Am 11. Juni beginnt in Südafrika die Fußball-WM 2010. Wie erleben Sie wenige Wochen vor dem großen Sportereignis die Stimmung im Land des Gastgebers?
Die Atmosphäre in Südafrika ist vergleichbar mit der Stimmung in Deutschland im Frühjahr 2006. Mit jedem Tag steigen Spannung und Vorfreude. Die Zeitungen, die Plakatwände und Reklamebanner sind voll mit Berichten und Bildern der Weltmeisterschaft. Die Südafrikaner freuen sich darauf, Gastgeber für die ganze Welt zu sein. Viele haben allerdings, genau wie vor vier Jahren in Deutschland, noch keine rechte Vorstellung, wie grandios die 31 Tage der Weltmeisterschaft sein werden, wie sehr sich in dieser Zeit alles um die WM drehen und wie sehr Südafrika im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit stehen wird. Und nicht zuletzt sorgen sie sich wie wir damals um die Aussichten ihrer eigenen Mannschaft Bafana Bafana.
Welche Bedeutung hat das WM-Turnier für das Land?
Genau wie Deutschland möchte sich Südafrika der Welt als ein modernes, gastfreundliches und dynamisches Land präsentieren. Der Ehrgeiz der Organisatoren geht aber darüber hinaus: Es wird eine afrikanische WM. Der ganze Kontinent soll in ein anderes, ein moderneres und besseres Licht gerückt werden. So wie unsere Siege bei den Weltmeisterschaften 1954 in der Schweiz und 1990 in Italien, wenige Monate vor der Wiedervereinigung, und das „Sommermärchen“ 2006 für den nationalen Zusammenhalt Deutschlands förderlich waren, so soll die WM auch die Regenbogennation Südafrika einen. Das ist 1995 beim Sieg des südafrikanischen Rugby-Teams im eigenen Land unter den Augen von Präsident Nelson Mandela schon einmal gelungen.
In welchen Bereichen wird die WM Südafrika in seiner Entwicklung voranbringen?
Als die FIFA Südafrika 2004 die WM 2010 zusprach, hat die südafrikanische Regierung ein riesiges Investitionsprogramm aufgelegt. Für die WM werden etwa 3 Milliarden Euro aufgewandt. Für den Ausbau der öffentlichen Infrastruktur wie Straßen, Schienen, Flughäfen, Telekommunikation sind es mehr als 70 Milliarden Euro. Das nützt nicht nur den vielen ausländischen Gästen während der WM. Es ist auch die Grundlage für eine dynamische wirtschaftliche Entwicklung nach der WM.
Die WM in Südafrika ist zugleich die erste auf dem afrikanischen Kontinent. Wie stark wird das Turnier auf die anderen afrikanischen Länder ausstrahlen?
Afrikaner sind mindestens so fußballbegeistert wie wir. Noch nie haben sechs afrikanische Teams an einer WM teilgenommen. Noch nie hatten afrikanische Teams so gute Chancen, erfolgreich zu sein. Wer weiß, vielleicht ist 2010 das Jahr des ersten afrikanischen Fußball-Weltmeisters. Erfolgreiche afrikanische Teams würden überall auf dem Kontinent Stolz, Begeisterung und Enthusiasmus auslösen. Die Nachbarstaaten Südafrikas werden ferner von den vielen Touristen profitieren, die bei ihnen Quartier nehmen werden.
Wie eng hat Deutschland als Gastgeber der WM 2006 mit Südafrika bei der Vorbereitung der WM zusammengearbeitet und sein Wissen für die Organisation eines solchen Turniers weitergegeben?
Seit 2004 sind deutsche und südafrikanische Experten in engem Kontakt, unter anderem aus den Austragungsorten, der Polizei, dem Katastrophenschutz, der Feuerwehr. Bis zur und während der WM 2006 fanden diese Treffen zumeist in Deutschland statt. Seit 2006 gibt es viel Austausch in Südafrika. Wir bieten unsere Unterstützung dort an, wo es in Südafrika Bedarf gibt. Mehr als siebzig deutsche Experten waren als Ratgeber im Land. Nicht zuletzt ist der Cheforganisator des deutschen Organisationskomitees 2006, Horst R. Schmidt, im Auftrag der FIFA Berater des südafrikanischen Organisationskomitees.
