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Journalismus

Mit Spaß an die Eliteschule

Als erste Nicht-Muttersprachlerin wurde Julia Smirnova an der deutschen Axel-Springer-Akademie aufgenommen. Die 27-Jährige Russin genießt die Ausbildung an einer der renommiertesten Journalistenschulen der Bundesrepublik.

Von Oliver Heilwagen

„Wichtig ist, möglichst viel auszuprobieren, neue Leute kennen zu lernen und Neues zu erfahren. Damit man herausfindet, was einem Spaß macht und zu einem passt: Das ist die Voraussetzung dafür, dass man es richtig gut macht.“ Dieser Maxime ist Julia Smirnova in ihrer Schul- und Berufslaufbahn gefolgt. Mit bemerkenswertem Erfolg: Als erste Jungjournalistin, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, wurde die 27-Jährige an der Axel-Springer-Akademie (ASA) in Berlin aufgenommen. Sie zählt zu den renommiertesten Journalistenschulen in Deutschland.

Dass sie gerne als Journalistin arbeiten würde, wusste Julia schon als Schülerin. In Krasnoarmeisk im Moskauer Oblast übte sie im „Studio für junge Journalisten“, das die lokale Wochenzeitung unterhielt. Und bereits ihr Debüt-Artikel bewies Gespür für aktuelle Trends: Ein Interview mit dem ersten Internet-Provider in ihrer Heimatstadt. Doch der Gedanke, nach Deutschland zu gehen, lag ihr fern. In der Schule lernte sie Englisch.

Nach dem Abitur studierte sie Westeuropäische Sprache und Literatur an der Lomonossov-Universität und musste dafür Kurse in zwei Fremdsprachen belegen. Um sich das Lernen zu erleichtern, wählte sie Deutsch und Schwedisch – beide Sprachen sind eng miteinander verwandt. Ein Auslandssemester 2003 an der Humboldt-Universität in Berlin begeisterte sie dann für ihr Gastland. „In Moskau hatte ich viel auf Deutsch gelesen und geschrieben, aber kaum gesprochen – das änderte sich schlagartig“, erinnert sich Julia: „Was ich toll fand, war das ganz andere Hochschulsystem in Deutschland: Die Studenten können ihre Fächer und Themen frei auswählen, und in den Seminaren wird viel diskutiert.“

Zurück in Moskau studierte sie nebenbei auch am „Freien Russisch-Deutschen Institut für Publizistik“ der Lomonossov-Universität. Zudem schrieb sie Artikel für die deutschsprachige Internet-Zeitung „Russland-aktuell“ und übernahm Jobs, bei denen sie ihre Deutschkenntnisse anwenden konnte. Sie betreute junge Künstler bei den „Berliner Tagen in Moskau“, erstellte Beiträge für die deutsche Redaktion von „Stimme Russlands“, arbeitete in einem Übersetzungsbüro und im Pressereferat der Deutschen Botschaft in Moskau. Dort erstellte sie zwei Jahre lang Pressespiegel und pflegte die Website der Botschaft.

Ihre Diplomarbeit hatte allerdings auf den ersten Blick nichts mit Journalismus zu tun: eine linguistische Analyse der „Statuten der Hansevertretungen im Ausland“. Diese Dokumente aus dem Mittelalter sind auf mittelniederdeutsch abgefasst – auf Anhieb versteht sie heute kein Deutscher mehr. Genau das reizte Julia daran: „Was sich nach trockener akademischer Arbeit anhört, ist spannend wie ein Krimi. Ich habe Handschriften gefunden, die noch nie veröffentlicht worden sind. Die Suche danach ähnelt sehr einer journalistischen Recherche.“ Deshalb wollte sie ihre Studie zu einer Promotion ausbauen.

