Um ihn muss sich niemand sorgen, sein Tempo ist schnell genug, eine Frage kann genügen, ihn auf Betriebstemperatur zu bringen. An diesem Morgen ist eine harmlose Frage schuld daran, dass das Rührei auf seinem Frühstücksteller kalt wird. Die Frage ist, wie es Europa geht. Die Europäische Union ist derzeit das Gegenteil von ihm, Eckart Stratenschulte. Sie hat viele Länder aufgenommen, und manchmal sieht es so aus, als käme sie nicht vom Fleck. Ihr größtes Problem ist, dass die Menschen an eine Art Blackbox denken, wenn sie das Kürzel EU hören.„Die EU“, sagt auch Stratenschulte, ein Mann Mitte fünfzig mit silbernen Haaren, der in einer Berliner Villa am Frühstückstisch sitzt, „berührt die Menschen nicht, weil nur wenige sie bisher wirklich verstehen.“ Darüber müsse man reden. Aber auch darüber, dass sich das ändern werde, in gar nicht allzu ferner Zukunft, wie er glaubt. Also redet er.
Stratenschulte sieht die Probleme der EU, aber sie, diese große Idee, liegt ihm am Herzen. Er ist nicht irgendwer mit Sympathien für ein geeintes Europa, sondern ein Experte, auf den auch Politiker hören. „Prof. Dr. Eckart D. Stratenschulte“ steht auf seiner Visitenkarte. Er lehrt Politik- und Sozialwissenschaften an der Freien Universität Berlin, und er leitet die Europäische Akademie in Berlin, kurz: EAB. Stratenschulte sagt, er halte die Probleme für lösbar. Was er nicht sagt: dass er und seine Akademie vielleicht Teil einer Lösung sind, zumindest in Deutschland. Die Europäische Akademie versucht, die EU zu den Menschen zu bringen. Erster Schritt: Interesse wecken, für politische und wirtschaftliche Hintergründe und Zusammenhänge. Neue Eindrücke verschaffen. Also bietet die EAB jährlich weit über 100 Veranstaltungen an, die meisten davon in jener Villa aus den 1920er Jahren im Stadtteil Grunewald, in der er gerade frühstückt: dem Sitz der Akademie. Vorträge, Diskussionen und vor allem Seminare. Zudem vermittelt die EAB Kontakte, organisiert Veranstaltungen und Exkursionen.
Die Zukunft der EU hängt von den Menschen ab, den jungen vor allem. In sie setzt Stratenschulte große Hoffnung. „Die Jungen von heute sind . . ., entschuldigen Sie mich einen Moment, ich bin gleich zurück.“ Er unterbricht das Frühstück, muss eben was aus seinem Büro holen. Als er wiederkommt, hat er einen Stoß Bücher unterm Arm, die er über europäische Politik geschrieben hat. „Europa“, sagt er, „kommt in deutschen Rahmenlehrplänen wenig vor, vor allem nicht als Unterrichtsprinzip.“ Obwohl die Kultusministerkonferenz genau das vor 30 Jahren festgelegt hatte. „Das Thema ist bei Lehrern unbeliebt, aus zum Teil nachvollziehbaren Gründen.“ Die Materialien sind schnell veraltet, ständig passiert etwas, neue Verordnungen, neue Gesetze, die selbst für Fachleute sehr kompliziert sind. Die Lehrer wollen nicht unwissend vor ihrer Klasse stehen. Also meiden sie Europa. Ein Koffer soll das ändern, eine Materialsammlung, zusammengestellt von der EAB, gemeinsam mit dem Berliner Senat und der Europäischen Kommission, gefördert vom Auswärtigen Amt. Es sind kleine Schritte, das sagt Stratenschulte selbst. Aber es zeichnet sich etwas ab, das ihm Mut macht. Die nationale Politik nehme die EU ernster – und auch die Zeiten des Zahnarztbesuchens seien vorüber.
Zahnarzt? Stratenschulte übersetzt Politik gerne in Alltagssituationen. Er sagt, die Menschen hätten Europapolitik lange hingenommen wie ihren Zahnarzt. Man weiß nicht so genau, was der tut, will es auch nicht wissen. Wird schon alles richtig sein. Politikwissenschaftler nennen dieses Prinzip den „permissiven Konsens“. Stratenschulte sieht Anzeichen dafür, dass die Menschen jetzt mehr teilnehmen. Umweltpolitik, Terrorismus, Wirtschaft – mit diesen großen Zukunftsthemen können auch junge Menschen etwas anfangen. „Die alten Erfolge der EU“, sagt Stratenschulte, „sind für die Jungen selbstverständlich. Man bewegt sie nicht mit dem Argument, dass es in Europa nicht alle paar Jahre Kriege gibt.“ Sicherung des Friedens, das war das 20. Jahrhundert. Das 21. Jahrhundert ist: Sicherung des sozialen Friedens – genügend Arbeit, menschenwürdige Arbeitsbedingungen, Chancengleichheit. Stratenschulte weiß, dass mit all den schönen EU-Gedanken dennoch nie eine ganze Gesellschaft zu begeistern ist. Trotzdem, die EU sei auf dem Weg vom Elitenprojekt zum Mehrheitsprojekt. Wann sie es wirklich sein wird? „Wenn die, die jetzt von der Schule abgehen, in Führungspositionen angekommen sind.“ Die EU wird komplizierter bleiben als die nationale Politik. Stratenschulte macht sich keine Illusionen. Aber die Politiker könnten etwas entschiedener nachhelfen, Europa beliebter zu machen, findet er. „Für negative Entwicklungen wird gerne die EU verantwortlich gemacht. Später wundern sich alle, wenn die Leute nicht zu EU-Wahlen gehen.“ Er sieht auf die Uhr. Alles gesagt, und jetzt muss er los, ein Termin. Europa erwartet ihn.














