Das Wort Migrationshintergrund mag Aygül Özkan nicht. Um diese „schreckliche“ Formulierung, erklärte die Politikerin unlängst, komme sie leider nicht umhin – nicht jedenfalls in der Debatte um die Integration von Arbeitsmigranten und ihrer Nachkommen. Schließlich ist dieses Thema eines ihrer Schwerpunkte als Ministerin. Denn seit April 2010 ist Özkan in Niedersachsens Landesregierung für die Ressorts Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und eben auch Integration zuständig.
Als im Frühjahr der damalige niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff die Hamburgerin in sein Kabinett nach Hannover holte, da traf er diese Entscheidung ganz bewusst. Özkan sei die „ideale Brückenbauerin“ zwischen Migranten und Einheimischen, zwischen Muslimen und Christen. Bis zu diesem Zeitpunkt war Özkan, die seit 2004 CDU-Mitglied ist und 2008 in die Hamburger Bürgerschaft gewählt wurde, kaum über die Landesgrenzen der Hansestadt bekannt. Das änderte sich schlagartig mit ihrer Ernennung zur Ministerin. Denn Özkan ist in Deutschland die erste Ministerin mit türkischen Wurzeln – und aufgrund ihrer Herkunft die erste Ministerin muslimischen Glaubens.
Es ist kein einfaches Amt, das die 39-Jährige als CDU-Politikerin angetreten hat – nicht allein wegen der zu bewältigenden Aufgaben in ihrem breit gefächerten Ressort, sondern auch weil die öffentliche Aufmerksamkeit besonders auf sie gerichtet ist. Eben dieser Fokussierung, aber auch ihrer Unerfahrenheit in der großen Politik ist es wohl geschuldet, dass der Shootingstar keinen ganz glatten Start hatte. Denn noch bevor die Ministerin im Amt war, hagelte es Kritik – etwa wegen ihrer Stellungnahme zu Kruzifixen, die nichts an staatlichen Schulen zu suchen hätten. Und für Aufregung sorgte Özkan, weil sie bei ihrer Vereidigung die Formulierung „So wahr mir Gott helfe“ sprach und Parteikollegen sowie Kirchenvertreter zu der Frage verleitete, welchen Gott sie denn wohl gemeint habe. Unmut erntete die Politikerin auch wegen ihres Vorstoßes für eine Mediencharta. Demnach sollten sich Journalisten in Niedersachen unter anderem verpflichten, verstärkt über das Thema Migration zu berichten und dabei auf eine „kultursensible“ Sprache achten. Das Projekt legte Özkan nach Protesten der Medien schnell ad acta.
Mandatsträger mit türkischen Wurzeln gibt es in der Kommunal-, Landes und Bundespolitik mittlerweile viele – die meisten allerdings engagieren sich in der SPD oder bei den Grünen. Özkan gehört zu den seltenen türkischstämmigen Migranten, die ihre politische Heimat bei den Christdemokraten gefunden haben. Özkan, die seit 1993 mit einem türkischstämmigen Arzt verheiratet ist und einen achtjährigen Sohn hat, erklärt es so: „In der CDU sah ich ganz einfach die meisten Schnittstellen mit meiner Weltanschauung und dem mir wichtigen Mix an Werten aus Nächstenliebe, Solidarität und Eigenverantwortung. Ich habe die soziale Marktwirtschaft von Ludwig Erhard immer als ein Erfolgsmodell für Deutschland angesehen.“ Ihre Entscheidung, in die Politik zu gehen, führt sie darauf zurück, dass sie ihr Leben lang „auf andere zugegangen“ sei und nie „abgeholt“ werden wollte. „Ich wollte mitgestalten und nicht nur meckern.“ Eine Quoten-Migrantin möchte Özkan in der CDU nicht sein, vielmehr sieht sie sich in der Vorbildrolle für junge Menschen der dritten oder vierten Einwanderer-Generation. „Sie sollen sehen: Es lohnt, sich anzustrengen, fleißig und engagiert zu sein.“
In der Tat ist sie dafür ein gutes Beispiel: Die Tochter eines Schneiders, der in den 1960er-Jahren nach Deutschland emigrierte, wurde 1971 in Hamburg geboren, machte das Abitur, studierte Jura und arbeitete bis zur ihrer Berufung zur Ministerin als Managerin in der Wirtschaft. Dass sie es beruflich soweit gebracht habe, verdanke sie vor allem ihren Eltern, meint Özkan. Obwohl ihre Mutter und ihr Vater berufstätig gewesen seien, habe es zu Hause geregelte Abläufe gegeben. „Immer wurde gemeinsam zu Mittag gegessen. Die Eltern waren immer erreichbar. Auch die Lehrer kannten meine Eltern gut, es gab ein Grundvertrauen“, so erinnert sich die 39-Jährige an ihre Kindheit. Auf die Weitsichtigkeit ihrer Eltern führt sie es zurück, dass sie in die deutsche Gesellschaft hineinwuchs. „Sie haben mich früh in den Kindergarten gegeben“, sagt Özkan. Deutsch habe sie daher schon vor der Einschulung beherrscht. Ihre Schulzeit beschreibt sie als problemlos, Ausgrenzungen hat sie nach eigenen Angaben nie erfahren. „Ich habe mich in meinem unmittelbaren Umfeld der Familie, im Freundeskreis und in der Schule immer geborgen und sicher gefühlt“, betont Özkan. Als Kind träumte sie davon, Pilotin zu werden. Später „reifte“ in ihr der Berufswunsch, Juristin zu werden. Eine Rolle habe dabei wohl gespielt, dass der Vater eines Klassenkameraden Dekan an der Fakultät für Rechtswissenschaften der Universität Hamburg war. „Möglicherweise hat er mir noch den letzten Schub in Richtung Rechtswissenschaften gegeben“, mutmaßt die Ministerin heute. Welchen Weg die junge Frau nehmen würde, ahnten damals wohl beide nicht.////















