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Jonathan Franzen: Warum sich Sprachen verändern müssen

Der amerikanische Bestsellerautor Jonathan Franzen hat Deutsch studiert – in Pennsylvania, München und Berlin. Ein Gespräch über die deutsche Sprache und die „verdammte Frage der Geschlechter“

Mr Franzen, wie würden Sie heute in einem Deutschtest abschneiden?

Gegen welche Konkurrenz? Ich möchte nicht die Verantwortung für die Formulierung eines Nuklearwaffenabkommens tragen, aber solange es darum geht, über mich selbst zu sprechen oder über Literatur, komme ich ganz gut zurecht. Die deutsche Sprache ist so wunderbar baukastenartig aufgebaut. Man kann gebeugte Verben auf ihre Grundform zurückführen. Man kann die kleinen unverständlichen Wörter ignorieren oder sie durch den Zusammenhang erschließen und die langen unverständlichen in ihre Bestandteile zerlegen.

Können Sie auf Deutsch fluchen?

Kleinigkeiten wie „Verdammt noch mal!“. Und natürlich kann ich „Arschloch!“ brüllen. Aber mit Slang habe ich meine Probleme. Mein Deutsch stammt aus Büchern. Wie ich in der „Unruhezone“ erzähle, habe ich fast mein ganzes erstes deutsches Jahr in München damit verbracht, Englisch zu sprechen – mit amerikanischen Mädchen, denen ich nachgelaufen bin. Ich war schüchtern und habe mich mit keinem einzigen Deutschen angefreundet. Erst in den letzten zwei, drei Jahren, seit ich regelmäßig nach Deutschland komme, habe ich ein paar deutsche Freunde gefunden.

Während Ihres Studiums in Berlin hatten Sie auch kein Glück bei Ihren deutschen Kommilitoninnen?

Da war ich schon verlobt und durfte eigentlich gar keine deutsche Freundin mehr haben. Ich habe dieses Verbot ziemlich ernst genommen. Als der Deutsche Akademische Austauschdienst zu Thanksgiving eine Party organisierte, unterhielt ich mich gerade mit einer ungeheuer attraktiven jungen Frau, und unsere verfluchte DAAD-Mutter kam auf uns zu und fragte mit voller Absicht: „Jonathan, wie geht’s deiner Verlobten?“

Mark Twain hat in seinem Essay „The Awful German Language“ eine vernichtende Kritik der deutschen Sprache geliefert. Einiges daran ist schief, aber die Hemmungslosigkeit, mit der sich Deutsche für Substantivmonster wie „Generalstaatsverordnetenversammlungen“ begeistern, hat er ganz richtig gesehen. Was finden Sie am scheußlichsten?

Die verdammte Frage der Geschlechter. Warum heißt es „der Vogel“ und nicht „das Vogel“? Es schüchtert mich jetzt noch ein, so dass ich manchmal in der Mitte eines Satzes innehalte und mich nicht traue, einen Fehler zu machen. Auch unregelmäßige Pluralformen bereiten mir hin und wieder Probleme. Außerdem kommt mir die deutsche Sprache manchmal sentenziös vor. Sie neigt in ihrer verdinglichenden Art zu einer gewissen Vorschnelligkeit und Glätte. Aber vielleicht habe ich diesen Eindruck nur durch einige ihrer Sprecher gewonnen.

Gibt es Situationen, in denen Sie Deutsch mit sich selbst reden?

Beim Schreiben übersetze ich oft aus reiner Neugier meine Sätze ins Deutsche, um herauszufinden, wie sie klingen. Ich versuche herauszubekommen, ob ein Satz seine Ironie und seinen Witz behält, ob er durchsichtig genug ist.

Heidegger hat Sprache als „Haus des Seins“ erklärt. Was für eine Art von Gebäude ist das Deutsche im Unterschied zum amerikanischen Englisch?

Das Bild, das mir für die deutsche Sprache in den Sinn kommt, gleicht einer jener riesigen chinesischen Fabriken, die dem Arbeiter alles bieten: ein Kino, einen Volleyballplatz, Schlafsäle – eine ganze Firmenstadt, in der alles vernünftig angeordnet ist. In den englischen Gebäuden, so kommt es mir vor, geht man viel seltener mit dem Staubsauger durch. Die Fenster werden nicht so oft geputzt, der Schmutz hängt in den Ecken. Vor allem das gegenwärtige Amerikanisch kommt mir vor wie ein großes unordentliches Studentenwohnheim.

Das Englische besitzt viele deutsche Lehnwörter – von Weltschmerz bis zu Kindergarten. Es gibt auch Französisches, aber warum nur wenig Spanisches?

Wir exportieren so viele der Produkte, die eine neue Sprache nach sich ziehen: Filme, Musik, Computer. Wenn die Franzosen Microsoft Windows oder das Mobiltelefon entwickelt hätten, hätten wir heute vielleicht alles in Französisch. Das Altenglische geriet in Bedrängnis, als 1066 die Normannen in England einfielen und das Französische tonnenweise mitbrachten. Langfristig gesehen war das sehr gut für das Englische als Literatursprache. Sie hat uns Geoffrey Chaucer beschert und William Shakespeare. Man sieht ungern, wie sich schöne Dinge verändern. Aber auf Dauer heißt es für jede Sprache: Verändere dich oder stirb!

Das Gespräch führte Gregor Dotzauer.

Interview: „Der Tagesspiegel“, Berlin

20.04.2010
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