Donnerstag, 24.05.2012 20:07

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Fahrt durchs Eis

Die Polarstern ist ein schwimmendes Großlabor, perfekt ausgestattet für die Forschung zwischen Nord- und Südpol.

Von Kirsten Milhahn

Langsam nähert sich die Polarstern ihrem Ziel: einem Punkt mitten im Atlantik, 191 Seemeilen südlich der Kapverdischen Inseln. Keine Küste in Sicht. Nur der Tiefenmesser verrät: Dies ist die richtige Stelle. 4884 Meter unter dem Schiffsrumpf bricht der Meeresboden abrupt in den Abgrund. An diesem Abhang des afrikanischen Kontinentalschelfs will Peter Wiebe seine Fangzüge starten.

Er ist nervös. Hektisch umrundet der Biologe der US-amerikanischen „Woods Hole Oceanographic Institution“ noch einmal das schwere Metallgestell, das wie ein umgefallener Türrahmen auf den Planken liegt. Er prüft, ob die Steuerelemente jus­tiert sind und die 16 Meter langen Netzbeutel aus feiner Gaze frei hintereinander hängen. Dann winkt Wiebe dem Bootsmann am Hebekran zu: Alles bereit! Das Spezialnetz MOCNESS kann zu Wasser. Die 26 Meeresbiologen und zwei Dutzend Männer der Schiffsbesatzung verfolgen, wie die 300 Kilogramm schwere Fangvorrichtung in den Wellen versinkt, wie sich die fünf Netzbeutel, die sich ferngesteuert in verschiedenen Tiefen des Ozeans öffnen und wieder verschließen lassen, noch einmal wie Walrücken aus dem Wasser ­wölben, um dann am Metallrahmen in einen finsteren, eiskalten Kosmos zu gleiten, der für Menschen so unzugänglich ist wie der Weltraum: die Tiefsee. Dort soll ­MOCNESS nach unbekannten, winzigen Tierarten fahnden, dem Zooplankton. Kleine Krebse und Schnecken zählen dazu, Borsten- und Pfeilwürmer sowie Quallen. Die Meeres­biologen sind von Bremerhaven nach Kapstadt in Südafrika aufgebrochen, um auf einem 12000 Kilometer langen Forschungstransekt, einer Reihe vorher fest­gelegter Untersuchungspunkte, Daten für eine gigantische „Volkszählung“ zu sammeln: Beim „Census of Marine Life“ erfassen Forscher aus über 80 Ländern, was für Lebewesen die Ozeane bevölkern, wie zahlreich sich Mikroben und Weichtiere, Fische und Meeressäuger in den Fluten verteilen.

Das Herzstück solcher internationalen Großprojekte bilden die Schiffsexpeditionen mit ihren multinationalen Teams. Und die Polarstern spielt dabei eine entscheidende Rolle. Seit fast 30 Jahren steht der Eisbrecher des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven schon im Dienst der Wissenschaft, 320 Tage in jedem Jahr. Schiffs­eigner ist Deutschland, vertreten durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Die Polarstern bahnt sich ihren Weg durch raue See und Packeis – angetrieben von fünf Achtzylinder-Dieselmotoren mit insgesamt 20000 PS. Auf fast all ihren Expeditionen bringt sie Forscher in die Polregionen. Dann ist jeder Platz an Bord heißbegehrt, denn sie gilt als das leistungsfähigste Polarforschungsschiff weltweit. Ein schwimmendes Großlabor, ausgestattet für nahezu jede Art der Polar- und Meeresforschung, etwa Ozeanographie, Klimaforschung oder Biologie.

Mehr als 100 Forscher, Techniker oder Besatzungsmitglieder finden in den Kabinen eine Koje, in neun Laboren Raum zum Experimentieren und auf acht Schiffsebenen das benötigte Equipment. Wie etwa Peter Wiebe, der sein Fangnetz ohne die bordeigene Spitzentechnologie nicht in die Tiefe befördern könnte. Südlich der Kapverden verfolgt der Amerikaner am Computerbildschirm, wie sich seine monströse Konstruktion langsam dem Ozeanboden nähert: durch fast 5000 Meter Wasser, bis sie nur noch 100 Meter über dem Tiefseegrund gondelt. Per Mausklick öffnet Wiebe dann den untersten Netzbeutel und holt das Gerät mit den Fangbehältern langsam ein. Gut 13 Stunden später taucht es dank der Schiffswinden in der azurblauen See wieder auf. Jetzt muss es schnell gehen, denn die gefangenen Tiere, die an die Kälte der Tiefsee gewöhnt sind, könnten an Bord innerhalb von Minuten verenden. Die Forscher breiten ihren Fang in Sammelschalen im Kältelabor aus und beginnen mit ihren Untersuchungen. Vier Wochen lang werfen sie auf der Polarstern ihre Netze aus. Wenn das Schiff dann im Hafen von Kapstadt vor Anker geht, ist für die Meeresbiologen vom Census-Projekt die Reise beendet. Die des Eisbrechers geht dann erst richtig los. Eine neue Crew mit Wissenschaftlern aus der ganzen Welt rüstet sich für ihr Ziel: die Antarktis.

Wie in jedem Jahr zwischen November und März pflügt sich die Polarstern durch den Atlantischen Ozean ins Südpolarmeer, bringt Forscher in antarktische Gewässer oder aufs Festland und beliefert die Mannschaft am deutschen Antarktisforschungsstützpunkt „Neumayer-Station III“ mit Lebensmitteln, warmer Kleidung, Schlitten, Werkzeugen und anderen technischen Geräten. Haben die Forscher an Bord ihren Untersuchungsstandort im Eismeer vor der Küste erreicht, wartet wochenlange harte Arbeit in eisiger Kälte auf sie. So bohren beispielsweise Klimaforscher meterlange Sedimentkerne aus dem Meeresboden, die Aufschluss darüber geben sollen, wie sich das Klima in den letzten 400000 bis vier Millionen Jahren entwickelt hat. Und läuft das Schiff nach insgesamt sieben Monaten auf See und mehr als 68000 zurückgelegten Kilometern in den Heimathafen Bremerhaven ein, gibt es kaum eine Pause, folgt die nächste Expedition. Diesmal mit dem Ziel Nordpol.

Fast jedes Jahr im Nordsommer kreuzt die Polarstern die Arktis. Und seit zehn Jahren fährt auch das Team um Michael Klages regelmäßig in diese Region: zur Framstraße westlich vor Spitzbergen, Schnittstelle zwischen Nordatlantik und Arktischem Ozean. Dort betreiben die Meeresbiologen vom Alfred-Wegener-Institut ihren „Hausgarten“, ein Tiefsee-Areal, in dem sie direkt unter den Eisschollen in Tiefen zwischen 1000 und 5500 Metern nach Meeresbewohnern fahnden. Und wie Peter Wiebe und seine Crew ihr MOCNESS auf Fangzug schicken, werfen auch die Bio­logen im „Hausgarten“ ihre Fanggeräte aus. An 16 Punkten im Meer, die die Polarstern auf einer Länge von 125 Kilometern der Reihe nach ansteuert, holen sie Wasser- und Sedimentproben an Bord. Und finden eine Vielfalt, die all ihre Erwartungen übersteigt. Gewaltige Mengen an Bakterien, Fadenwürmern und Ruderfußkrebsen arbeiten sich durchs Sediment. Meeresasseln, Garnelen, Seegurken, Seesterne und zahllose Fische wuseln dort unten – mehrere tausend Arten pro ­Quadratmeter.////

12.01.2011
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