Selten war ein Länderspiel in Deutschland emotional so aufgeladen wie das jüngste zwischen Deutschland und der Türkei. Angeheizt durch krude Thesen des Ex-Politikers Thilo Sarrazin über integrationsunwillige Zuwanderer, erweckte die Berichterstattung fast den Eindruck, als stünden sich beide Teams erstmals in ihrer Geschichte gegenüber. Dabei gibt es seit Jahrzehnten einen intensiven Trainer- und Spieleraustausch zwischen beiden Ländern. Vor allem deutsche Trainer arbeiten gerne in der Türkei, türkische und türkischstämmige Spieler kämpfen für deutsche Mannschaften.
Als Pionier im deutsch-türkischen Fußballverhältnis gilt der 2007 verstorbene frühere Bundestrainer Josef „Jupp“ Derwall. Nach dem Vorrunden-Aus bei der Europameisterschaft 1984 hatte Derwall als erster deutscher Nationalcoach überhaupt seinen Posten vorzeitig aufgegeben und war zu Galatasaray Istanbul gewechselt. In vier Jahren gewann er zweimal die türkische Meisterschaft und einmal den Pokal. Er brachte Professionalität und Disziplin in den türkischen Fußball, modernisierte Trainingsarbeit und Infrastruktur, entwickelte als Berater der Nationalmannschaft ein Scouting-System und errichtete Verbandsstützpunkte. Heute trägt der Trainingsplatz auf dem Metin-Oktay-Trainingsgelände von Galatasaray seinen Namen. 1989 erhielt er für seine Verdienste die Ehrendoktorwürde der Universität Ankara.
Nach Jupp Derwall wurden in der Türkei deutsche Trainer zum Exportschlager: Karl-Heinz Feldkamp, Christoph Daum, Reinhard Saftig, Werner Lorant, Thomas Doll, Jörg Berger, Sigi Held, Holger Osieck, Horst Hrubesch oder Hans-Peter Briegel verdienten dort ihr Geld. Aktuell trainiert Ex-Nationalspieler Bernd Schuster Besiktas Istanbul in der türkischen SüperLig und wird dabei von den früheren Bundesligaspielern Fabian Ernst, Roberto Hilbert und Michael Fink unterstützt. Bei Besiktas Istanbul stand mit Horst Buhtz 1974/75 der erste deutsche Trainer in der Türkei überhaupt unter Vertrag.
Auch Bundestrainer Joachim Löw arbeitete zweimal als Vereinstrainer in der Türkei. Das erste Engagement bei Fenerbahce Istanbul vermittelte ihm 1998 Harun Arslan. Ein Türke, der seit Anfang der 1970er-Jahre in Deutschland lebt und mit seiner in Hannover ansässigen Sportmarketing-Agentur Spieler und Trainer berät. Als es nach der Weltmeisterschaft in Südafrika um die Vertragsverlängerung von Joachim Löw beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) ging, saß Arslan mit am Tisch, der über seinen Klienten sagt: „Er gehört zu meinen besten Freunden. Das ist in diesem Geschäft nicht selbstverständlich.“
Als „gelebte Integration“ beschrieb eine deutsche Boulevard-Zeitung die Beziehung zwischen Löw und Arslan vor dem EM-Qualifikationsspiel Deutschland-Türkei, das in der aktuellen Integrationsdebatte mit Spannung erwartet worden war – und für Entspannung sorgen sollte. Alleine 75 Politiker aus der Türkei waren zur Partie nach Berlin angereist. Und mussten mit anhören, wie ausgerechnet Mesut Özil, türkischstämmiger Spielmacher der deutschen Mannschaft (siehe Porträt auf Seite 22), bei jedem Ballkontakt von den türkischen Fans ausgepfiffen wurde. „Das hätten sie nicht tun sollen“, sagte danach der türkische Staatspräsident Abdullah Gül, der Özils Entscheidung als „ein sehr gelungenes Beispiel für Integration“ bezeichnete und von einem „Beitrag zur deutsch-türkischen Freundschaft“ sprach. Das sah auch Bundeskanzlerin Angela Merkel so und ließ nach dem Spiel ein Foto veröffentlichen, das sie mit Mesut Özil händeschüttelnd in der deutschen Kabine zeigt. Özil und der im westdeutschen Lüdenscheid geborene türkische Nationalspieler Nuri Sahin bewerben zudem in einem neuen Spot der Ernst-Reuter-Initiative für die Medienkampagne „biz birlikteyiz – wir sind zusammen“ die freundschaftlichen deutsch-türkischen Beziehungen.
Einer DFB-Umfrage zufolge sehen 87 Prozent der Befragten die deutsche Nationalmannschaft als ein Symbol für Integration. Neben Özil haben Sami Khedira (Tunesien), Cacau (Brasilien), Jérôme Boateng (Ghana), Miroslav Klose oder Lukas Podolski (beide Polen) das Image der Multi-Kulti-Truppe von Coach Joachim Löw geprägt, in dessen erweitertem Kader mit Defensivspieler Serdar Tasci (VfB Stuttgart) ein weiterer türkischstämmiger Spieler steht. Darüber ärgert sich Erdal Keser, der als Technischer Direktor den europäischen Hauptsitz des türkischen Fußballverbandes (TFF) in Köln leitet und für die Sichtung türkischer Talente in ganz Europa verantwortlich ist: „Serdar Tasci wäre in der Türkei in einer besseren Situation als beim DFB. Hier kommt er nicht zur Geltung und wir hätten ihn auf dieser Position viel mehr gebraucht als Mesut Özil. Der türkische Fußball hat genug Spielmacher-Typen. Dagegen haben wir im Defensivbereich Defizite. Und da hätten wir Tasci sehr gut gebrauchen können.“
Erfolgreicher war Erdal Keser bei den wie Özil und Tasci in Deutschland aufgewachsenen Profis Nuri Sahin (Borussia Dortmund) und Hamit (Bayern München) und Halil Altintop (Eintracht Frankfurt), die sich für die türkische Nationalmannschaft entschieden haben. Für das Deutschland-Spiel standen im Aufgebot der Türkei sieben Profis, die in Deutschland geboren und fußballerisch ausgebildet worden sind. Jüngst entschied sich der 20-jährige Mehmet Ekici vom Bundesligisten 1. FC Nürnberg für die türkische Nationalmannschaft. Im türkischen U21-Kader finden sich wiederum ein Drittel Auswanderersöhne, die in der Türkei wegen ihres Akzents als „Almanci“ (die Deutschländer) bezeichnet werden. 59 Deutsch-Türken spielen derzeit in der ersten türkischen Liga.
Dorthin wäre vor zwei Jahrzehnten auch gerne Ali Köksal (44) gewechselt, der im Alter von 12 Jahren aus Trabzon nach Deutschland gekommen war und bei der SG Büdingen im hessischen Wetteraukreis respektable Leistungen in der Bezirksliga zeigte. Ein Cousin vermittelte ihm Probetrainings in der Türkei, die jedoch folgenlos blieben. Köksal kehrte wieder nach Hessen zurück – und ist mittlerweile Erster Vorsitzender der SG Büdingen. Bei der im nächsten Jahr stattfindenden Kommunalwahl kandidiert er für die CDU, will dafür seinen türkischen Pass abgeben und die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen. Mit Freunden war Ali Köksal beim Länderspiel in Berlin. Wenn das Angela Merkel gewusst hätte, wäre vielleicht auch ein anderes Bildmotiv als Symbol für gelungene Integration und Völkerverständigung veröffentlicht worden.////














