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Zum 850. Geburtstag

10-mal München

Vom Klosterberg zu einer der erfolgreichsten Großstädte Europas: München, Stadt mit Charme und Charisma, feiert von Juni bis September die Stadtgründung im Jahr 1158

Von Janet Schayan

Ein warmer Frühlingstag, wir sitzen vor dem Café Frischhut und blinzeln in die Sonne. Vom Viktualienmarkt mit seinen bunten Obstständen weht munteres Geplapper herüber, vor uns duftet eine Schmalznudel nach frischem Hefegebäck, dazu ein starker Kaffee. So schmeckt München. Und schon sind wir mittendrin im Paralleluniversum der Hauptstadt des Freistaats Bayern. Wo man „Grüß Gott“ sagt statt „Guten Tag“, wo zu bestimmten Anlässen noch Tracht getragen wird und der Himmel vielleicht wirklich ein bisschen blauer ist. Klischees und Überraschungen, Traditionslust und Zukunftsorientierung, Weltklasse und Eigenbrötlerei liegen hier ganz nah beieinander. Escada oder Haferlschuhe? In München geht beides. „Mei“, würden die Münchner mit ihrem Lieblingswort, diesem gesprochenen Achselzucken, sagen, „wieso auch nicht?“

Aber welches ist das echte München? Das schicke der Maximilianstraße mit den teuren Boutiquen, das heitere München der Sonnenbadenden im Englischen Garten, das ehrgeizige der beiden Eliteuniversitäten, das bodenständige der Marktfrauen, das repräsentative mit seinen Prachtbauten, das dörfliche, das weltstädtische? In Deutschlands drittgrößter Stadt scheint Platz für all das.

Über alle Gegensätze hinweg setzt sich das unverrückbare Selbstbewusstsein der Münchner. Und die Lust an ihrer Stadt. Die feiern sie immer gerne – nicht nur zum Oktoberfest – und erst recht in diesem Jahr zum 850. Geburtstag. Die Münchner sind stolz darauf, dass sie es seit der ersten Erwähnung 1158 von einer kleinen Mönchssiedlung zu einer der heute erfolgreichsten Metropolen in Europa geschafft haben. Gefeiert wird das den ganzen Sommer lang – Höhepunkte sind das Stadtgründungsfest am 14. und 15. Juni, das Altstadtringfest im Juli und das Romantische Isarbrückenfest im August. Außerdem gibt es Konzerte, Ausstellungen Theater, Lesungen, Bürgerprojekte – von allem etwas. Typisch München. Herzlichen Glückwunsch!


01
FC Bayern München

Wenn die Allianz Arena rot leuchtet wie ein glühendes Raumschiff, dann haben sie ein Heimspiel: Die Stars vom FC Bayern München – Miroslav Klose, Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski, Franck Ribéry, Luca Toni, Lucio, Zé Roberto . . . Ein deutsch-europäisch-südamerikanisches Dreamteam, von vielen heißgeliebt: 2281 offizielle Fanclubs und weltweit 11,6 Millionen Fans zählt der FC Bayern. Mit 135700 Mitgliedern ist er einer der international größten Fußballvereine. Und welcher deutsche Club hat schon mit Franz Beckenbauer einen „Kaiser“ zum Präsidenten und könnte mehr Erfolge vorweisen als die Bayern? Darunter allein 20 deutsche Meistertitel und 13 DFB-Pokalsiege – beides ist Rekord. Weshalb die Bayern nicht von allen heißgeliebt werden. Auch weil sie es irgendwie fast immer und gerade dann, wenn sie nicht schön spielen, schaffen, in entscheidender Minute doch das Tor zu treffen. Und weil es immer wieder Spielzeiten gibt, in denen es scheint, als hätten sie den ersten Tabellenplatz gepachtet. Der FC Bayern München, ein rot-weißes Mysterium. Vom Sommer an soll Ex-Nationalcoach Jürgen Klinsmann als Trainer der Bayern für noch mehr Titel und internationale Erfolge sorgen. Manchmal leuchtet die Allianz Arena auch blau: Dann spielt hier 1860 München, die Löwen. Allerdings in der zweiten Liga.


02
Pinakotheken

Sie liegen nur ein paar Schritte voneinander entfernt und bieten eine Zeitreise durch sieben Jahrhunderte Kunstgeschichte: Tagelang könnte man durch die drei Münchner Pinakotheken streifen. Das jüngste Haus, die 2002 eröffnete Pinakothek der Moderne, ist das größte Museum moderner Kunst in Deutschland. Es vereint gleich vier bedeutende Sammlungen aus den Gebieten Kunst, Architektur, Grafik und Design. In der Alten Pinakothek, einer Schatzkammer der Kunst des Mittelalters bis zum ausgehenden Rokoko, hängen allein 80 Werke des flämischen Großmeisters Rubens. Insgesamt zeigt die Alte Pinakothek mehr als 700 Bilder und gehört zu den bedeutendsten Galerien der Welt. Die Neue Pinakothek schließt die Lücke der Kunst des 19. Jahrhunderts und war, als sie 1853 eröffnet wurde, das erste Museum zeitgenössischer Kunst.