Dafür kam sie 2007 mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) für einen Forschungsaufenthalt nach Hamburg. Doch die Lust an journalistischen Nebentätigkeiten ließ sie nicht los. 2008 absolvierte sie zwei Praktika: Zuerst bei der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch in Hamburg, anschließend bei einer Werbe- und PR-Agentur in Frankfurt am Main. „Da habe ich gelernt, dass ich Werbung auf keinen Fall beruflich machen will – auch eine wichtige Erkenntnis“, erzählt Julia lachend.

Während sie das deutsch-russische Jugendportal „Totschka-Treff“ mit Beiträgen belieferte, sah sie 2009 die Ausschreibung der ASA im Internet. „Ich habe schon Texte auf Deutsch veröffentlicht – warum bewerbe ich mich nicht einfach dort?“, war ihre spontane Reaktion. Sie schickte eine Reportage über Wanderarbeiter aus Zentralasien in Moskau und wurde prompt nach Berlin eingeladen. Dort musste sie eine weitere Reportage schreiben und einen Wissenstest bestehen. „Das war das Schwierigste. Fakten, die Deutschen geläufig sind, wissen Ausländer oft nicht.“ Dank fleißiger Zeitungslektüre meisterte sie die Hürde. Beim anschließenden Vorstellungsgespräch fragte man ihre journalistischen Grundkenntnisse ab: Was wäre heute der Zeitungsaufmacher? Wie würden Sie an das Thema herangehen? Julia überzeugte die Jury – und erhielt einen der 40 Plätze, für die es tausend Bewerber gab.

Nun durchläuft sie eine zweijährige Ausbildung, die stark multimedial ausgerichtet ist: Die Absolventen sollen für TV und Internet ebenso wie für Printmedien arbeiten können. In den ersten sechs Monaten wird das journalistische Handwerk vermittelt: Von der Recherche über die verschiedenen Textgattungen bis zu moderner Nutzerführung mit Mitteln des Web 2.0. Dann arbeiten die Newcomer ein halbes Jahr in der Redaktion von „Welt Kompakt“, einer Tabloid-Ausgabe der Tageszeitung „Die Welt“. Dort erlebt Julia derzeit den Alltag einer Redaktion: Themensetzung, eigene Texte schreiben, fremde Texte übernehmen, kürzen und redigieren, Bilder auswählen, Layout planen. In allen Ressorts: Erst hat sie in der Außenpolitik gearbeitet, jetzt in der Wirtschaft. Besonders interessiert sie sich für die Entwicklung des Internets und die gesellschaftlichen Veränderungen, die es bewirkt.

Während der Fußball-Weltmeisterschaft wollte Julia mit Kollegen herausfinden, ob man über das Großereignis mit gebotener journalistischer Sorgfalt alleine mit Hilfe südafrikanischer Internet-Autoren und Blogger berichten kann. Der Test ist geglückt: Unter „Thisissouthafrica.de“ haben die Jungjournalisten ein großes Forum von Berichten und Reportagen über die Lage in Südafrika abseits der WM aufgebaut. „Mit der Meldung einer Massenpanik bei einem Freundschaftsspiel waren wir sogar schneller als die etablierten Medien, indem wir Twitter zitierten“, freut sich Julia. „Twitter und Blogs werden in Deutschland weniger gelesen als in Russland; dort informieren sie schnell und umfassend über aktuelle politische Themen.“ Das wird 2011 noch wichtiger für sie: Dann geht sie für ein Jahr nach Moskau in ihre „Stammredaktion“ bei „Forbes Russia“.

Nach dem Abschluss ihrer Ausbildung möchte sie abwechselnd in Deutschland und Russland arbeiten. „Es gibt immer mehr Leute, die nicht an ein Land gebunden sind und internationale Projekte machen – das würde ich auch gern tun“, betont Julia: Entscheidend seien die Inhalte ihrer Arbeit, der Standort sei zweitrangig. Ihre Promotion habe sie zwar nicht aufgegeben, aber vorerst zurückgestellt. Verständlicherweise: Die mittelniederdeutschen Handschriften laufen ihr nicht weg.////

25.10.2010
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