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„Wir können den Titel gewinnen” – Joachim Löw über die WM in Südafrika

Ein Interview mit Bundestrainer Joachim “Jogi” Löw über die Fußball-WM 2010, das Gastgeberland Südafrika und die Chancen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.

Interview: Jürgen Rollmann

Joachim „Jogi“ Löw ist viel unterwegs in diesen Tagen. Spieler beobachten, Gegner analysieren, das WM-Quartier begutachten – akribisch bereitet sich der Bundestrainer auf die Fußball-WM in Südafrika vor. Es ist das erste WM-Turnier unter Führung von Jogi Löw, seit er das Amt von Jürgen Klinsmann übernommen hat. Mit ihm machte er die WM 2006 in Deutschland zu einem „Sommermärchen“. Unter seiner Regie zeigte das Team bei der EM 2008, zu was es in der Lage ist.

Herr Löw, bei der WM 2006 war Deutschland Dritter, bei der EM 2008 Zweiter – ­also kann es in Südafrika ja nur der erste Platz werden, oder?

Dagegen würde ich mich natürlich nicht wehren.

Nachgehakt: Wie realistisch schätzen Sie die Chancen ein, in Südafrika um den Titel mitzuspielen?

Die Mannschaft hat sich in den vergangenen sechs Jahren positiv weiterentwickelt. Auch beim bisher letzten großen Turnier, der EM 2008, haben wir uns noch einmal gesteigert und die WM-Qualifikation haben wir sehr gut bewältigt. Wir haben wichtige Fortschritte im taktischen und technischen Bereich gemacht. Ich gehe zuversichtlich in das WM-Turnier. Wir gehören zu den Mannschaften, die den Titel gewinnen können. Die Top-Favoriten sind für mich Spanien und Brasilien.

In der Vorrunde treffen Sie auf Australien, Serbien und Ghana. Nach der Auslosung in Kapstadt wurde wieder über das berühmte deutsche Losglück sinniert. Wie beurteilen Sie diese Gegner?

Es hätte bei der Auslosung mit Sicherheit schlimmer kommen können. Aber von Losglück zu reden, halte ich für absolut falsch. Wir sind in einer interessanten und nicht zu unterschätzenden Gruppe. Die Serben haben in der WM-Qualifikation immerhin Frankreich auf Platz zwei verwiesen, Ghana hat kürzlich beim Afrika-Cup den zweiten Platz belegt und ist amtierender U 20-Weltmeister. Und Australien ist ein Team, das sehr kompakt spielt und mit Sicherheit ein schwerer Auftaktgegner ist.

Rechnen Sie damit, dass Ghana bei der ersten WM auf afrikanischem Boden besonders motiviert ist?

Ich bin der Meinung, dass Ghana neben Algerien und der Elfenbeinküste eines der stärksten Teams Afrikas ist. Im Allgemeinen haben sich die afrikanischen Teams in den letzten 15 Jahren enorm weiterentwickelt: in physischen Aspekten, aber auch in der Taktik. Zudem spielen viele Spieler aus den afrikanischen Nationalmannschaften bei großen Vereinen in Europa. Dort lernen sie enorm viel in Bereichen wie Disziplin und Taktik, was sie dann mit in die Nationalmannschaft bringen. Außerdem wird die Weltmeisterschaft zum ersten Mal auf dem afrikanischen Kontinent ausgetragen, das ist eine weitere Motivation für alle afrikanischen Teams, der Welt ihre Qualitäten zu zeigen – sie werden hochmotiviert in das Turnier gehen.

Ist die kommende WM für Sie der bisherige Karriere-Höhepunkt? Immerhin ist es Ihre erste WM als Cheftrainer.

Da ich ja bereits 2008 bei der EM in derselben Position in ein großes Turnier gegangen bin, sehe ich für mich keinen großen Unterschied. Natürlich beschäftige ich mich intensiv mit der WM, schließlich kann man mit dem Titelgewinn Fußball-Geschichte schreiben. Beim Turnier selber werde ich dann so in meiner Konzen­tration sein, dass ich den Druck von außen gar nicht wahrnehme.

Vor der Weltmeisterschaft 2006 traute man der deutschen Nationalmannschaft wenig zu. Im Länderranking waren wir weit zurückgefallen. Mittlerweile sehen alle Experten das deutsche Team min­destens wieder auf Augenhöhe mit den führenden Fußballnationen. Was hat sich im deutschen Fußball getan?

Im Vorfeld der WM 2006 hatten wir erhebliche Probleme, gute junge Spieler zu finden. Während der WM haben dann die jungen Spieler wie Philipp Lahm, Lukas Podolski, Bastian Schweinsteiger und Per Mertesacker auf sich aufmerksam gemacht und damit auch insofern ein Umdenken bewirkt, dass in der Bundesliga dem Nachwuchs verstärkt eine Chance gegeben wird. Das finde ich sehr gut. Der gesamte Jugendbereich wurde beim Deutschen Fußball-Bund optimiert, was sich nicht zuletzt durch die Titelgewinne der U 21, U 19 und U 17 bestätigt hat. So haben wir in der letzten Zeit erfolgreich Spieler wie Özil, Marin oder Boateng in die Nationalmannschaft einbauen können.

