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Kenichi Mishima: Deutsch als philosphischer Dialekt

Der japanische Philosophie-Professor Kenichi Mishima lebt, lehrt und forscht seit den 70er Jahren in Deutschland und Japan. Wir fragten ihn: Ist Deutsch die Sprache der Philosophie?

Heidegger war frech genug mit seiner These, eigentlich könne man nur auf Deutsch oder Griechisch philosophieren. Er glaubte auch an die Verwandtschaft der Sprache Platons und seiner eigenen. Viktor Farías, seinem einstigen Studenten aus Chile, soll Martin Heidegger die Frage gestellt haben, ob „Sein und Zeit“ überhaupt ins Spanische übersetzbar sei. Später hat Farías mit seinem Buch „Heidegger und der Nationalsozialismus“ die Verstrickung des Seinsphilosophen in das unheilvolle Kapitel der deutschen Geschichte schonungslos an den Tag gelegt. Heute würde kaum einer so naiv sein und sagen, philosophieren ließe sich nur auf Deutsch oder Altgriechisch.

Vor diesem Exzess war mehr als ein Jahrhundert lang Deutsch für diejenigen ein wichtiges Medium, die sich an der Arbeit der Philosophen, nämlich an der Lektüre wichtiger Texte und an der Diskussion darüber, beteiligen wollten. Es war zwar Christian Thomasius, der 1694 an der Universität Halle die Vorlesungssprache vom damals üblichen Latein auf Deutsch umstellte. Aber erst mit Immanuel Kant wurde Deutsch in anderen Ländern, in nahen und in fernen, als eine Sprache anerkannt, die sozusagen der Würde der Philosophie entsprach. Die weiteren Stufen brauche ich nicht zu kommentieren. Fichte, Schelling, Hegel, aber auch Marx, Nietzsche, Husserl, Max Weber, und schließlich der erwähnte Heidegger. Ihre großen Texte haben zur Verbreitung der deutschen Sprache unter den Philosophen im Rest der Welt beigetragen, aber auch zu einem Irrglauben, nämlich dem, dass man am besten auf Deutsch philosophieren sollte.

Dagegen schreibt Adorno über ebendiesen Kant’schen Anfang: „Sein Denken hat sein Zentrum im Begriff der Autonomie, der Selbstverantwortung des vernünftigen Individuums anstelle jener blinden Abhängigkeiten, deren eine die unreflektierte Vormacht des Nationalen ist. Nur im Einzelnen verwirklicht sich, Kant zufolge, das Allgemeine der Vernunft.“ Leider herrschte „die unreflektierte Vormacht des Nationalen“ auch in der Reflexion über die Sprache. Und nach dieser von Adorno hervorgehobenen Kant’schen Tradition der Aufklärung hat keine Sprache vor den anderen eine begnadete Position. So etwas wie ein Privileg einer Sprache für das Geschäft der Philosophie gibt es nicht. Man kann in jeder Sprache alles sagen. Was man auf Japanisch sagt, lässt sich ohne Weiteres auf Deutsch wiedergeben. Nach all dem Schindluder, der mit der deutschen Sprache von den Philosophen getrieben worden ist, ist diese Erkenntnis heilsam.

Hier sei aber Vorsicht geboten: So legitim diese Ansicht auch ist, so wenig durchsetzungsfähig ist der sprachliche Universalismus, der, wenn er den Eigenwert des einzelsprachlichen Lebens ignoriert, schnell in einen anderen Exzess, in einen falschen Universalismus umschlagen kann. Denn im Laufe der Jahrhunderte ist in jeder nationalsprachlichen philosophischen Tradition eine unverkennbare Färbung entstanden, man könnte sagen: Stil, Attitüde oder Gepflogenheiten, die auch auf der sprachlichen Ebene ihren Niederschlag gefunden haben. Man darf in diesem Sinne ruhig von philosophischen Dialekten sprechen, wobei es im Gegensatz zum Sprachunterricht keine Hochsprache gibt. Der Dialekt realisiert sich nicht nur in einzelnen Redewendungen, sondern auch in Argumentationsweisen. Erst mit der rhetorischen Gestaltung gewinnt die Argumentation an Prägnanz und Plausibilität. Die Argumentation leuchtet nur in einem Kontext ein. Eine Diskussionstradition ist ja ein Kontext, und zwar ein nationalsprachlich artikulierter. Wer nun aber glaubt, dass man diverse Stile über einen Kamm scheren und damit auch Englisch als Sprache der Philosophen durchsetzen kann und muss, wer das glaubt, unterschätzt, zumindest in der Philosophie, die Resistenz eines Dialektes. Heute müssen wir uns als Philosophen vor zwei Exzessen hüten, der „Vormacht des Nationalen“, von der Adorno gesprochen hat, aber auch vor dem falschen Universalismus. Schließlich brauchen die Arbeiten der Philosophen eine Rückkopplung an die nationale Öffentlichkeit, und diese nationale Öffentlichkeit lebt bei allen Impulsen, die sie von auswärts bekommt, letztendlich mit der Nationalsprache. Und nur mit ihr können die deutsch­sprachigen Philosophen „im internationalen Konzert“ (Habermas) ihren Part spielen. Was sagte Adorno? „Nur im Einzelnen verwirklicht sich das Allgemeine der Vernunft.“ //

07.05.2010
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