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Neuer Präsident der Germanisten

Auf dem XII. Kongress der Internationalen Vereinigung für Germanistik wurde der renommierte chinesische Germanist Zhu Jianhua, Dekan der Deutschen Fakultät an der Tongji-Universität in Shanghai, zum Präsidenten gewählt. Er ist der erste chinesische Präsident der Vereinigung. Was bedeutet das für ihn, die Germanistik und die deutsche Sprache in China?

Herzlichen Glückwunsch, Herr Zhu, zu Ihrer Wahl zum Präsidenten der Internationalen Vereinigung für Germanistik (IVG). Wie kam diese Wahl zustande?

Vielen Dank! Ich habe mich erst vor einem Jahr entschieden, für die Präsidentenschaft der IVG zu kandidieren. Aber hinter mir stehen zahlreiche Freunde, Kolleginnen und Kollegen, nicht nur aus China, sondern auch aus vielen anderen Ländern. Sie haben viele Vorschläge gemacht und mir den Mut gegeben, diese wichtige und ehrenvolle Position zu übernehmen. Meine Universität hat meine Kandidatur besonders unterstützt. Sie hat zum Beispiel zu meiner Abreise einen Flyer mit wichtigen Informationen über die Entwicklung der Germanistik in China, über meine Person und über die sehr gut entwickelte Infrastruktur in Shanghai vorbereitet. Der Vizepräsident der Tongji-Universität, Dong Qi, hat sich persönlich darum gekümmert. Das zeigt, dass die Tongji-Universität die IVG sehr ernst nimmt. In der Vollversammlung haben über 200 Mitglieder an der Wahl teilgenommen. Die Mehrheit hat sich schließlich für mich entschieden.

Welche Bedeutung messen Sie der Wahl bei - vor allem als erster Chinese in diesem Amt…

Das Wahlergebnis ist nicht nur für mich persönlich eine große Ehre, sondern noch viel mehr für die Germanistik in China. Meine zahlreichen chinesischen Kolleginnen und Kollegen haben in der Vergangenheit – besonders seit der Reform- und Öffnungspolitik Chinas in den letzten 30 Jahren – beachtliche Fortschritte in der Lehre und Erforschung der deutschen Sprache, Literatur und Kultur erzielt. Zahlreiche wissenschaftliche Publikationen und regionalspezifische Lehrwerke für deutsche Sprache und Literatur haben einen großen Beitrag zur internationalen Germanistik geleistet. Dadurch haben wir internationale Anerkennung gewonnen. Nach dem IVG-Kongress 1990 in Japan findet nun zum zweiten Mal dieser Weltkongress in Asien statt. Daher ist das Wahlergebnis nicht nur gut für die Germanistik in China, sondern in ganz Asien. Ich fühle eine große Verantwortung dafür, dass die chinesischen Germanisten einen noch größeren Beitrag zur Entwicklung der internationalen Germanistik leisten.

Was war das Thema der Mitgliederversammlung 2010 in Polen?

Die Mitgliederversammlung stand unter dem Motto „Vielheit und Einheit der Germanistik weltweit“. Daran kann man erkennen, dass sowohl die Germanistik in deutschsprachigen Ländern, als auch die Auslandsgermanistik in anderen Ländern unterschiedliche Charaktere haben. Aber die unterschiedlichen Perspektiven ergänzen sich. Es ging um einen gemeinsamen Kern. Mehr als 1500 Teilnehmer aus der ganzen Welt tauschten sich in 60 Sektionen über germanistische Linguistik, deutsche Literatur und Kultur aus.

Nach der Mitgliederversammlung sind Sie noch durch Deutschland gereist. Was stand auf Ihrer Agenda?

