Es war die Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg und die Bundesrepublik Deutschland noch nicht gegründet, da dachten einige Deutsche und Franzosen bereits an die Aussöhnung ihrer beiden Länder. Vier Vordenker verstanden sich als Brückenbauer über den Rhein. Der erste Bundespräsident Theodor Heuss und der SPD-Politiker Carlo Schmid, einer der Väter des Grundgesetzes, trafen auf zwei Gleichgesinnte aus Frankreich. Mit den Publizisten und Wissenschaftlern Joseph Rovan und Alfred Grosser, die beide in Deutschland geboren wurden und wenige Jahre zuvor noch im Widerstand aktiv waren, gründeten sie am 1. Juli 1948 das Deutsch-Französische Institut (dfi). Von der Jugendstilvilla in Ludwigsburg, im Südwesten Deutschlands, sollten Impulse für die deutsch-französische Verständigung ausgehen. Keine leichte Aufgabe – nur drei Jahre nach dem Krieg. Das dfi organisierte anfangs Sprachkurse und den Austausch von Schülern, Familien und Praktikanten, half dabei, die erste Städtepartnerschaft zwischen Ludwigsburg und Montbéliard zu vereinbaren. Eine erste Annäherung.
1962 kam der französische Präsident General de Gaulle nach Ludwigsburg – und in die Villa des dfi, wo die Kronleuchter plötzlich etwas höher hingen, aus Furcht, der hochgewachsene General könnte sich daran stoßen. Es ging alles gut und de Gaulle hielt in Ludwigsburg eine bemerkenswerte Rede. „Sie sind Söhne und Töchter eines großen Volkes“, rief er den Jugendlichen in deutscher Sprache zu. Damals war dies eine große Geste der Versöhnung. Beim Festakt zum 60. Geburtstag des dfi im Mai 2008 erinnerte sich ein prominenter Zeitzeuge an diese Begegnung. „Wir sind alle begeistert neben dem Wagen die Königsallee entlanggerannt“, sagte Bundespräsident Horst Köhler, der in Ludwigsburg aufgewachsen ist und sein Abitur gemacht hat.
Mit der Unterzeichung des Élysée-Vertrages, des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages, im Jahr 1963 und der Gründung des gemeinsamen Jugendwer-kes wandte sich das dfi wissenschaftli-chen Schwerpunkten zu. In den 70er-Jahren begann das Institut damit, seine Arbeit auszubauen: Projekte zur bilateralen Kommunikation, zum fremden Freund, seiner Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Bis heute werden Kolloquien veranstaltet, Publikationen herausgegeben. Wenn man dfi-Direktor Professor Frank Baasner fragt, wozu das Institut heute noch gebraucht wird, dann sagt er, man möge die Frage bitte umdrehen. Was würde fehlen, wenn es das dfi nicht mehr gibt? Etwa 3000 Leute im Jahr, so Baasner, hätten keine Telefonnummer mehr, um Rat und Informationen zu Frankreich und den deutsch-französischen Beziehungen zu bekommen. Vom Studenten über den Journalisten bis zum Unternehmer. Frankreich hat in Deutschland eine Ludwigsburger Vorwahl.
Das dfi sei ein Ort des kollektiven Wis-sens, sagt Baasner. Nur weil die Väter sich ausgesöhnt haben, müssen die Kinder nicht aufhören, zusammen Projekte anzugehen. Die Beziehung zwischen Frankreich und Deutschland sei wohl einmalig auf der Welt, habe aber etwas an Reiz verloren. Deutsche und Franzosen sind im Alltag angekommen. Aber auch dieser Alltag kann kompliziert sein. Besonders, wenn man so nah zusammenwohnt unter einem europäischen Dach, und doch ziemlich verschieden ist. „Wir sind ein professionelles Frankreich-Observatorium, das auch dazu da ist, Missverständnisse auszuräumen, falsche Bilder zu korrigieren“, sagt Baasner. Wenn Präsident Nicolas Sarkozy etwa vorschlägt, eine Mittelmeerunion zu gründen und manche von einem Alleingang sprechen, dann weist Baasner darauf hin, wo beide Länder herkommen, in welcher Tradition sie stehen: Hier die Super-Europäer in Deutschland, mit und wegen ihrer jüngeren Geschichte. Dort die Franzosen, mit ihrer Tradition, die Welt in Einflussgebiete einzuteilen.
In der dfi-Bibliothek finden sich die Hintergründe zu diesen und anderen Themen. Hier lagern 38000 Bände, darunter auch viele Unterlagen und Berichte aus den Ministerien in Paris und den Verwaltungen, die teils nicht öffentlich sind. Einmal, erzählt der Bibliothekar, sei es ihm gelungen, einen Bericht des damaligen Premierministers Édouard Balladur zur Zukunft der Europäischen Verfassung zu bekommen: Ein Jahr bevor er in Frankreich veröffentlicht wurde, konnte man ihn sich in Ludwigsburg anschauen. Seit Baasner im Amt ist, will er den Bindestrich im Namen des Deutsch-Französischen Institutes stärken. Es soll keine Einbahnstraße mehr sein. Er eröffnete ein Büro in Paris und bemüht sich auch um Aufträge aus Frankreich, von Ministerien und Firmen, um ihnen Deutschland besser zu erklären. Diese Aufträge machen bisher aber nur einen sehr kleinen Teil des dfi-Etats aus: Der liegt bei etwa 1,6 Millionen Euro für 21 Mitarbeiter und wird zu 40 Prozent vom Auswärtigen Amt und zu 30 Prozent vom Land Baden-Württemberg und der Stadt Ludwigsburg getragen. Der Rest kommt von Stiftungen.
Zum 60. Geburtstag des dfi hielt der bekannte französische Intellektuelle Nicolas Baverez einen Vortrag. Er machte unter anderem zum Thema, dass die Franzosen an Deutschland derzeit wohl mehr Dinge schätzen als umgekehrt: Jugendliche bejubeln die Band Tokio Hotel, Studierende begeistern sich für Berlin und Wissenschaftler wie Baverez loben deutsche Reformen. Auch Frankreich muss manchmal geschüttelt werden, sagte Baverez und forderte eine Agenda 2020 für Europa. Das wäre vielleicht wieder ein Moment für den Missverständnisbeseitiger Baasner: Er könnte den Nachbarn erklären, dass der Bundespräsident, anders als in Frankreich, zwar den großen Ruck fordern, Reformen aber nicht selbst umsetzen kann.














