Herr Botschafter, Bundesaußenminister Westerwelle hat im August 2010 das neue Lateinamerika- und Karibik-Konzept der Bundesregierung vorgestellt. Damit rückt die Region wieder stärker ins Zentrum deutscher Außenpolitik. Was sind die Gründe hierfür?
Die Entscheidung, Lateinamerika und die Karibik zu einer Priorität der deutschen Außenpolitik zu machen, war eine strategische Entscheidung des Bundesaußenministers. Die kulturellen Verbundenheiten und das Bekenntnis zu gemeinsamen Werten lassen uns in Lateinamerika natürliche Partner bei der Gestaltung der Globalisierung finden. Und in Wirtschaft, Wissenschaft, Kulturaustausch bietet Lateinamerika besonders gute Voraussetzungen für Austausch und Zusammenarbeit, die beide Seiten voranbringen.
Was kennzeichnet Deutschlands Beziehungen zu der Region, und was macht das Land zu einem attraktiven Partner?
Schon früh haben einzelne unternehmungslustige Deutsche nach Lateinamerika geschaut: der Abenteurer Hans von Staden, der niederländische Gouverneur Moritz von Nassau, der Forscher Alexander von Humboldt. Die großen Einwanderungswellen aus Deutschland nach Lateinamerika begannen aber erst zur Zeit der Unabhängigkeitsbestrebungen dort, ungefähr vor 200 Jahren. Die Deutschen, die damals nach Lateinamerika gingen, kamen dorthin als Arbeiter, als Siedler, als Gründer von Industrieunternehmen. Sie haben geholfen, die Länder aufzubauen, Arbeitsplätze geschaffen, zum Wohlstand der Länder beigetragen. Auch heute noch wollen wir uns daran orientieren: Es geht uns um nachhaltiges, gemeinsames Wachstum zu fairen Bedingungen.
Das Lateinamerika-Konzept der Bundesregierung will der Partnerschaft eine neue Qualität geben und das Potential der Beziehungen künftig besser nutzen. Wie wird sich die Zusammenarbeit künftig verändern?
Erstens richtet die Bundesregierung wieder mehr Aufmerksamkeit auf Lateinamerika und die Karibik. Die Intensivierung der gegenseitigen Besuche ist dafür nur ein Beispiel. Zweitens suchen wir intensiv die Abstimmung bei globalen Themen, zum Beispiel bei der Klimapolitik oder der Reform der Vereinten Nationen. Drittens ermutigen wir vor allem den deutschen Mittelstand, die Chancen Lateinamerikas und der Karibik wahrzunehmen. Viertens entwickelt sich mit zunehmender Leistungsfähigkeit die Form der Zusammenarbeit weiter: Wissenschaftlich-technologische Zusammenarbeit wird immer wichtiger. Und fünftens sind wir uns auch klargeworden, dass das Fundament an Gemeinsamkeiten zwischen Deutschland, Lateinamerika und der Karibik nicht selbstverständlich ist, sondern aktiv gepflegt werden muss.
Lateinamerika und die Karibik kennzeichnen eine große Heterogenität. Welche neuen Ansätze sehen Sie, um in der Zusammenarbeit die verschiedenen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Besonderheiten der Region stärker zu berücksichtigen?
Das Grundprinzip des Lateinamerikakonzepts ist ganz einfach: das Fundament der Gemeinsamkeiten pflegen, um darauf aufbauend zusammenzuarbeiten in gemeinsamer Verantwortung, zum gemeinsamen Vorteil, durch immer engeren Austausch. Trotzdem müssen wir differenzieren: In einigen Ländern ist die klassische Entwicklungshilfe kennzeichnend, in anderen ist die wissenschaftlich-technologische Zusammenarbeit schon wichtiger; in einigen ist die deutsche Wirtschaft sehr präsent, anderen müssen wir helfen, die Voraussetzungen für mehr wirtschaftlichen Austausch zu schaffen. Die Zusammenarbeit zum Schutz der allgemeinen Menschenrechte muss nahezu in jedem Land sich auf die jeweilige besondere Situation einstellen. Grundsätzlich gilt: Je größer die Gemeinsamkeit der Werte mit den einzelnen Ländern ist, desto besser sind die Voraussetzungen für erfolgreiche bilaterale und multilaterale Zusammenarbeit.
Das Auswärtige Amt veranstaltet im Herbst in Berlin eine große Lateinamerika/Karibik-Konferenz. Welche Themen stehen dabei im Mittelpunkt?
Die geplante Lateinamerika- und Karibikkonferenz „Lateinamerika im Wandel“ wird in enger Zusammenarbeit zwischen dem Haus der Kulturen der Welt, dem Ibero-Amerikanischen Institut und dem Auswärtigen Amt organisiert und durchgeführt. Wir wollen die Partnerschaft zwischen Deutschland und Lateinamerika sichtbar machen und in Berlin Themen erörtern, die in Lateinamerika und der Karibik derzeit bewegen: von urbanen Kulturen in den neuen Metropolen über Folgen des wirtschaftlichen Aufschwungs und das Ringen um Rechtsstaat und Verfassung bis hin zur Erinnerungskultur, über die wir Erfahrungen austauschen wollen. Wir wollen diejenigen, die sich für Lateinamerika und die Karibik engagieren, zusammenbringen, der Öffentlichkeit ein aktuelles Bild vermitteln und Anstöße für weiteren Austausch oder Projekte gewinnen.
Was verbindet Sie ganz persönlich mit Lateinamerika und der Karibik?
Ich habe zusammen sechs Jahre in Brasilien und in Uruguay leben dürfen, und ich habe in zahlreichen Reisen von Mexiko und Haiti bis Chile und Argentinien einen ersten Einblick in viele andere Länder der Region gewinnen dürfen. In dieser Zeit habe ich großartige Menschen in Lateinamerika kennengelernt und gute Freunde gewonnen.














