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Medien

Eine Stimme für den Frieden

Als Stimme der Versöhnung sendet Radio Heza in Ruanda ein Programm von Jugendlichen für Jugendliche. 15 Jahre nach dem Völkermord leistet das von Deutschland unterstützte Projekt einen Beitrag zum Frieden

Von Andrea Jeska

Im Redaktionsraum von Radio Heza hört Furaha Hakizimana ein Interview ab, welches sie am Morgen mit Jugendlichen zum Thema „Die Zukunft Ruandas“ geführt hat. Draußen auf dem Sportplatz schreien die Anhänger zweier Fußballteams, Schulkinder spielen im Innenhof. Das Jugendzentrum von Kimisagara in Ruandas Hauptstadt Kigali ist am Nachmittag ein lauter Ort. Die 23-Jährige Hakizimana ist seit einem Jahr Mitarbeiterin von Radio Heza. Heza sendet 30 Minuten in der Woche ein aus Nachrichten, Interviews, Musik und einer Seifenoper zusammengesetztes Programm von Jugendlichen für Jugendliche. Mit ihrem eigenen Radiosender wollen die Jugendlichen zum Versöhnungsprozess in Ruanda beitragen. „Ich habe großes Vertrauen in das Potenzial der Jugend, einen lang anhaltenden Frieden in Ruanda schaffen zu können“, betont Hakizimana.

Eineinhalb Jahrzehnte sind seit dem Völkermord in dem ostafrikanischen Staat vergangen. 1994 brachten Ruandas Hutu in nur drei Monaten fast eine Million Tutsi brutal ums Leben. Es war der kürzeste und blutigste Völkermord in der jüngeren Geschichte des Kontinents. Seither herrscht Frieden, doch dieser Frieden ist ein schwieriger und verlangt von der ruandischen Bevölkerung ein hohes Maß an Selbstverleugnung. Zwar ist laut Erlass der Regierung die Zuordnung in die Volksgruppen „Hutu“ und „Tutsi“ verboten, doch die Vorbehalte der einen Gruppe gegen die andere sind nach wie vor groß.

Radio Heza und auch die gleichnamige Zeitung, die in einer Auflage von 500 an Sekundarschulen verteilt wird, ist die Umsetzung des Projekts „Medien für den Frieden – von Jugendlichen für Jugendliche“. Es wurde vom Zivilen Friedensdienstes (ZFD) des Deutschen Entwicklungsdiensts (DED) im Jahr 2005 konzipiert. Der DED initiiert seit 1999 Maßnahmen zur Friedensförderung und zivilen Konfliktbearbeitung, entsendet dazu Fachpersonal und hilft Organisationsstrukturen zu schaffen. Im Januar 2008 wurde die erste Heza-Sendung in allen Provinzen Ruandas in der Landessprache Kinyarwanda ausgestrahlt. Inzwischen, so die Schätzungen des DED, hören zwei Millionen Jugendliche jede Woche Radio Heza. Umgesetzt wird das Projekt von der Assoziation Urungano – Jeunesse et Médias und dem Forum des Jeunes Giramahoro, dem Träger des Jugendzentrums, ausgestrahlt über den Sender Voice of America.

Heza bedeutet „guter Ort“ und der Name steht für die Vision eines Landes, in dem jeder sich wohl fühlt. Hakizimana kam vor einem Jahr ins Team. „Ich hatte bereits bei der Deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit einen Kurs in Friedensjournalismus belegt. Deshalb war ich von der Idee, über Frieden im Radio zu reden, begeistert“, erklärt die Jungredakteurin. Er habe am Anfang kämpfen müssen, erinnert sich DED/ZFD-Friedensfachkraft Andreas Wagner, der Heza von der ersten Stunde an begleitete. „Mit welchen Ziel arbeitet ihr?“ wurde er in Ruanda gefragt. „Wollt Ihr Radio für Jugendliche machen, dann lasst Profis ran.“ „Unser Ansatz aber war ja gerade, die Mauer des Schweigens unter den Jugendlichen zu brechen. Um das Leiden anderer wahrnehmen zu können, muss auch das eigene Leiden ausgesprochen und anerkannt werden. Offenheit ist im Leben junger Ruander außerhalb des engen Kreises der Familie sehr selten. Je nach der persönlichen Leidensgeschichte, löst jede Begegnung mit anderen Jugendlichen immer auch Scham oder Trauer, Rachegefühle und Angst aus, ruft Vorurteile und Ressentiments wach.“

Mit der Manipulation der Jugend durch Erwachsene hat man in Ruanda Erfahrung. Es waren junge Leute, die sich durch den Propagandasender Radio Télévision Libre des Milles Collines (RTLM) und durch die Zeitung „Kangura“ zum Blutrausch aufhetzen ließen und zu den aktivsten Ausführenden des Völkermordes wurden. „Die Propagandabotschaften erreichten eine Jugend, die von frühester Kindheit an blinden Gehorsam gewohnt war, die es nicht gelernt hatte, ihre eigenen moralischen Entscheidungen zu treffen“, so Wagners Fazit der damaligen Situation. „Deshalb war es wichtig, dass gut ausgebildete und kompetent begleitete Jugendliche die Friedensmedien selbst entwickeln und produzieren sollten.“

Jene Jugend, die nach 1994 heran wuchs, hat heute nur noch vage Erinnerungen an den Völkermord. Doch noch immer gibt es Vergeltungsaktionen, bedrohen Hutu-Rebellen von außen den Frieden des Landes. Täter und Opfer leben oft Tür an Tür, und seit die ersten verurteilten Kriegsverbrecher wieder auf freiem Fuß sind, ist die Furcht vor Rache gewachsen. Wagner hat zudem festgestellt, dass trotz der verordneten Gleichheit aller die verschiedenen Gruppen unter sich bleiben. „’Das habe ich nicht gewusst’, war ein Satz, der am Anfang der Zusammenarbeit in der Redaktion häufig geäußert wurde.“ Der Evaluation der Vergangenheit folgte der Blick in die Zukunft. „Als Zielgruppe für unser Programm legten wir 15 bis 23 Jahre fest. Diese Altersgruppe verfügt einerseits schon über ein gewisses politisch-gesellschaftliches Reflexionsvermögen, ist aber zu jung, um am Genozid beteiligt gewesen zu sein.“ 20 Jugendliche erhielten eine journalistische Grundausbildung. Selbstständig erarbeiteten sie das Konzept des Radios, fanden dessen Namen und erhielten Kurzseminare zu den Themen „Friedensjournalismus“ und „Methoden der Konfliktbearbeitung“.

Heza wird heute sogar in den Grenzgebieten des Kongo und Ruanda gehört. Die Redaktion besteht aus beiden Volksgruppen. „Unser Schwerpunkt liegt auf dem Blick nach vorne, nicht zurück“, sagt Wagner. Man wolle schließlich gemeinsam die Zukunft gestalten. Deshalb könnte es auch nicht nur ernste Themen geben. „Es soll auch cool sein, weil Jugendliche eben coole Sachen mögen.“

30.10.2009
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