Einige meiner Freunde wundern sich noch heute, wie mühelos es mir offenbar gelungen ist, mich auf Deutschland einzulassen – ein Land, das viele immer noch als leicht unheimlich empfinden. Ich genieße es, bei jeder sich bietenden Gelegenheit nach Deutschland zu reisen. Und als die Vertrauenswissenschaftlerin der Alexander von Humboldt-Stiftung in Nigeria werde ich nicht müde, von den wunderbaren Forschungsmöglichkeiten in Deutschland zu berichten und für noch mehr Zusammenarbeit zwischen deutschen und afrikanischen Wissenschaftlern zu werben. Wie kam es, dass ich, wie manche es nennen, „germa-nophil“ wurde?
Zum ersten Mal war ich im Sommer 1973 in Deutschland. An der Universität von Ife (heute die Obafemi Awolowo University) hatte ich Deutsch als zweite Fremdsprache zu studieren begonnen und ein Stipendium für einen sechswöchigen Kurs am Goethe-Institut in Brilon, unweit von Paderborn, erhalten.
Der Aufenthalt in dieser kleinen, ruhigen und schönen Stadt ist mir in wunderbarer Erinnerung. Dort erlebte ich zum ersten Mal, was Sommer bedeutet: Als ich am Tag nach meiner Ankunft morgens aufwachte, traute ich meinen Augen nicht, dass es so früh am Morgen schon so hell sein kann. Augenblicklich sprang ich aus dem Bett, machte mich rasch fertig und rannte zum Institut – nur um gleichzeitig mit der Putzfrau dort anzukommen, denn es war halb sieben Uhr morgens. Ein andermal sagte ein kleines Mädchen – laut genug, dass ich es hören konnte – bei meinem Anblick zu seiner Mutter: „Eine Frau aus der Sonne!“ Natürlich waren damals nicht viele Menschen meiner Hautfarbe in Brilon unterwegs. Die interessanteste – und peinlichste – Begebenheit erlebte ich allerdings in einem Geschäft. Ich ging hinein und begann mir die Kleider anzusehen, die an einer Stange hingen. Seltsam fand ich nur, dass sie alle in Plastik verpackt waren. Zum Glück gefiel mir keines so gut, dass ich es haben wollte, und ich ging wieder. Erst später lernte ich, was der vermeintliche Name des Geschäfts wirklich bedeutet: „Chemische Reini-gung“. Kein Wunder, dass man mich dort mit Befremden gemustert hatte.
1986 war mein Mann Gastwissenschaftler am Max-Rubner-Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel in Kulmbach, und ich besuchte ihn zusammen mit unseren zwei Kindern über Weihnachten. Damals war ich Doktorandin an der Cornell University in Ithaca, New York. Mein Mann war als Stipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung nach Deutschland gekommen. Nach seinem einjährigen Deutschland-Aufenthalt, den er zwischen Kulmbach und Berlin aufteilte, redete mein Mann mir zu, mich ebenfalls um ein Humboldt-Stipendium zu bewerben. 1995 bekam ich das Forschungsstipendium der Humboldt-Stiftung, das mir einen einjährigen Aufenthalt an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz ermöglichte. Ein Stipendium der Humboldt-Stiftung ist mit keinem anderen vergleichbar: Ich weiß von keinen anderen wissenschaftlichen Stipendien, die so sorgfältig und wohlüberlegt konzipiert, so wunderbar organisiert sind wie das Humboldt-Stipendium. Seine wesentlichen Merkmale sind ein zwei- bis viermonatiges Studium der deutschen Sprache, eine Vortragsreihe, die für den Stipendiaten organisiert wird, eine Reise durch Teile von Deutschland, ein Familienprogramm und schließlich die unglaubliche Unterstützung, die ehemaligen Stipendiaten auch nach ihrer Rückkehr in die Heimat zuteil wird. Sie erhalten Buchspenden und Sachmittel und werden finanziell unterstützt, um zu Konferenzen im Ausland zu reisen oder Tagungen zu veranstalten, die so genannten Humboldt-Kollegs.
Für die meisten Wissenschaftler, vor allem wenn sie aus Ländern der dritten Welt stammen, bedeutet die Bewilligung eines Humboldt-Stipendiums einen enormen Auftrieb für ihr berufliches Fortkommen. Die Chancen, die uns in diesem Jahr eingeräumt werden – Zugang zu exzellenten Bibliotheken und Labors, Betreuung durch Professoren, von denen viele zu den Besten ihres Fachs zählen, Gelegenheit, am akademischen Leben der Gastinstitute und an Tagungen in Deutschland und anderen Ländern Europas teilzunehmen –, fördern unserer Karriere. Am Ende unseres Aufenthaltes hatten wir es geschafft, mehrere wissenschaftliche Artikel in bekannten Fachzeitschriften zu veröffentlichen. Manche von uns arbeiteten sogar an eigenen Büchern.
Wenn ein Humboldtianer bei seinem Deutschlandaufenthalt auch noch seine Familie mitbringen darf, kann es für ihn eine Erfahrung für ein ganzes Leben werden. Für unsere Familie war es so. Das Jahr, das wir in Mainz verbrachten, ist uns allen in sehr lieber Erinnerung. Mein Gastgeber und Betreuer, Professor Dr. Walter Bisang, der uns ein guter Freund geworden ist, vermittelte uns eine hübsche Wohnung, von der wir alle entzückt waren. Die Kin-der hatten viel Spaß in der Schule, verspeisten massenhaft Bratwürste und Eis und haben das in dem Jahr gelernte Deutsch nie mehr vergessen.
Angeblich schließen die Deutschen ja nicht so leicht Freundschaften, laden auch nicht so schnell jemanden zu sich nach Hause ein, wenn sie ihn kaum kennen. Das mag schon stimmen. Wir aber hatten das Glück, ein paar sehr freundliche Deutsche kennenzulernen, die uns nicht nur zu sich einluden, sondern uns sogar in unserer Heimat besuchten. Natürlich gab es auch ein, zwei unangenehme Zwischenfälle, aber so etwas passiert doch überall. In jedem Land gibt es nette und weniger nette Menschen, und man muss sie alle nehmen, wie sie sind. Dass wir zur „Humboldt-Familie“ gehören und deshalb mit Deutschland verbunden sind, ist, alles in allem, ein fester Bestandteil unseres Lebens geworden, über den wir alle sehr glücklich sind. Lang lebe die deutsch-nigerianische Freundschaft!
Die Autorin:
Professor Dr. Remi Sonaiya arbeitet an der sprachwissen-schaftlichen Fakultät der Obafemi Awolow University (OAU) in Nigeria. 1995 erhielt sie das Forschungsstipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung, das ihr einen einjährigen Gastaufenthalt an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz ermöglichte.