Zu verdanken haben die Münchner diese Schätze dem Kunstsinn der Bayernkönige, die über ein halbes Jahrtausend Kunst sammelten. Der Freistaat Bayern und großzügige Bürger setzten die Kunstbegeisterung dann fort. Mit den Pinakotheken aber ist das Kunsterlebnis München nicht erschöpft: Das Lenbachhaus, das Haus der Kunst, die Kunsthalle, die Antikensammlung, die Glyptothek, die Villa Stuck – sie alle zeigen Sammlungen und Ausstellungen auf höchstem Niveau.


03
Englischer Garten

Münchens grüne Oase ist größer als New Yorks Central Park oder der Hyde Park in London: Der Englische Garten beginnt im Zentrum und endet erst hinter der Stadtgrenze. Wer ihn gleich neben dem Haus der Kunst von Süden betritt, kann im Sommer einem zwar nicht erlaubten, aber andauernd praktizierten Sport zuschauen: Unter einer Brücke surfen Waghalsige auf einer stehenden Welle des Eisbachs um die Wette.

Sport ist im Englischen Garten vielfach und auch ziemlich ungefährlich und völlig relaxt möglich: Frisbeespielen und Jonglieren auf den weiten Wiesen, Mountainbiken und Reiten auf eigenen Wegen, Schwimmen, Rudern, Joggen . . . Viele liegen aber auch einfach in der Sonne oder gehen spazieren, lassen sich vom kleinen klassizistischen Tempel Monopteros zum Chinesischen Turm treiben. Spätestens hier – wenn die Sonne scheint, sogar im Winter – ist eins fällig: eine Maß Bier und eine „Brotzeit“. Unter den alten Kastanienbäumen sitzen dann wirklich alle nebeneinander und durcheinander, Studenten von der nahen Ludwig-Maximilians-Universität, Münchner Originale in Lederhosenmontur, Konzernchefs im grauen Dreiteiler, Touristen aus aller Welt und ganz normale Münchner. Und dazu trötet die Blaskapelle vom ersten Stock des Chinesischen Turms.


04
Die Wiesn – Oktoberfest

Das Bayrische kennt viele Ausdrücke, die es so nur innerhalb der Landesgrenzen gibt: Eine „Gaudi“ zum Beispiel ist ein Riesenspaß und den teilen die Münchner einmal im Jahr gern mit sechseinhalb Millionen Gästen aus aller Welt – zum Oktoberfest. Die Münchner nennen es allerdings schlicht „Wiesn“, denn das größte Volksfest der Welt findet auf der Theresienwiese statt.

Dann heißt es – verwirrenderweise immer im September – „O`zapft is“, wenn der Oberbürgermeister das erste Fass Bier angestochen hat. Das ist das Startsignal. Was folgt, sind 16 Tage Ausnahmezustand und pendelt je nach Tageszeit zwischen Familienfest und kollektivem Rausch. Da werden hundert ganze Ochsen gegrillt, knapp 70000 Hektoliter Bier ausgeschenkt, es wird gesungen, gegrölt, geschunkelt, getanzt. Was in jedem Fall dazugehört: das richtige Outfit – Dirndl, Lederhosen, Lodenjanker.

Viele haben schon versucht zu ergründen, was hinter diesem bierseligen Gelage steckt: simples Volksfest, uriges Stammesritual, der Wunsch nach Selbstauflösung in der Masse? Fest steht nur: Alles begann mit einer Prinzenhochzeit anno 1810 und gefeiert wird bis heute. Und zartere Gemüter sollten vielleicht besser einen Bogen um die Wiesn machen.


05
Forschung und Wissenschaft

Die Münchner Wirtschaftsförderung wirbt mit einigen Superlativen für den Rang der Stadt in der Wissensgesellschaft: Nirgends in Europa beschäftigen Unternehmen so viele Menschen in Forschung und Entwicklung wie im Raum München. Die Region München/Oberbayern gehört zu den fleißigsten Patentanmeldern beim Europäischen Patentamt, und jeder Dritte Beschäftigte arbeitet in wissensintensiven Dienstleistungen. Viele Forschungsinstitute haben ihren Sitz in München: zum Beispiel die Zentrale der Fraunhofer-Gesellschaft, der größten Einrichtung für angewandte Forschung in Europa, sowie vier ihrer bundesweit 56 Institute. Auch die Max-Planck-Gesellschaft, die deutsche Nobelpreisschmiede, ist in München zu Hause, ebenso wie elf der 78 Max-Planck-Institute. Die Deutsche Forschungsanstalt für Luft- und Raumfahrt und das ifo Institut für Wirtschaftsforschung haben ebenfalls Münchner Adressen.