In Afrika ist der WM-Gastgeber zugleich der wichtigste Wirtschaftspartner Deutschlands. Hat diese Partnerschaft durch die WM neue Impulse erhalten?
Bei drei der zehn WM-Stadien, allesamt Neubauten, haben deutsche Firmen entscheidend mitgewirkt. Das Hamburger Architekturbüro gmp hat die tollen Stadien in Kapstadt, Durban und Port Elizabeth auch unter Verwendung deutscher Produkte errichtet. Auch darüber hinaus ist die deutsche Wirtschaft an den Vorbereitungen zur WM beteiligt. Das ist kein Zufall. Deutschland ist seit langem der größte Investor und ein ganz wichtiger Handelspartner. Hunderte deutsche Unternehmen sind in Südafrika vertreten.
Im Rahmen der WM engagiert Deutschland sich mit verschiedenen sozialen Projekten in Südafrika. Wo liegen die Schwerpunkte?
Uns liegt die Jugend am Herzen. Nahezu die Hälfte aller Südafrikaner ist unter 20. Sie hoffen auf eine Perspektive für ihr Leben und Gelegenheiten zur Entwicklung ihrer Talente. Die Begeisterung für die Fußball-WM ist ein toller Anlass, den wir nutzen wollen. In dem GTZ-Projekt ‚Youth Development through Football‘ vermitteln wir Jungen und Mädchen in ganz Südafrika und darüber hinaus durch den Fußball Werte und Perspektiven.
Wie Fußball- und WM begeistert sind Sie persönlich?
Ich bin großer Fußball-Fan. In meiner schwäbischen Heimat gehört meine Unterstützung der SpVgg Trossingen, als Wahl-Berliner schlägt mein Herz für Tennis Borussia. Und ich sehe das nicht nur sportlich: Was unsere Fußballvereine für die Jugendarbeit leisten, ist einfach vorbildlich. Was die WM angeht: Das wirklich Schöne daran ist doch, dass auch Außenseiter eine Chance haben. Wer hätte denn vor Jahren gedacht, dass damalige Fußball-Newcomer heute mit den ganz großen Mannschaften mithalten können. Ganz besonders freue ich mich auf die afrikanischen Teams. Bafana Bafana drücke ich genauso die Daumen wie unserer Mannschaft.
Bei der WM 2006 in Deutschland sprachen viele von einem Sommermärchen. Wird die WM 2010 ein afrikanisches Wintermärchen?
Südafrika ist gut auf die WM vorbereitet. Die Stadien sind fertig, die Vorbereitungen befinden sich in den letzten Zügen. Ich wünsche den südafrikanischen Gastgebern das nötige Quäntchen Glück, das auch wir für unser Sommermärchen hatten: Gutes Wetter, wann hatte es zuletzt 30 Tage Sonnenschein in Folge in Deutschland gegeben? Keine Unglücksfälle und eine begeisternde eigene Mannschaft.
Was trauen Sie der südafrikanischen Nationalmannschaft zu?
Bafana Bafana hat zwei Monate mehr Zeit für seine Vorbereitung als die europäischen Teams. Die südafrikanische Mannschaft wird im April in Deutschland mehrere Wochen ein Trainingslager beziehen und sich generalstabsmäßig vorbereiten. Es gibt in Südafrika viele außerordentlich talentierte Fußballer. Ich glaube, dass Bafana Bafana das Zeug hat, die eigenen Fans und die ganze Welt zu überraschen.
Und Ihre Erwartungen an das deutsche Team?
Deutschland gehört sicher in den Kreis der Favoriten. Unser Team ist eine Turniermannschaft. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir auch diesmal weit kommen werden.
Sitzen Sie am 11. Juli beim WM-Finale in Johannesburg?
Wenn das deutsche Team aufläuft, dann auf alle Fälle.
Ihr Tipp: Wer wird Weltmeister?
Ich hoffe auf spannende Spiele, und ich glaube, dass wir Überraschungen erleben werden. Das Spielniveau hat sich doch sehr angeglichen. Im Turnier des Konföderationspokals hat Ägypten den letzten Weltmeister Italien geschlagen. Warten wir‘s mal ab!















