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INTERVIEW

Ist die Krise männlich?

Stephan A. Jansen ist Gründungspräsident der Zeppelin Universität Friedrichshafen. Die Hochschule hat einen interdisziplinären Ansatz zwischen Wirtschaft, Kultur und Politik. Ihr Frauenanteil liegt bei 55 Prozent.

Herr Professor Jansen, in Deutschland sind heute 51 Prozent der Hochschulabsolventen weiblich. Die Top-Positionen in den Unternehmen spiegeln das bisher nicht wider. Das hat mehrere Ursachen – gibt es eine entscheidende?

Zuerst die Feminisierung der Intelligenz, und nun kommt die Feminisierung der Führung. Das Deutsche Institut für Wirtschaft fand neben 812 Männern lediglich 21 weibliche Vorstände in den 200 größten Unternehmen. Auf den Philippinen sind 47 Prozent der Führungspositionen mittelständischer Unternehmen mit Frauen besetzt. Eine anthropologische Kon­stante sieht anders aus. Vier Thesen zu den Ursachen: 1. falsche Fächerwahl, 2. Baby-Pausen-Organisation, 3. zu hohe Reflexivität, 4. fehlende Netzwerke. Für alle gibt es hinreichende statistische Belege und ebenso plausible Widerlegungen: 1. Die eher sozial- und geisteswissenschaftliche Fächerwahl erklärt sich teilweise durch die Teilzeit und Wiedereinstiegsmöglichkeiten nach der Baby-Pause. 2. Die infrastrukturellen Bedingungen für berufstätige Mütter wie Kindergärten und Ganztagsbetreuungen sind in Deutschland weiterhin stark verbesserungsbedürftig. 80 Prozent aller Teilzeitkräfte sind weiblich, und die sieht man abends seltener bei Beförderungsspielen. 3. Frauen haben eine geringere Überzuversicht und Kompetenzsimulation, daher wollen auch nur 1/5 der Frauen statt 2/5 der Männer am Anfang der Karriere am Ende auch Chef sein. 4. „Homosoziale Reproduktion“ nennen Soziologen das, was wir als Old Boys Networks kannten. Führungspositionen gibt’s nicht aus Zeitungen, sondern aus Netzwerken. Erst jüngst ist eine Umstellung von „Mitleidsnetzwerken“ zu „Förder- und Beförderungsnetzwerken“ der Frauen erkennbar.

Die demografische Entwicklung könnte für eine Managementlücke sorgen. Das beste Argument für Frauenförderung?

Es sind mehrere Gründe – demografische, bildungssystemische und wettbewerbsbezogene. Das Argument „Wenn es jetzt so eng wird, müssen wir sogar Frauen einstellen“ bleibt schwach. Nein, Frauen sind in der Nachkriegswelt politisch gewollt und feministisch errungen einfach bildungsnäher als Männer – und das kann in einer Wissensgesellschaft helfen. Es gibt Stu­dien, die eine Wettbewerbsverbesserung durch gemischtgeschlechtlich besetzte Managementteams belegen. Das überzeugt sogar Männer.

Ist die Krise männlich?

Die Krise ist definitiv männlich. „he-­cession“ heißt die amerikanische Formel der „recession“. In der aktuellen Krise verloren dreimal mehr Männer als Frauen ihre Stelle. In den USA sind im Jahr 2010 erstmals mehr Frauen als Männer beschäftigt. Auch in Deutschland wird Arbeitslosigkeit mit einem Anteil von 55 Prozent männlicher.

Zukunftsforscher Matthias Horx spricht von „Womenomics“ und einer künftigen allgemeinen Feminisierung der Ökonomie. Sehen Sie das auch so? Würde dies die Wirtschaft verändern?

Ich bin kein Zukunftsforscher. Von den 3758 deutschen Aufsichtsräten der 600 wichtigsten Publikumsgesellschaften sind 307 Frauen. Hätten „Lehman Sisters“ mit Quotierungen wie Norwegen und die Niederlande tatsächlich die Insolvenz und die Finanzmarktkrise verhindert? Es kann nur spekuliert werden, aber besser als Quotierungen seitens der Politik wäre noch die Bereitschaft seitens der Frauen. Und die ist nach wie vor gering. Vermutlich, weil Frauen zu intelligent sind, als sich auch in die masochistischen Macho-Weltordnungen einzubringen. Aber Frauen werden beim Produktdesign, in der Organisation, in der Dienstleistungsentwicklung und auch im Controlling stärker werden – wer auch immer „unter ihnen“ der CEO ist.

Das Gespräch führte Janet Schayan.

Prof. Dr. Stephan A. Jansen –

Professor für Strategische Organisa­tion & Finanzierung, Jahrgang 1971

15.07.2010
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