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INTERVIEW

„Städte sind die Kristallisationspunkte“

Ein Gespräch mit der Soziologin und Stadtforscherin Professor Dr. Martina Löw von der TU Darmstadt über das Verhältnis von Stadt und Land, die neue urbane Anziehungskraft und Eigenschaften deutscher Städte.

Interview: Oliver Sefrin

Frau Professor Löw, hat Deutschland eher eine städtisch oder ländlich geprägte Bevölkerung?

Der Verstädterungsgrad in Deutschland liegt bei 88 Prozent. Das bedeutet, der Großteil der Bevölkerung lebt in Städten oder so auf Städte bezogen, dass man das als urbane Lebensweise bezeichnen kann. Viele Menschen leben in suburbanen Gebieten oder in Dörfern, aber gehen in den Städten zur Arbeit, nutzen die Theater oder die Kinos. Städte sind die Kristallisationspunkte des sozialen, kulturellen und beruflichen Lebens.

Erleben wir eine neue Attraktivität der Städte?

Ja. Der wichtigste Grund dafür ist, dass Frauen verstärkt berufstätig sind. Das Modell „Leben in den Vororten“, bei dem sich die Frau um die Kindererziehung kümmert und der Mann zur Arbeit in die Stadt fährt, ist für die meisten jungen Familien nicht mehr attraktiv. In der Stadt lassen sich Kindererziehung und Berufstätigkeit besser miteinander verbinden.

Sie erforschen die Eigenlogik der Städte. Worum geht es dabei?

Ganz gut erklären lässt sich die Arbeit anhand der Frage „Wie tickt Frankfurt, München oder Köln?“. Wir untersuchen zum Beispiel, was es bedeutet, von einer Stadt geprägt zu sein. Was macht es mit mir, wenn ich als Erwachsener lange Zeit in einer Stadt wie Köln verbracht habe – die etwas sehr Proletarisches hat und sehr auf Alltagskultur wie Karneval orientiert ist – im Vergleich zu einer Stadt wie München, die einen bäuerlichen Hintergrund hat und von einer starken Fluktuation gekennzeichnet ist?

Wie tickt Frankfurt am Main, die Stadt, in der Sie leben?

Frankfurt ist eine Stadt, in der bürgerschaftliches Engagement hochgehalten wird. Hier gibt es so etwas wie eine Idee, sich immer wieder neu erfinden zu müssen. Das macht Frankfurt sehr flexibel, schwierigen Situationen zu begegnen. Im Vergleich zu München sieht Frankfurt sich als Knoten eines internationalen Netzwerkes und nicht so sehr als eine lokal verwurzelte Stadt. Das hat viel mit ihrer Handels- und Bankentradition zu tun.

Eine Ihrer Thesen ist, Städte stünden heute in einem Konkurrenzkampf.

Für Städte ist es sehr wichtig, Unternehmen anzuziehen und gute Lebensbedingungen für deren Führungspersonal zu schaffen. Der zweite wichtige Faktor ist der Tourismus. Interessant an Deutschland ist, dass die Städte in einer doppelten Beziehung zueinander stehen. Einerseits müssen sie sich unterscheiden, andererseits müssen sie aber Ähnliches bieten, um als attraktive Großstädte anerkannt zu werden. Auffällig ist auch: In Deutschland wird viel für die Identifikation mit der eigenen Stadt getan. Dazu gehört das Aufstellen von Identifikationsobjekten im öffentlichen Raum ebenso wie das Drucken von Slogans der Stadt auf T-Shirts.

Welchen Typ von Stadt brauchen wir in den nächsten Jahren?

Deutschland ist mit einem demografischen Wandel konfrontiert, der besagt, dass die Bevölkerung eher schrumpft. Daher sollten vor allem große Leerstände in Städten verhindert werden. Die zweite große Herausforderung ist, eine moderne Architektur zu finden, die Identifikation mit der Stadt ermöglicht. Es ist wichtig, ästhetisch ansprechend und mit einer Idee von etwas Neuem zu bauen.

Kann Deutschland mit Städtebaukonzepten ein Vorbild sein?

Für sozialen Wohnungsbau, das Konzept Stadt für alle und die Idee, Städte so zu gestalten, dass sie als Einheit erfahrbar sind, können wir ein gutes Beispiel sein. Ich glaube aber auch, dass wir lernen müssen von anderen Städten in der Welt. Zum Beispiel in Asien, wo man viel mehr nach vorne statt in die Vergangenheit blickt.

Martina Löw

Die Soziologin und Stadtforscherin ist Professorin an der TU Darmstadt.

05.11.2010
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