Am Anfang ertönt ein schiefes „Va‘, pensiero“ aus Verdis Oper Nabucco. Zum Gedanken, der auf goldenen Flügeln fliegt, knattern Mopeds, Wasser läuft eine schlammige Straße entlang, Staub wird aufgewirbelt. Dann schwenkt die Kamera zu den Sängern, einem Orchester, notdürftig vor Dreck und Lärm geschützt hinter einem grünen Zaun aus Plastiklamellen. Der Bratschist steht auf einer Leiter und fummelt an nackten Kabeln herum, damit es Licht werde. In der Dämmerung gehen Frauen mit Lasten auf dem Kopf hinter dem Zaun entlang. Ihre Silhouette wird zum Scherenschnitt. Schließlich taucht der Kopf eines Kindes über dem Zaun auf, und bald darauf fällt die Nacht über Sänger und Musiker.
Kinshasa Symphony heißt der Film, den Claus Wischmann und Martin Baer, der eine als Autor, der andere als Kameramann, über eines der erstaunlichsten und anrührendsten Orchester der Welt gedreht haben und der am 23. September in den deutschen Kinos startete. Schon bei seiner Premiere auf der Berlinale wurde er begeistert gefeiert und hat seitdem internationale Filmpreise, vor allem die des Publikums, erworben. Zu Recht, möchte man laut ausrufen, denn verzaubernder kann ein Dokumentarfilm kaum sein. Zwar ist es in erster Linie ein Film über das kongolesische Orchestre Symphonique Kimbanguiste, Zentralafrikas einziges Symphonieorchester, aber außerdem – oder vielleicht hauptsächlich, das ist schwer zu entscheiden – ist es eine Hymne an den Kongo, an Kinshasa, an diese mitreißende Fähigkeit der Afrikaner, mit Improvisation und Lachen alle Schwierigkeiten irgendwie zu meistern. Wischmann und Baer ist es gelungen, Kinshasas Wahnsinn, die Mühen des Alltags, all die Not, die Müdigkeit und die Armut einzufangen, ohne auch nur eine Sekunde fatalistisch zu wirken oder die üblichen Klischees vom dunklen Land auf dem dunklen Kontinent zu wiederholen. Kinshasa Symphony ist ein heller Film, voller Wärme, Witz, Poesie und Optimismus.
Das Orchester wurde 1994 von Armand Diangienda gegründet. Diangienda, Pilot von Beruf, verlor seine Arbeit. In der schwierigen Situation klang ihm die Musik durch den Kopf, die ihn schon im Elternhaus begleitete: Händels „Messias“. Den Namen des Orchesters, anfangs nicht mehr als eine Truppe aus hochmotivierten Dilettanten, übernahm er von seinem Großvater, Simon Kimbangu. Der gilt im Kongo als Prophet und schwarzer Erlöser. Für seine Reden und die Gründung der Erweckungsbewegung der Kimbanguisten wurde er von den weißen Kolonialherren eingesperrt und starb im Gefängnis. Kimbanguisten sind auch die Orchestermitglieder und vielleicht ist es die fast lutherisch anmutende Kargheit dieser Bewegung, die das Fundament für die orchestrale Disziplin bildet. Als Diangienda mit einer Handvoll Musiker begann, stand der Kongo am Abgrund und fiel kurz darauf hinein. Zwei Kriege, Plünderungen, Entbehrungen, politische Kleptomanie folgten. Die Musiker übten weiter, sie schnitzten sich Flöten selber, bauten die Celli, die Geigen. Zerbrochene Saiten wurden durch Fahrradbremskabel ersetzt.
Wirklich besser sind die Zustände heute auch nicht. Wischmanns und Baers Film zeigt eine heruntergekommene Stadt, die Straßen sind Schlagloch übersät, und der Müll liegt überall. In ihrem Alltag sind die Musiker Apotheker, Mechaniker, Verkäufer, Arbeitslose, vor allem sind sie alle Amateure. Was sie können, lernten sie durch Kirchenmusik oder als Autodidakten. Manche stehen um vier Uhr auf, und wenn um 17 Uhr die Probe beginnt, sind sie müde, hungrig, ausgebrannt. Und wirklich gut singen, wirklich gut spielen können sie eigentlich auch nicht. Die Flötistin ist alleinerziehende Mutter und bringt immer ihren Sohn mit, der schließlich auf einem Stuhl einschläft, der Tenor trifft die Töne nicht, nirgendwo können sie in Ruhe proben und immer wieder fällt der verdammte Strom aus, es wird stockdunkel.
Und doch oder gerade deswegen, hat man nie ein anrührenderes Largo „Ombra Mai Fu“ von Händel gehört und auch Carl Orffs Carmina Burana klang nie triumphaler. Denn diejenigen, die das singen, tun es aus reiner Freude, ohne Streben nach Ruhm oder Geld. Sie singen und spielen der Schönheit der Musik willen. „Mein Herz geht auf, wenn ich singe“, erzählt eine Protagonistin und die 1. Geige sagt über Carmina Burana: „Wenn dieses Stück gespielt wird, wachen alle Seelen auf.“ „Oft haben wir gefragt, warum sie ausgerechnet europäische Musik spielen“, erzählt Martin Baer „und sie haben das als typisch europäische Frage verlacht. Für sie gehört die Musik allen. Einer der Musiker sagt in dem Film sogar, Beethoven habe afrikanische Rhythmen gespielt.“ Zweimal einen Monat, verteilt auf ein Jahr, drehten die beiden Deutschen in Kinshasa und blieben, relativ unbehelligt von Polizei und Militär. Der alte Kimbangu und sein Erlöserruf beschützten wohl auch das Filmteam. Nach Deutschland getragen wurde die Kunde von diesem Orchester durch einen Bundeswehrsoldaten, der sie einer Fernsehredakteurin erzählte und diese setzte Wischmann und Baer darauf an. „Ach du Schreck, der Kongo!“, hätten damals Kollegen gesagt und nichts Gutes für den Film prophezeit. „Wir haben uns einfach Zeit gelassen“, sagt Baer, „haben uns mit den Leuten vertraut gemacht, mit der Polizei und dem Bürgermeister der jeweiligen Viertel gesprochen“.
Der Film endet mit dem ersten öffentlichen Großauftritt des Orchesters zum Jahrestag der Unabhängigkeit des Kongo. In einem Stadion, randvoll mit bunt gekleideten, lachenden, frenetisch jubelnden Menschen. Eine Schlussszene, die zum Weinen und zum Lachen schön ist. „Alle Menschen werden Brüder“, heißt es in der 9. Symphonie, in der „Ode an die Freude“, und nach diesem Film glaubt man tatsächlich wieder, dass es so sein könnte.////