Es ist immer wieder die Rede von Michael Ballack als einzigem deutschen Spieler mit Weltklasseformat. Würden Sie weitere deutsche Spieler in diese Kategorie einstufen?

Michael Ballack verfügt in unserem Team über die größte internationale Erfahrung, die ihn zu einem Weltklassespieler macht. Es wäre aber ein Fehler, den Erfolg an einzelnen Spielern festzumachen. Die Zusammenstellung der Mannschaft muss immer stimmen. Wir haben ältere Spieler, die Verantwortung auf dem Platz übernehmen, und junge Spieler, die Dynamik in das Spiel bringen.

Im Tor hat ein Generationswechsel stattgefunden. Ist René Adler jetzt auch bei der WM die Nummer eins?

Wir haben immer gesagt, dass der Torwart, der Anfang März gegen Argentinien spielt, einen kleinen Vorsprung hat. René Adler hat durch seine starken Leistungen in den beiden WM-Qualifikationsspielen gegen Russland gezeigt, dass er auf internationaler Ebene in wichtigen Spielen dem hohen Druck standhalten kann.

Warum verfügt Deutschland seit Jahrzehnten ausgerechnet auf der Torhüter-position immer wieder über absolute Top­leute wie Sepp Maier, Toni Schumacher, Oliver Kahn oder zuletzt Jens Lehmann? Gibt es einen plausiblen Grund?

In der Frage steckt bereits die Antwort. Die herausragenden Torhüter in der Geschichte des deutschen Fußballes waren immer wieder Vorbilder für Kinder, die dann selber auf dem Platz den Profis nachgeeifert haben. So kommt es im Nachwuchsbereich dazu, dass sich viele Kinder gerne ins Tor stellen, anders als in Ländern wie beispielsweise Brasilien, wo die Topstars der Nationalmannschaft zumeist im offensiven Bereich zu finden sind.

Über das Ausrichterland Südafrika hat es in den vergangenen Jahren viele Diskussionen gegeben. Wie gut kennen Sie Südafrika?

Der afrikanische Kontinent an sich ist mir nicht unbekannt, da ich vor einigen Jahren den Kilimandscharo in Tansania bestiegen habe. Das war wirklich eine tolle Erfahrung für mich. Südafrika hingegen habe ich bislang nur als WM-Spielort betrachtet, wobei meine ganze Aufmerksamkeit darauf gerichtet ist, dass unsere Mannschaft vor Ort optimale Bedingungen vorfindet.

Was schätzen Sie an Südafrika?

Südafrika hat eine wirklich interessante Geschichte mit Nelson Mandela, der es damals geschafft hat, die Apartheid in Südafrika zu überwinden. Zum anderen ist das Land trotz der sozialen Probleme, die immer noch vorhanden sind, voller Lebensfreude. Es ist schön zu sehen, wie sehr sich die Bevölkerung auf die Weltmeisterschaft freut.

Und das Thema Sicherheit?

Wie bei jedem Turnier ist der Sicherheitsaspekt für die Mannschaft, ihre Familien, die Betreuer und für die mitreisenden Fans von enormer Bedeutung. Ich gehe fest davon aus, dass die Fifa und Südafrika alle erforderlichen Maßnahmen ergreifen werden, dass es bei der WM keine ernsthaften Zwischenfälle geben wird.

Warum haben Sie sich für das Mannschaftsquartier in der Nähe von Johannesburg entschieden? Welche Vorteile gibt es dort im Vergleich mit Kapstadt oder Durban?

Entscheidend für die Quartierwahl war auch in Absprache mit unserer medizinischen Abteilung die Höhenlage. Es ist kein Zufall, dass die meisten WM-Teams im Raum Johannesburg-Pretoria ein Hotel ausgesucht haben. Wir haben uns frühzeitig in der Quartierfrage entschieden und sind sehr zufrieden mit unserer Wahl. Das Velmore Grand Hotel bietet alle Möglichkeiten, die wir für einen optimalen WM-Aufenthalt benötigen.

Im Juni, Juli ist Winter in Südafrika. Am Abend kann es richtig kalt werden. Sind diese Witterungsverhältnisse ein Vorteil für das deutsche Team?

Alle Mannschaften müssen mit den gleichen Bedingungen klarkommen. Ich sehe da keinen direkten Vorteil für unsere Mannschaft.

Was ist das Geheimnis hinter dem Spruch: Deutschland ist eine Turniermannschaft?

Deutschland weiß, wie man sich vor einem wichtigen Turnier optimal vorbereitet, und verfügt über eine gute Einstellung und Mentalität. Das ist aber kein Garant für ein erfolgreiches Abschneiden der deutschen Mannschaft, sondern jedes Mal aufs Neue ist harte Arbeit nötig, um eine gute WM zu spielen.

Herr Löw, wir bedanken uns für das Gespräch.

11.03.2010
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