bieten den Besuchern im „Deutsch-Chinesischen Haus“ ein virtuelles Stadtspiel, bei sie mit Hilfe von Körperbewegungen ein eigenes Stadtviertel kreieren und spielerisch etwas vom komplexen Charakter urbaner Strukturen erfahren können.
Wenn Sie bereits vor der EXPO eine Bilanz ziehen müssten, wie fiele diese aus?
Die begleitenden Umfragen zu den Stationen Shenyang und Wuhan ergeben ein sehr positives Bild. Ich habe den Eindruck, dass unser Beitrag zu einer zeitgemäßen „Soft Power“, worüber heute in China viel diskutiert wird, von den Teilnehmern und Besuchern verstanden und akzeptiert wurde. Insgesamt haben 1,3 Millionen Menschen an den Veranstaltungen der fünf Stationen teilgenommen. Wir haben in den jeweiligen Regionen ein Netzwerk an Kontakten und persönlichen Beziehungen in allen Bereichen der Gesellschaft geknüpft. Das bietet eine gute Grundlage für künftige Kooperationsprojekte. Einige Projekte, die wir angestoßen haben, werden fortgeführt, etwa in den Bereichen Energieeffizientes Bauen oder Kulturmanagement. Bei anderen Projekten müssen wir uns noch weiter anstrengen, damit die Erfolge von „Deutschland und China – Gemeinsam in Bewegung“ keine Eintagsfliegen bleiben.
Was hat Sie besonders gefreut an der Veranstaltungsreihe?
Das Ausmaß, in dem unsere chinesischen Partner die Veranstaltungsreihe auch als ein eigenes Projekt betrachtet haben und bereit waren, dafür finanzielle und Sachleistungen zu erbringen. Die Bereitschaft der Behörden, uns Gestaltungsfreiraum und Vertrauen zu schenken, hat mich besonders gefreut. Beispielsweise haben die Behörden es mitgetragen, dass wir neun Tage lang auf einem öffentlichen Platz mitten in der Stadt ein Popmusikfetsival veranstalten und lautstark feiern konnten mit hunderttausenden von Besuchern. Und nicht zuletzt hat mich die Begeisterung und Dankbarkeit des Publikums gefreut.
Schlägt sich der Erfolg auch in der Nachfrage nach Veranstaltungen des Goethe-Instituts in China nieder?
Er schlägt sich insofern nieder, als wir an drei der fünf Stationen im Gefolge von „Deutschland und China – Gemeinsam in Bewegung“ in Zusammenarbeit mit chinesischen Einrichtungen so genannte „Goethe Sprachlernzentren“ gegründet haben, die sich reger Nachfrage erfreuen.
Sie kamen 1975 als Student nach Peking, waren 1988 an der Gründung des Goethe-Instituts in Peking beteiligt und sind seit 2006 erneut der Leiter des Pekinger Insti-tuts. Was planen Sie für die Zukunft?
Voraussichtlich im März 2011 wird im umgebauten Chinesischen Nationalmuseum die Ausstellung „Die Kunst der Aufklärung“ eröffnet, die von den Museumsverbünden in Dresden, München und Berlin konzipiert und durchgeführt wird. Das Thema „Aufklärung“ hat für China wie für uns eine hohe Aktualität. Wir denken mit chinesischen und deutschen Partnern darüber nach, wie wir zum Begleitprogramm beitragen. Ein zweites Projekt ist die Gründung eines europäisch-chinesischen Literaturfestivals in Wuhan – auch das ein Folgeprojekt von „Deutschland und China – Gemeinsam in Bewegung“. Und schließlich versuchen wir, China bei der herausfordernden Aufgabe, eine neue postsozialistische Kulturpolitik zu entwickeln, zu unterstützen.
Die Fragen stellte Martin Orth