Direkt nach dem Kongress bin ich auf Einladung der Alexander von Humboldt-Stiftung zu einem Expertengespräch nach Berlin gefahren. Bei der Eröffnung habe ich die deutsche Bildungsministerin Annette Schavan getroffen. Sie hat mir zu meiner Wahl gratuliert. Sie hat in diesem Jahr den Ehrendoktor-Titel der Tongji-Universität erhalten und hat den Wunsch geäußert, beim nächsten Besuch mit unseren Studenten über die deutsche Sprache, Literatur und Kultur zu diskutieren. Anschließend bin ich wegen eines gemeinsamen Projektes mit der Universität Duisburg-Essen bis Ende August in Deutschland geblieben. Bei der Gelegenheit habe ich noch viele Freunde und Kolleginnen und Kollegen von den Universitäten Magdeburg, Leipzig, Bremen, Münster, Bochum, Freiburg, Konstanz besucht. Ich habe sie zur Mitwirkung an der IVG 2015 in Shanghai eingeladen.

Welchen Stellenwert hat die deutsche Sprache in China heute?

Man beobachtet heute eine erfreuliche Entwicklung in China. Trotz der Dominanz des Englischen als 1. Fremdsprache geht es mit der Germanistik und der deutschen Sprache sowohl qualitativ als auch quantitativ aufwärts. Die Zahl der Universitäten und Hochschulen, an denen Germanistik (Deutsche Sprache, Literatur und Kultur) gelehrt wird, hat sich von etwa 20 Anfang 1990er Jahre auf über 70 bis Ende 2009 gesteigert. Die Zahl der Germanistikstudenten und Deutschlerner steigt von Jahr zu Jahr. Das lässt sich an der jährlich zunehmenden Zahl der Prüfungskandidaten erkennen. Und es gibt noch ausreichend Potenzial nach oben. China hat zum Beispiel im Vergleich zu den Nachbarländern Japan oder Korea noch zu wenig Mitglieder in der IVG. Ich hoffe, dass unsere chinesischen Kolleginnen und Kollegen, besonders die jungen Germanisten, die Chance nutzen, in diese wichtige Fachorganisation einzutreten, beim wissenschaftlichen Austausch mit Fachkollegen aus allen Ländern ihre Forschungsergebnisse zeigen und damit das Niveau weiter erhöhen.

Zuletzt überarbeiteten Sie Ihren chinesischen Deutschlern-Klassiker „Klick auf Deutsch“. Wie weit ist das Projekt fortgeschritten?

Das Lehrwerk „Klick auf Deutsch“ steht im 11. Fünfjahresplan. Die Überarbeitung ist im Großen und Ganzen fertig. Im Juni ist Band 1 erschienen. Dafür hat das Anleitungskomitee gemeinsam mit dem Goethe-Institut Peking und dem Verlag für Fremdsprachenlehre und –forschung ein Lehrerfortbildungsseminar in Beijing veranstaltet. In diesem Herbst haben viele Hochschulen und Universitäten mit dem neuen Lehrwerk angefangen. Band 2 wird Ende dieses Jahres erscheinen. Band 3 und 4 müssen Anfang 2011 fertig sein. Eine weitere Lehrerfortbildung im nächsten Frühjahr in Südchina ist vorgesehen.

Im Jahr 2015 wird sich die Internationale Vereinigung für Germanistik bei Ihnen an der Tongji-Universität treffen. Wissen Sie schon zu welchem Thema?

Die Tongji-Universität, die im Jahre 1907 von dem ersten deutschen Präsident Dr. Erich Paulun gegründet wurde, gehört heute zu den wichtigsten Schlüsseluniversitäten in China. Sie hat durch ihre Geschichte eine lange Tradition für deutsche Sprache, Literatur und Kultur. Wir achten in China sehr auf die Verbindung zwischen Tradition und Moderne, auf die Vielsprachigkeit, auf die Harmonie der Gesellschaften und die Vielfalt der Kulturen. Ein konkretes Thema für den nächsten Kongress habe ich noch nicht. Es muss auf der Ausschusssitzung 2011 beraten, diskutiert und festgelegt werden.

Interview: Martin Orth////

01.11.2010
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