Die Stadt ist mit sieben Hochschulen und drei Universitäten der zweitgrößte Hochschulstandort in Deutschland. Als einzige deutsche Stadt beherbergt München gleich zwei der im Rahmen der Exzellenzinitiative gekürten Eliteuniversitäten: die Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) und die Technische Universität München. Führend ist München auch in Zukunftswissenschaften wie der Nano- und Biotechnologie. Allein 31 Institute beschäftigen sich mit der Forschung und Entwicklung in den Nanowissenschaften. Martinsried (Medizin- und Biotechnologie) und Garching (Physik, Maschinentechnik) zählen zu den international bedeutenden Forschungsclustern.


06
Lebenswerte Millionenstadt

Wie misst man Lebensqualität? Die Beratungsgesellschaft Mercer Human Resource Consulting verglich bei ihrem internationalen Städteranking 39 politische, soziale, wirtschaftliche und ökologische Faktoren. 2007 belegte München unter 215 Metropolen Rang acht. Es wird die Münchner ein bisschen ärgern, dass mit Düsseldorf und Frankfurt am Main zwei deutsche Städte besser platziert waren. Denn normalerweise sind sie gewohnt, bei solchen Rankings in Deutschland Klassenbester zu sein: Zum achten Mal in Folge ist ihre Stadt 2007 von einem Immobilienmagazin zur deutschen Stadt mit der höchsten Lebensqualität gewählt worden. Und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung ermittelte zusammen mit der Unternehmensberatung Roland Berger im März 2008, dass München Deutschlands attraktivste Stadt für die „kreative Klasse“ ist.

„Zwischen Kunst und Bier ist München wie ein Dorf zwischen Hügeln hingelagert“, schrieb der Dichter Heinrich Heine vor anderthalb Jahrhunderten. Das passt noch heute. Was die hohe Lebensqualität ausmacht, spüren Münchenbesucher ziemlich schnell. Es fängt an bei einer gewissen Lässigkeit und Gemütlichkeit – jedenfalls im Vergleich zu der Hektik anderer Millionenstädte. Es geht weiter mit der hohen Dichte an historischen Gebäuden und Kirchen – wie der massigen Frauenkirche oder der italienisch-barock anmutenden gelben Theatinerkirche –, Schlössern, Museen, Kulturevents, Parks und Straßencafés und reicht bis zu dem ungewöhnlich attraktiven Umland: Nur eine Stunde südlich liegen die ersten alpinen Berge, Münchens „Hausberge“. Hier kraxeln oder radeln der Münchner und die Münchnerin gern in der Freizeit herum. Im Winter werden Wanderstiefel oder Rad gegen Ski getauscht. Nur eine halbe Stunde vor der Stadt liegt der Starnberger See, der zweitgrößte See Bayerns – und wer nicht bergsteigen will, hat von hier den schönsten Blick auf die Alpen, ohne Muskelkater. Gern erwähnen die Münchner auch, wie schnell sie in Verona und am Mittelmeer sind – obwohl sie ihre Stadt so lieben.

Vielleicht ist es die Nähe von Kultur und Natur, das Doppelleben als Dorf und Metropole, das Münchens Flair ausmacht. Vielleicht ist es aber auch viel poetischer. Thomas Mann hat es so beschrieben: „München leuchtet“.


07
Flughafen München

Das Trendmagazin „Monocle“ wählte den Flughafen München zum „best international airport“. Ausschlaggebend waren Architektur, Lage und Aussichten. Der 1992 in Betrieb genommene Flughafen ist der zweitgrößte in Deutschland.


08
Goethe-Institut

Das weltweit tätige Kulturinstitut der Bundesrepublik Deutschland steht für spannende und offene Kulturarbeit und modernen Deutschunterricht. Es ist mit 147 Instituten rund um den Globus zu Hause. Die Zentrale der großen Mittlerorganisation der Auswärtigen Kulturpolitik aber steht in München.


09
Münchner Bühnen

Rund 90 Theaterhäuser konkurrieren in München um Zuschauer. Ein Rokoko-Schmuckstück ist das Cuvilliés-Theater in der Residenz. Zum 850. Geburtstag schenkt der Freistaat Bayern seiner Hauptstadt die aufwendige Renovierung. Maßstäbe im Musiktheater setzt die Bayerische Staatsoper (Bild oben), an deren Spitze Star-Dirigent Kent Nagano steht.


10
Global Player

Rund 100 Unternehmenszentralen haben ihren Sitz in München, unter ihnen acht der im DAX 30 börsennotierten Global Player: Allianz, BMW, Hypo Real Estate, Infineon, Linde, MAN, Münchener Rück und Siemens.

25.03.2008
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