Besonders hell strahlt Ulrich Tukur im Zwielicht. Die lange unschuldig wirkenden Gefährlichen, die Abgründigen – die spielt er am besten. Ganz unvermutet bricht er dann in seiner Rolle aus, verändert die Mimik nur um Nuancen und das brave Bubengesicht, das bieder bis zur Durchschnittlichkeit wirken kann, verrutscht ins Diabolische, ins Böse. Doch meist gibt er seinen Figuren noch einen Rest Rätsel und Widerspruch, eine Ahnung des Menschlichen auch im schlimmsten Charakter. Ihm mache das Spaß, sagt Ulrich Tukur, das Böse, die Brüche seien schließlich interessanter. Dabei wirkt der Schauspieler in Gesprächen so freundlich, verbindlich und meist auch entspannt, trägt gern ein fröhliches Ringelshirt unter dem Anzug und einen ironischen Zug um die Mundwinkel und spielt – mehr als nur nebenbei – mit seiner Band „Die Rhythmus Boys“ heitere Tanzmusik. Das schließt sich natürlich überhaupt nicht aus. Vielleicht ist es sogar eine Voraussetzung dafür, die Widerwärtigen besonders überzeugend spielen zu können. Ulrich Tukur glaubt ohnehin: „Schauspielerei ist Hochstapelei, aber sie tut niemandem weh.“
In seinem Fall aber ist Schauspielerei vor allem eins: Können. Tukur, Jahrgang 1957, glänzte als skrupelloser Stasi-Oberstleutnant Anton Grubitz in dem Oscar-Drama „Das Leben der Anderen“. In „Das Weiße Band“, ebenfalls für einen Oscar nominiert, spielte er den gönnerhaft wirkenden, aber autoritären Gutsherren. Und er gab sein Gesicht „John Rabe“, einem NS-Parteiangehörigen, der 1937/38 in China 250 000 Menschenleben rettete. Drei internationale Erfolge. Dabei soll die Schauspielschule Stuttgart Anfang der 1980er-Jahre das Talent nicht erkannt haben. Deren Methoden, sich eine Rolle anzueignen, halfen Tukur nicht. „Die sagten mir immer: Sei doch porös. Was sollte denn das bitte heißen?“ Er legte die „Bühnenreifeprüfung“ dennoch ab, lernte das Spielen dann im Film und vor allem auf der Bühne – in oft auch schmerzlichen Auseinandersetzungen mit dem „Theatergott“ und Provokateur Peter Zadek. Der Regisseur setzte den jungen Schauspieler 1984 an der Freien Volksbühne Berlin als SS-Offizier Kittel in Joshua Sobols Stück „Ghetto“ ein. Die Kritik feierte Tukur als die Neuentdeckung auf deutschen Bühnen. Es folgten Preis auf Preis, Rolle auf Rolle, fast ohne Unterbrechung bis heute. Dabei sind es vor allem historische Figuren, in denen Tukur brilliert. „Es gibt Menschen wie Ulrich Tukur, die sind aufs Charmanteste aus der Zeit gefallen.“ Dieses Zitat aus einer Rezension hat Tukur prominent auf seine Website gesetzt. Es muss ihm gefallen. Die Vergangenheit, das „Vertikale“, wie Tukur gern sagt, interessiere ihn, seit er als Junge über die antik-römischen Reste des Limes kletterte und später ein paar Semester Geschichte studierte. Vor allem die Zeit zwischen Ende des Ersten Weltkriegs und 1933 liege ihm, das „Feiern des Lebens kurz vor dem Untergang“. Als „Reise in die Leben dahingegangener Menschen“ umschreibt er das Schauspiel in seinem ersten Erzählungsband „Die Seerose im Speisesaal“. Und Tukur, der abgründige Mime, ist ein überraschend virtuoser Erzähler. Er liebt einfach gute Geschichten. Das fängt mit der seines Namens an, die eine Verballhornung des Französischen „tout court“ sei. Denn bürgerlich heißt er schwäbisch-unaussprechlich Scheurlen. Das beweisen auch seine Ausflüge ins Anekdotische in fast jedem Interview. Aber es sind keine schnöden Pointen, auf die er hinerzählt. In Tukurs Geschichten bekommt die Wirklichkeit ein Leuchten, wird sanft ins Romantische stilisiert. Wie gut, dass ein Verlag den Vielbeschäftigten überredet hat, es mit dem Schreiben zu versuchen.
Tukur scheint unermüdlich: 2011 hat er eine Goldene Kamera als Bester Schauspieler für die Darstellung des ungewöhnlichen „Tatort“-Ermittlers Murot bekommen. An der Rolle schrieb er selbst mit, gab ihr eine Tiefe, die den Krimi zum Kammerspiel erhöht. Unlängst hat er die zweite Folge in der Nähe von Frankfurt abgedreht. Tukurs neuster Film „Mitten im Sturm“, ein europäisch produziertes Gulag-Drama, in dem er an der Seite der Britin Emily Watson die Hauptrolle spielt, ist gerade in den Kinos angelaufen. In diesen Wochen arbeitet er aktuell unter Regisseur Helmut Dietl an einer Fernseh-Groteske in Berlin, steht aber zwischendurch auch mit seinen „Rhythmus Boys“ im Studio. Und er hat gerade sein zweites Buch, einen Lyrikband, herausgegeben. Rastlos wirkt das. Aber Tukur wahrt auch seine Rückzugsorte, Ruhepole: Das sind ihm Venedig, wo er seit einem Jahrzehnt mit seiner Frau, der Fotografin Katharina John, lebt, und ein abgelegenes Dorf im Appenin, wo er „einen Haufen Steine in unberührter Natur“ besitze.
Mehr als einmal gab Tukurs Mehrfachbegabung seiner Karriere Schubkraft: Schon bei Zadek war das so. Ihm hat er zuerst auf dem Akkordeon vorgespielt. Und die Rolle neben George Clooney in Steven Soderberghs „Solaris“ bekam er wegen seines ungewöhnlichen Demobandes: Einen Castingtext brachte Tukur singend als Tango dar, einen anderen las er seinem interessiert zuhörenden Hund vor. Tukur bekam die Rolle. Weil er einen so begabten Hund habe, hieß es aus Hollywood. Eine schöne Geschichte. Aber mindestens einmal hat das Leben in parallelen Kunstwelten ihn wohl auch einen Erfolg gekostet: Quentin Tarantino sprach er für die Rolle des SS-Schergen Landa in „Inglourious Basterds“, dem später vielfach ausgezeichneten Film, vor. Es wäre genau Tukurs Fach gewesen: ein charismatischer Miesling. Doch Tukur hatte zur Zeit der Dreharbeiten eine Tournee mit den „Rhythmus Boys“. Tarantino gab die Rolle Christoph Waltz. Der gewann den Oscar. Aber immerhin: Tukur bleibt eine schöne Geschichte mehr.////














