Darf man ein nützliches und wohl gut vermarktbares Medikament auf den Markt bringen, obwohl es auf Forschungserkenntnissen der Nationalsozialisten basiert? Würde ein junger Jude in Deutschland das anders sehen als sein Vater Anfang der 1970er-Jahre? Diese moralisch-historischen Fragen stehen im Mittelpunkt des neuen deutsch-israelischen Theaterprojekts „Medicament“, das im November 2010 in Heidelberg uraufgeführt wurde. Entstanden ist es im Auftrag des Theaters Heidelberg – als bereits dritte gemeinsame Produktion mit dem Beit-Lessin-Theater aus Tel Aviv. „Medicament“ ist Teil eines zweijährigen Projektes beider Theaterhäuser, initiiert von Jan Linders, Schauspieldirektor des Heidelberger Theaters und Avishai Milstein, Chefdramaturg des Beit-Lessin-Theaters, der auch oft in Deutschland Regie führt. Unter dem Titel „Familienbande“ entstehen insgesamt sechs neue Koproduktionen von deutsch-israelischen Teams, die sich mit beiden Gesellschaften heute auseinandersetzen. Beiden Seiten bringt die Zusammenarbeit neue Impulse: Die Theaterhäuser sind so unterschiedlich wie die Städte - das malerische, entspannte, kleine Heidelberg und das laute, multi-kulturelle und pulsierende Tel Aviv. Gefördert wird die intensive Bühnenzusammenarbeit unter anderem durch die Kulturstiftung des Bundes, das Goethe-Institut in Tel Aviv und die israelische Botschaft in Berlin.
Das Stück „Medicament“, geschrieben von Maya Scheye, übersetzt von Sharon Nuni Israeli und inszeniert Avishai Milstein, hat eine komplexe Struktur und pendelt zwischen zwei Zeitebenen. Es beginnt mit einem Brand und einem Tod. Patentanwalt Arie Stein, ein junger deutscher Jude, träumt wieder von einem Labor, das in Flammen aufgeht. Da klingelt sein Mobiltelefon und seine deutsche Frau Anna weckt ihn aus dem Schlaf. Sein Vater Juda sei gestorben. Im Labor des renommierten Gehirnforschers finden die beiden alte Unterlagen des Vaters, der offenbar ein Medikament gegen Alzheimer erfunden hatte. Aus irgendeinem Grund aber hatte er seine Forschungen abgebrochen und die Aufzeichnungen verbrannt.
Die junge Israelin Maya Scheye, deren Familie aus Frankfurt am Main stammt, hat im Institut für Geschichte der Medizin in Heidelberg ausgiebig den Fall Carl Schneider recherchiert. Der Psychiater führte im Zweiten Weltkrieg an der Universität Heidelberg Euthanasieaktionen und tödliche Experimente an Behinderten durch. Sein Ziel: ein Mittel zu finden, mit dem man die Erinnerung ausschaltet. Damit wollte er verhindern, dass in Gefangenschaft geratene Wehrmachtssoldaten Geheimnisse verraten. Das Gegenteil also von dem, was Juda Stein mit seiner Forschung beabsichtigt.
Auch die „Familienbande“ sind voller Spannungen. Welten trennten den im KZ geborenen Vater Juda und seinen Sohn Arie, der sich sowohl von seiner Herkunft als auch von seinem Vater distanziert. Ein Spagat für den Schauspieler Axel Sichrovsky, der zugleich den smarten Sohn als auch den introvertierten Vater verkörpert. Der israelische Künstler Gili Avissar entwarf dazu ein bedrückendes Bühnenbild: brandgeschwärzte Aktenordner auf groben Laborregalen und ein abgenutzter Waschtisch, in den ständig Wasser tropft. Die Beziehungen zwischen dem anti-religiösen Juden Arie und seiner deutschen Frau Anna, die zum Judentum konvertiert, sind angespannt. Und sie werden noch größer über den Streit, ob man ein Medikament entwickeln darf, dessen Forschungsergebnisse auf den menschenverachtenden Experimenten der Nazis beruhen. Die Vergangenheit, die Arie so sehr abzulehnen versucht und mit dem Tod seines Vaters endgültig begraben will, holt ihn ein, je mehr er sich in die Akten vertieft. Im September 2011 wird das Stück auf Hebräisch in Tel Aviv Premiere haben.////















