Donnerstag, 24.05.2012 18:16

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Menschen bewegen

Sport überwindet Grenzen, kann neue Lebensperspektiven bieten und die Zivilgesellschaft stärken: gute Gründe für die Internationale Sportförderung.

Zu rhythmischen Trommelschlägen dribbeln die Jungs in der Basketball Artists School in Windhoek, Namibia, mit großen bunten Bällen. Man sieht sofort, wie viel Spaß ihnen das macht. Der deutsche Sport­experte Frank Albin steckt hinter der Idee, Basketball und afrikanische Musik zu verbinden und so für den Sport zu begeistern. Und für Bildung: Denn die Basketball Artists School fördert Kids aus den Townships, die sonst kaum eine Chance auf Unterricht hätten – „Education first, Basketball second“ (Bildung zuerst, Basketball danach) heißt der Leitgedanke. Für zwei Jahre ist Albin in Namibia, um dort nachhaltige Projektstrukturen aufzubauen. Möglich macht dieses Engagement die Internationale Sportförderung des Auswärtigen Amts: Die Basketballschule in Namibia ist eins von zurzeit 13 über mehrere Jahre angelegten Langzeitprojekten. Dazu gehören zum Beispiel der Wiederaufbau von Fußballstrukturen und die Förderung von Mädchenfußball in Afghanistan, die Trainerausbildung in der Leichtathletik in Tansania oder die Beratung des südafrikanischen Fußballverbands SAFA.

Entwicklung durch Sport. Eine gute Idee, auf deren Grundlage das Auswärtige Amt seit 1961 rund 1300 Langzeit- und Kurzzeitprojekte in mehr als 100 Ländern umgesetzt hat. Partnerorganisationen sind dabei der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), der Deutsche Fußball-Bund (DFB), der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) und die Sportuniversität in Leipzig. Etwas über fünf Millionen Euro stellt das Auswärtige Amt jährlich für die Internationale Sportförderung zur Verfügung.

Im Jahr der Fußball-WM der Männer in Südafrika und im Vorfeld der Frauen-WM 2011 ist die internationale Sportzusammenarbeit ein besonderes Schwerpunkt­thema der deutschen Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik. Unter dem Motto „Menschen bewegen – Grenzen überwinden“ kann die Sportförderung auf ihre Art auch helfen, außenpolitische Ziele umzusetzen: So kann sie einen Beitrag zu Konfliktprävention und Konfliktbewältigung leis­ten und in jungen Demokratien und Entwicklungsländern den Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen fördern. Dabei steht vor allem der Breitensport im Mittelpunkt: Gerade für viele traumatisierte Kinder und Jugendliche in Entwicklungsländern ist Sport eine einzigartige Möglichkeit, Gemeinschaft zu erleben, Selbstbewusstsein zu entwickeln und eine neue Lebensperspektive zu entwerfen.

„Dank unserer Sportförderung begegnen sich Menschen weltweit über den Sport“, sagt Werner Wnendt, stellvertretender Leiter der Abteilung Kultur und Kommunikation im Auswärtigen Amt. „Gleichzeitig können wir viel für ein positives Deutschlandbild im Ausland leisten. Sport ist wie kaum ein anderes Feld ein Imageträger der Nation.“ Die Menschen können unmittelbar erfahren, dass Deutschland für Werte steht, die sie auch beim Sport erleben – wie Kreativität, Lebensfreude und Weltoffenheit. Der Schwerpunkt der Internationalen Sportförderung liegt seit einigen Jahren in Afrika, rund 70 Prozent der Mittel fließen dorthin und zehn Langzeitprojekte unter der Leitung deutscher Sportpädagogen werden dort derzeit umgesetzt. Wnendt lobt die engagierte Arbeit der Auslandsexperten und Sporttrainer besonders: „Sie sind sozusagen unsere Botschafter im Trainingsanzug.“

