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„Man braucht deutlich mehr Wörter”

Die Übersetzerin Ingrid Iren spricht im Interview über Orhan Pamuk, türkische Geschichte und die Herausforderungen ihrer Arbeit.

Frau Iren, bevor Sie Deutschland 1963 verließen und mit Ihrem Mann in die Türkei übersiedelten, waren Sie kaufmännisch tätig, arbeiteten zuletzt als Geschäftsführerin. Wie kamen Sie dazu, türkische Literatur zu übersetzen?

Ich nahm 1970 in Ankara ein Studium der klassischen Archäologie auf, währenddessen ich Fachartikel für die Dozenten übersetzte. Das Studium setzte ich in Istanbul fort, wo ich von 1977 bis 1995 beim Goethe-Institut für die Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich war und als Übersetzerin arbeitete. In erster Linie übersetzte ich hier geschäftliche Texte. Meine erste große literarische Arbeit war die Übersetzung von Orhan Pamuks drittem Roman „Die weiße Festung”. Anlässlich einer Preisverleihung für meine Übersetzung reisten Orhan und ich Anfang der 1990er Jahre nach Deutschland, auch um ihn deutschen Lesern vorzustellen.

Wie war die Resonanz?

Es gab keine Resonanz. Das Desinteresse war sehr enttäuschend. Jörg Henle, der damalige Vorsitzende des „Gremiums Literatur” beim Kulturkreis des Bundes der Deutschen Industrie hat sich aber für weitere Übersetzungen eingesetzt, sodass der Hanser Verlag schließlich „Das schwarze Buch” übersetzen ließ. Das war für Orhans Generation ein Kultbuch – und für mich eine Herausforderung, da ich mich für das Übersetzen intensiv mit der türkischen Geschichte auseinandersetzen musste. Auf das Buch gab es endlich erste Reaktionen in Deutschland. Das hat sich dann über „Das neue Leben” bis zu dem sehr großen Erfolg von „Rot ist mein Name” weiter gesteigert.

Welche besonderen Herausforderungen stellt das Übersetzen des Türkischen?

Natürlich ist die Syntax eine vollkommen andere als im Deutschen. Man braucht zudem für die deutsche Übersetzung deutlich mehr Wörter. Im Türkischen liegt in einzelnen Silben sehr viel Bedeutung, kleine Fehler können hier zu großen Bedeutungsunterschieden führen. Und dann sind für das Übersetzen auch bestimmte Traditionen und geschichtliche Hintergründe von besonderer Bedeutung. Nehmen Sie die traditionelle Figur des Erzählers, des Meddah in „Rot ist mein Name”. Eine ganz ähnliche Funktion nimmt bereits der Journalist in „Das schwarze Buch” ein. Wer die Parallelen zwischen diesen beiden Erzählern erkennt, kann das auch mit seiner Übersetzung zum Ausdruck bringen.

Zuletzt übersetzten Sie Adalet Agaoglus Roman „Sich hinlegen und sterben” für die Türkische Bibliothek des Unionsverlages.

Ein wichtiger Roman, auch weil er die enormen Herausforderungen an die jungen Menschen beschreibt, die die Türkische Republik aufgebaut haben. Über den abrupten Wandel vom Osmanischen Reich zur Republik weiß man in Deutschland nach wie vor noch viel zu wenig. Ich kann vor diesem Hintergrund auch Halide Edip Adivars Erinnerungen „Mein Weg durchs Feuer” nur empfehlen. Sie sind ebenfalls für die Türkische Bibliothek ins Deutsche übertragen worden und schildern eindrücklich, wie vielfältig die Ursachen für das Entstehen der Türkischen Republik waren.////

27.01.2011
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