Eine schmale Durchfahrt führt in den Paulinenhof mit seinem holprigen Kopfsteinpflaster. Der lauschige Hinterhof liegt an der Berliner Sophienstraße, nur einen Steinwurf von der belebten Oranienburger Straße entfernt. Erst am Abend füllt sich der stille Hof mit Leben. Schüler und Studenten aus Berliner Schulen und Hochschulen pilgern dorthin, um als Gäste der Heinz-Schwarzkopf-Stiftung in Berlin mit hochkarätigen Europa-Experten aus Politik und Kultur ins Gespräch zu kommen. Hier diskutieren sie mit „Europaprofis“: Der frühere Bundespräsident Roman Herzog war bereits zu Gast, vor ihm Dirigent Daniel Barenboim, der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn oder der frühere israelische Botschafter Avi Primor. Die Jugendlichen informieren sich über europäische Nachbarschaftspolitik, Chancen der Integration oder Europas Verantwortung für den Nahen Osten.
Das ist das Ziel der Heinz-Schwarzkopf-Stiftung „Junges Europa“: Sie will Jugendliche für den europäischen Gedanken begeistern und ihnen die Bedeutung des Einigungsprozesses nahebringen. Doch wie interessiert man Jugendliche für Europa? „Man muss den jungen Leuten zeigen, dass sie gehört werden und selbst etwas bewegen können. Dafür haben wir viele verschiedene Formate entwickelt“, erklärt Geschäftsführer Philipp Scharff. Neben den Gesprächsreihen „Europa im 21. Jahrhundert“ und „Europa ins Gespräch bringen“ werden seit 2008 EU-Crash-Kurse für Schüler angeboten; die Stiftung organisiert politische Tagungen und Besuche in europäischen Botschaften; außerdem vergibt sie Reisestipendien, für die sich Schüler aus Deutschland und anderen europäischen Ländern bewerben können.
Lehrer Jan Ebert von der Ernst-Abbé-Schule aus dem Bezirk Berlin-Neukölln, der in der Öffentlichkeit oft nur als Problembezirk gesehen wird, ist häufig mit seinen Schülern zu Gast. An der freiwilligen Politik-AG der Schule und den beiden Leistungskursen Politik nehmen viele Gymnasiasten mit Migrationshintergrund teil. „Sie haben oft Interesse an besonderen Themen, etwa wie Europa mit dem Nahost-Konflikt umgeht oder die Frage des EU-Beitrittes der Türkei“, sagt der Politiklehrer. In den Veranstaltungen lernten sie anders als in ihren Elternhäusern, dass „Europa kein Schreckgespenst ist, sondern dass sie selbst davon profitieren“.
Selbst etwas bewegen wollen. So begann auch Tamuna Kekenadzes Engagement für Europa. Die Georgierin bringt junge Leute aus Georgien, Russland, Deutschland und anderen europäischen Ländern zusammen; sie hat georgische Jugendorganisationen mit ihren Pendants in anderen europäischen Ländern vernetzt. 2008 hat die Stiftung der 27-Jährigen deshalb den mit 5000 Euro dotierten Preis „Junge Europäerin des Jahres“ verliehen. Dieser Betrag ermöglicht den Preisträgern ein halbjähriges Praktikum in einer europäischen Institution oder hilft ihnen, ein europäisches Projekt zu finanzieren. Kekenadze arbeitet gerade als Praktikantin von Hans-Gert Pöttering, dem Präsidenten des EU-Parlaments. „Ich freue mich, dort mehr über die EU-Politik aus den verschiedenen Perspektiven zu lernen“, sagt sie.
Den Jugendlichen verschiedene Blickweisen auf den europäischen Einigungsprozess zu ermöglichen war auch das Anliegen der Stifterin Pauline Schwarzkopf. Sie gründete die Stiftung 1971 im Andenken an ihren verstorbenen Gatten Heinz Schwarzkopf, einem bekannten Unternehmer. Das größte Plus der Stiftung ist wohl, dass junge Leute, die sich engagieren wollen, auf vielen Ebenen eingebunden werden. Ein Beispiel ist der jugendliche Freundeskreis, der Vorschläge für Gesprächspartner macht und selbst Tagungen organisiert, wie 2008 zum Thema „Rechtsextremismus in Deutschland und Europa“. Für den Schwarzkopf-Europa-Preis, mit dem 2008 der finnische Außenminister Alexander Stubb ausgezeichnet wurde, können Europäerinnen und Europäer zwischen 14 und 28 Jahren Bewerber nominieren.
Und als bräuchte die Stiftung für ihren Untertitel „Junges Europa“ noch eine größere Legitimation, fungiert sie auch als Dachorganisation des European Youth Parliamant, das in 32 europäischen Ländern präsent ist, die jeweils Delegierte zu internationalen Sitzungen entsenden. Die Delegierten erarbeiten Vorschläge zu aktuellen Fragen, auf der Tagung Ende April 2009 zum Beispiel zum Thema Klimawandel in Stockholm. Dort wurden die jungen Abgeordneten von Kronprinzessin Victoria von Schweden begrüßt – auch ein Zeichen dafür, wie ernst junge Leute in Europa genommen werden können.














