Vor einigen Monaten saß die Verlegerin Leonora Djament in Buenos Aires im Café der angeschlossenen Buchhandlung und schwärmte von Frankfurt am Main. „Ich weiß, dass nicht alle sie mögen, aber ich liebe diese Stadt.“ Fünf Mal war die Leiterin des argentinischen Verlags „Eterna Cadencia“ bereits in Frankfurt, fünf Mal auf der größten Buchmesse der Welt. Überflüssig zu fragen, was sie in diesem Herbst machen wird: Schließlich war Argentinien Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. „Für die argentinische Literatur“, sagt Leonora Djament, „bedeutet das viel.“ Und dabei ist nicht einmal am wichtigsten, dass sich das Land während der Messe Anfang Oktober in einem eigenen Pavillon vorstellen durfte, dass an allen Ecken und Ständen argentinische Autoren lasen und diskutierten. Die Auswirkungen der Einladung sind langfristiger, und sie sind bereits seit Monaten zu sehen: Der ohnehin intensive kulturelle Austausch zwischen Argentinien und Deutschland ist durch die Messe noch stärker in Schwung gekommen.
Denn Argentinien ist in diesem Jahr, in dem es 200 Jahre Unabhängigkeit feiert, in Deutschland so präsent wie lange nicht mehr. Bereits die Leipziger Buchmesse im März brachte einen Argentinien-Schwerpunkt. Die Schriftstellerkonferenz „Botenstoffe“ vereinte ebenfalls im März Autoren beider Länder in Berlin, und ein Internationales Kolloquium in Leipzig beschäftigte sich im Juni mit der Schriftsteller-Ikone Jorge Luis Borges. Argentinische Autoren sind seit Monaten in Deutschland unterwegs. Sie lesen bei Festivals und in Buchhandlungen, oder sie verbringen einige Zeit als Stipendiaten in Deutschland.
Wie der 43 Jahre alte Schriftsteller Pablo Ramos aus Buenos Aires, der 2009/2010 Gast des DAAD-Künstlerprogramms in Berlin war. Sein erster erfolgreicher Roman „Der Ursprung der Traurigkeit“ handelt von einer schwierigen Kindheit in einem heruntergekommenen Vorort von Buenos Aires in den achtziger Jahren, als das Land unter den Folgen der Militärdiktatur litt. Weil ihn dieses Thema stark beschäftigt, ist Ramos besonders interessiert an Deutschland: Ihm liege sehr daran, dass seine Romane deutsche Leser fänden, sagt er, „weil Deutschland die Erfahrung des Zweiten Weltkrieges hat und diese reflektiert hat“.
Die Übersetzung seines ersten Romans ins Deutsche hat Ramos nicht nur dem Suhrkamp-Verlag, sondern auch der „Gesellschaft Litprom zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika“ zu verdanken. Der Verein, der vom Auswärtigen Amt und der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia finanziert wird, hat in den vergangenen Jahren verstärkt Übersetzungen argentinischer Autoren gefördert, insgesamt bisher 43. Auch der argentinische Staat hat aus Anlass der Frankfurter Buchmesse ein großes Übersetzungsprogramm aufgelegt: 147 Werke von 123 argentinischen Schriftstellern wurden nach Angaben der argentinischen Botschafterin Magdalena Faillace in der letzten Zeit in 21 Sprachen übersetzt, die Mehrheit davon ins Deutsche.
Die Neuerscheinungen handeln von den unterschiedlichsten Themen, vom Fußball bis zur Aufarbeitung der Geschichte, von Literatur-Anthologien junger Autoren bis zu Klassikern wie Ernesto Sabatos „Der Tunnel“. Immer wieder wird auch die starke Verbindung der beiden Länder deutlich: So beschreibt der argentinische Autor Adrián Pais in seinem Roman „In den Wolken“ die Berliner Clubszene der 1990er-Jahre. Der 35-jährige Schriftsteller Ariel Magnus aus Buenos Aires stellt sich deutschen Lesern erstmals mit dem komischen Roman „Der Chinese auf dem Fahrrad“ vor. Magnus hat deutsche Vorfahren, studierte in Heidelberg und Berlin und hat sich mit Deutschland in den noch nicht übersetzten Büchern „La abuela“ und „Muñecas“ auseinandergesetzt. Und von Osvaldo Bayer, einem argentinischen Intellektuellen, der auch eng mit Deutschland verbunden ist, erscheint im Herbst das Werk „Aufstand in Patagonien“ auf Deutsch.
Argentinien, dessen Geschichte von verschiedenen Einwanderungswellen geprägt ist, hat immer schon mehr nach Europa geschaut als andere südamerikanische Länder. Tausende der Einwanderer kamen aus Deutschland. Bis heute gibt es in Buenos Aires deutsche Kultur-Vereine, Schulen und Buchhandlungen. Jorge Luis Borges zum Beispiel lernte eigens Deutsch, um Schopenhauer im Original lesen zu können. Die Liebe zur deutschen Kultur teilen viele junge Argentinier heute noch: Das wohl beste Beispiel ist die 38 Jahre alte Autorin María Cecilia Barbetta aus Buenos Aires, die seit 1996 in Berlin lebt, sogar auf Deutsch schreibt und für ihren Debütroman „Änderungsschneiderei Los Milagros“ den Aspekte-Literaturpreis 2008 erhielt.
Deutsch-argentinische Parallelen gibt es auch in der Literaturszene. Das literarische Leben von Buenos Aires lässt sich mit Städten wie München und Berlin vergleichen: In jeder Straße gibt es mindestens eine Buchhandlung, in jeder zweiten Straße einen Verlag. Womit wir wieder bei Leonora Djament wären, die im Szene-Viertel Palermo den kleinen, aber feinen unabhängigen Verlag „Eterna cadencia“ leitet. In den nächsten Jahren möchte sie auch deutsche Autoren publizieren wie Ulrich Peltzer, Tilman Rammstedt und Nora Bossong. Der literarische Austausch zwischen Deutschland und Argentinien ist mit der Frankfurter Buchmesse also nicht beendet: Er geht hoffentlich erst richtig los.















