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INTERVIEW

„Die Stadt ist das Labor der Lebensstile“

Festgelegte Rollenbilder waren gestern. Ein Gespräch über die Vielfalt der Lebensstile, aktuelle gesellschaftliche Umbrüche und die neuen Lebensmodelle der Mick-Jagger-Generation.

Interview: Janet Schayan

Herr Dr. Götz, womit beschäftigt sich die Lebensstilforschung?

Die Lebensstilforschung untersucht, wie die Gesellschaft strukturiert und segmentiert ist. Seit den 1970er-Jahren spricht man von der Pluralisierung der Lebensstile und Lebensformen. Unter Lebensformen versteht man, wie die Menschen zusammenleben – in einer Ehe, einer Partnerschaft, als Alleinerziehende oder Singles. Die Menschen unterscheiden sich aber nicht nur nach Lebensformen und gesellschaftlichen Schichten, sondern auch in ihren Lebensstilen. Diese selbstgewählten Stile der Lebensführung hängen eng damit zusammen, welche grundsätzlichen Einstellungen man hat.

Welche Lebensstilgruppen prägen die ­Gesellschaft in Deutschland?

In den zahlreichen, sehr unterschiedlichen Studien findet sich immer eine traditionelle Lebensstilgruppe – die auf Sicherheit, Gewohnheit und traditionelle Tugenden setzt. Die gibt es als etablierte Oberschicht, aber auch in der Mitte, also eher kleinbürgerlich. Es gibt immer auch eine junge spaßorientierte Gruppe und einen aufstiegsorientierten, materialistischen Lebensstil. Dann gibt es einen Teil des „Prekariats“, der ein Underdog-Bewusstein hat. Schließlich gibt es eine bürgerliche Mitte, die nicht zu Extremen neigt. Eine weitere Gruppe sind die sozial und ökologisch engagierten Menschen – häufig Intellektuelle. Zudem trifft man in den Großstädten auf kreative Lebensstile – Künstler, Designer, Werber und die jungen LoHas, die den „Lifestyle of Health and Sustainability“ leben. Durch die Migranten kommt es zu interessanten Kombinationen mit deutschen Lebensstilen.

Wie haben sich die Lebensstile in Deutschland in den vergangenen Jahren verändert?

Postmaterialismus und Individualisierung prägen die Gesellschaft seit den 1970er-Jahren. Die Menschen bewegten sich heraus aus ihren angestammten, festgelegten Rollen, die es früher stärker, zum Beispiel im Arbeitermilieu oder als Geschlechtsrolle in der Familie, gab. Die Lebensstilforschung hat aber festgestellt, dass Individualisierung nicht Atomisierung bedeutet: Die Individuen tun sich zusammen mit Gleichgesinnten mit ähnlichen Lebensstilen. Dadurch nimmt die Vielfalt deutlich zu. In einer Klassengesellschaft hat man nicht viel Spielraum, schon gar nicht in den unteren Klassen. Im Moment erleben wir gerade einen großen gesellschaftlichen Umschwung, der jetzt aber generationsspezifisch ist. Es gibt eine neue internetsozialisierte Generation, der es – wahrscheinlich – in Zukunft materiell schlechter gehen wird als den Eltern. Diese Generation interessiert sich nicht mehr für das Statusauto vor der Tür, für sie könnte Carsharing ganz normal werden. Hier deutet sich etwas an, was unsere Modelle möglicherweise neu ordnet.

Welche Rolle spielt die Familie noch in einer individualisierten Gesellschaft wie der deutschen?

Auch die Familienmodelle werden vielfältiger. Die traditionellen Familien gibt es noch, aber sie werden seltener. Das hat zu tun mit der nachlassenden Bindekraft der traditionellen Institutionen. Da Freiwilligkeit wichtiger wird, bleibt man nicht mehr auf Biegen und Brechen zusammen. So entstehen die Patchwork-Familien.

Wie groß sind die Unterschiede der Lebensstile zwischen Stadt und Land?

Die Großstädte sind die Labors der Lebensstile. Hier entstehen sie und sind ausgeprägter als auf dem Land. Hier prallen sie aber auch stärker aufeinander. Das erfordert mehr Toleranz, denn schon im nächs­ten Haus lebt möglicherweise eine völlig andere Gruppe. Gerade auf viele Kreative wirkt diese Lebensstilvielfalt – auch mit ihren harten Brüchen – anziehend. Sie ist durchaus ein Standortfaktor für eine Stadt.

Wirkt sich der demografische Wandel bereits spürbar auf den Lebensstil aus?

Sehr stark: Die Mick-Jagger-Generation tritt auf allen Ebenen auf. Die Angehörigen dieser Generation waren die Enttraditionalisierer, sie haben in den 1970er-Jahren die Gesellschaft erneuert. Jetzt werden sie alt – also entwickeln sie auch für das Alter neue, unkonventionelle Modelle: Mehrgenerationenhäuser, Alten-WGs, andere Friedhöfe. Sie wollen in den Innenstädten wohnen, wollen, dass etwas los ist in ihrem Leben, und suchen den Kontakt zu den Jungen. Da wird sich viel verändern.

Welche Trends stellen Sie außerdem noch fest?

Es gibt heute Absturzrisiken, die völlig anders sind als vor der Jahrtausendwende. Die Lebensstile sind stärker konfrontiert mit Krisensituationen, die den Lebensstandard insgesamt in Frage stellen. Das zwingt die Menschen, ihren Lebensstil zu über­denken.

Dr. Konrad Götz

Leiter des Forschungsbereichs Mobilität und Lebensstilanalysen des Instituts für sozial-ökologische Forschung ISOE, Frankfurt am Main

22.11.2010
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