Koordiniert werden die Einsätze dieser besonderen „Botschafter“ auch von Katrin Merkel, beim DOSB Ressortleiterin Internationale Zusammenarbeit. Sie und ihre drei Mitarbeiterinnen halten von Frankfurt am Main aus Kontakt mit den deutschen Trainern und Ausbildern, die in Abstimmung mit ihren Fachverbänden rund um den Erdball als Sportentwicklungshelfer unterwegs sind. „Bis vor wenigen Jahren hat das Geld pro Jahr nur für jeweils zwei bis vier Langzeithilfen ausgereicht. Inzwischen haben sich die Mittel und Langzeitprojekte mehr als verdreifacht“, freut sich Merkel. Es sei erkannt worden, dass über den Sport mit vergleichsweise wenig Mitteln ziemlich große Effekte zu erzielen sind. Rund 3,3 Millionen Euro gingen 2009 an Unterstützung in die Projekte in den jeweiligen Ländern. Mit weiteren 2 Millionen Euro ermöglicht das Auswärtige Amt die Ausbildung von Sportlern, Trainern, Übungsleitern und Sportorganisatoren aus Entwicklungs- und Schwellenländern in Deutschland. Vor allem die DFB-Sportschulen Hennef und Ruit, die Universität Leipzig und die DLV-Trainerschule in Mainz bieten maßgeschneiderte Programme an. In Leipzig gab es beispielsweise von März bis Juli 2009 arabischsprachige Kurse für Leichtathletik-Übungsleiterinnen und Trainerlehrgänge im Behindertensport auf Englisch, für Fußball in französischer und für Volleyball in spanischer Sprache. In Mainz werden jedes Jahr rund ein Dutzend Trainer ausgebildet, die nebenbei auch in Intensivkursen Deutsch lernen.

Die Doppelstrategie, Hilfe sowohl in Deutschland anzubieten als auch Experten ins Ausland zu entsenden, beschränkt sich nicht auf die reine Sportdisziplin: „Wir bemühen uns um einen ganzheitlichen Ansatz“, sagt Katrin Merkel. „Die Qualifikation durch unseren Expertenpool zielt darauf, ebenso Wissen für das professionelle Management von Verbänden oder für die Organisation von Wettkämpfen zu vermitteln. Wir möchten, dass die von uns ausgebildeten Leute in ihren Heimatländern in vielfältiger Weise als Berater und Multiplikatoren auf dem Gebiet des Sports arbeiten können.“ Nachhaltigkeit spielt bei allen Initiativen der Internationalen Sportförderung eine besonders große Rolle – und die enge Zusammenarbeit mit den jeweiligen Partnerorganisationen in den Ländern.

Die Zusammenarbeit mit den deutschen Sportexperten und -expertinnen ist in vielen Ländern sehr beliebt: Anfragen für Projekte werden häufig direkt von den Ländern an die Deutschen Botschaften im Ausland gerichtet, von dort an das Auswärtige Amt in Berlin weitergeleitet und schließlich mit dem DOSB beraten. Anschließend wird im „Interministeriellen Ausschuss“ jährlich einmal festgelegt, welche Projekte finanziert und umgesetzt werden können. „Natürlich funktioniert nicht immer alles“, erklärt Merkel und verweist als Beispiel auf ein Projekt, das bereits den Zuschlag erhalten hatte, aber dessen Ansprechpartner auf einmal nicht mehr erreichbar waren. Es ist auch schon vorgekommen, dass Hilfe nicht geleistet werden konnte, weil aus dem deutschen Expertenpool gerade niemand im gewünschten Zeitraum verfügbar war, der gut genug Französisch sprach. Auch die politische Situation muss bei der Projektvergabe berücksichtigt werden. „Im Jemen oder in Sri Lanka hätten wir gerne etwas gemacht“, berichtet Merkel, „aber die Lage dort war und ist zu instabil. Wir haben die Verantwortung für die Sicherheit unserer Experten. Der müssen wir gerecht werden.“ Neben dem ständigen Mail- und Telefonkontakt mit den Abgesandten zwischen Burkina Faso und Vietnam müssen die Trainer alle vier Monate einen schriftlichen Bericht über ihre Arbeit beim DOSB abliefern. Dieser intensive Austausch sei gerade mit Blick auf die Langzeitprojekte wichtig, sagt Katrin Merkel: „Wir müssen kontrollieren, ob Verlängerungen sinnvoll sind.“

Aus manchem Bericht liest man die Begeisterung der Sportentwicklungshelfer für ihre Aufgabe förmlich heraus. So schreibt Maren Graef, Volleyballexpertin und frühere Dozentin der Deutschen Sport­hoch­schule Köln, über ein von ihr erfolgreich geleitetes Volleyballprojekt mit Grundschulkindern in Kamerun: „Volleyball bleibt nur das Medium, gelernt werden ganz andere Inhalte: fair und ehrlich zu sein, ein Ziel erreichen zu wollen und Wege kennenzulernen, mit deren Hilfe das gelingen kann, aus dem Misslingen einen Ausweg zu finden, Fragen zu stellen, Antworten zu fordern, Pläne für die Zukunft zu entwickeln. Darin lag die eigentliche Bedeutung dieses Projektes.“

01.06.2010
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