DIESER RAUM IST DER ungewöhnlichste auf der Biennale 2011 in Venedig. Niemand, der sich länger darin aufhält, kommt ungerührt heraus. Der Deutsche Pavillon steckt voller Emotionen, voller Botschaften, und mehr als nur ein doppelter Boden erwartet die Besucher. Die Sehnsucht nach dem Heil im Angesicht des Todes ist ein zentrales Motiv der Installation im Hauptraum des Pavillons, der einer katholischen Kirche nachempfunden ist. Aber die Installation kündet auch von der Hoffnungslosigkeit des Strebens nach Unendlichkeit. Es geht um die Hinfälligkeit des Körpers und um die Feier des Leiblichen. Und um die Präsenz eines Künstlers, die nur noch in der Erinnerung zu erleben ist. Christoph Schlingensief konnte den Deutschen Pavillon nicht mehr selbst gestalten. Der aktionistische Tausendsassa, Provokateur, Filmemacher, Theater- und Opernregisseur starb im August 2010, nicht einmal 50 Jahre alt, an Lungenkrebs. Aber auch nach seinem Tod mitten in der Vorbereitungszeit für die Biennale hielt die zur Kommissarin des deutschen Auftritts in Venedig berufene Susanne Gaensheimer an ihrer Wahl fest. Für sie war Schlingensief ein „wirklich kritischer, politischer, unkorrumpierbarer Kopf“. Nach kurzem Innehalten beschloss die Direktorin des Frankfurter Museums für Moderne Kunst daher, in Venedig Schlingensief ohne Schlingensief zu zeigen. Und sie machte ihn, der wie wenige andere Künstler seiner Generation immer auch an Deutschlandbildern und -zerrbildern arbeitete, posthum einem größeren internationalen Publikum zum Begriff.
Die deutsche Präsentation auf der Weltkunstschau in der Lagunenstadt wird im Rahmen der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik vom Auswärtigen Amt in Auftrag gegeben und mitfinanziert. Der diesjährige Beitrag schneidet viele Fragen an, wühlt die Gefühle auf, und ein künstlerisches Crossover-Projekt ist er außerdem. Dies alles hat die Juroren so beeindruckt, dass Deutschland den Goldenen Löwen für den besten Länderpavillon erhielt. Traditionellerweise werden die Preise der noch bis Ende November dauernden Biennale am Anfang der Schau vergeben. Zuletzt erhielt der Deutsche Pavillon diese Auszeichnung vor zehn Jahren: Damals hatte Gregor Schneider das historisch belastete, weil von den Nationalsozialisten klassizistisch umgebaute Gebäude in ein labyrinthisches Gemäuer verwandelt. 89 nationale Selbstdarstellungen bietet Venedig 2011 in den Giardini und im Arsenale, 83 Künstler hat die Kuratorin Bice Curiger für die zentralen Ausstellungen an diesen beiden Orten ausgewählt. Zudem finden noch zahlreiche Schauen an diversen Nebenschauplätzen statt. Kunst mit Deutschland-Bezug bietet dabei nicht nur der Deutsche Pavillon: Unter den internationalen Biennale-Künstlern sind knapp 20, die Berlin zu ihrer Kreativbasis gemacht haben. Und der Deutsche Thomas Killper zeigt für Dänemark seinen – durchaus umstrittenen – „Pavilion for Revolutionary Free Speech“.
Ein Hauptanziehungspunkt für alle Besucher aber ist der Deutsche Pavillon, in dem es so existenziell zugeht wie an kaum einer anderen Stelle dieser Biennale. Enge Mitarbeiter Schlingensiefs haben den Pavillon in seinem Sinn bespielt. Schlingensiefs Witwe Aino Laberenz beteiligte sich intensiv an dem Konzept, das sich vor allem auf seine letzte Regiearbeit „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ stützt, die 2008 bei der Ruhrtriennale in Duisburg uraufgeführt wurde. Im Zentrum steht ein Film, in dem vom Katholizismus bis zu Wagners „Parsifal“ viel Pathos aufgerufen wird. Gebrochen wird es immer wieder durch Utensilien, wie sie Joseph Beuys benutzte, und den steten Verweis auf die Fluxus-Bewegung, der das Leben selbst als Kunstwerk galt. Das Publikum bewegt vor allem die für Schlingensief so typische radikale Offenheit, mit der er über seine Krebserkrankung spricht, und auch vom Scheitern aller Versuche, Krankheit und Tod künstlerisch-religiös zu transzendieren: Das Individuum bleibt auf sich selbst zurückgeworfen. In einem Nebenraum laufen Schlingensiefs Filme, die seinen Ruf als Provokateur begründeten. Ein anderer stellt zudem sein Projekt vor, in Afrika ein Musiktheater zu errichten.
Die Idee, im Dorf Laongo in der Nähe von Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou ein Festspielhaus zu errichten, ist durch und durch ein Schlingensief-Projekt: auf den ersten Blick ein bisschen unwirklich, auf den zweiten voller Tiefgang und Ernsthaftigkeit. Zusammen mit Francis Kéré, einem preisgekrönten in Berlin lebenden Architekten aus Burkina Faso, hat Schlingensief noch im Frühjahr 2010 den Grundstein für das Festspielhaus gelegt, das viel mehr ist als ein Musikhaus: Es soll Film- und Musikklassen geben, Wohnhäuser, Büros, einen Fußballplatz, Agrarflächen, eine Krankenstation. Ein ganzes Operndorf soll in Laongo wachsen. Und das tut es auch nach Schlingensiefs Tod: Das Projekt wird von vielen Menschen und Institutionen, unter ihnen auch das Auswärtige Amt und das Goethe-Institut, mitfinanziert. Das Operndorf, das Vermächtnis des Christoph Schlingensief, wird bleiben.///















