Herr Hope, Sie sind gerade in Norddeutschland – als „künstlerischer Partner“ der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern. Was genau bedeutet das?
Ich darf den Festspielen, denen ich schon seit Jahren eng verbunden bin, eine eigene musikalische Handschrift geben. Vor anderthalb Jahren hat mich der Intendant gefragt, ob ich Lust hätte, nicht nur selbst zu spielen, sondern eine eigene Reihe zu gestalten, Musiker einzuladen, ein Konzept zu entwickeln. Am letzten Augustwochenende haben wir unter dem Motto „Tu was“ das erste klimafreundliche Klassikkonzert in Deutschland veranstaltet, mit Musikern wie dem Bariton Thomas Quasthoff und dem Klarinettisten David Orlowsky. Wir haben wirklich alles getan, um möglichst klimafreundlich zu sein – von sauberem Strom bis zu Hybridbussen. Das kam toll an. Wir konnten genug Geld sammeln, um 1000 Bäume in Mecklenburg-Vorpommern zu pflanzen.
In Ihrem Buch „Wann darf ich klatschen?“ haben Sie 13 berühmte Konzertsäle weltweit vorgestellt, darunter gleich vier aus Deutschland – ein Zufall?
Eigentlich nicht. Deutschland ist ein extrem wichtiges und etabliertes Musikland. Hier gibt es ein fast einmaliges Kulturleben. Die Erfahrung, die Deutschland in der Musik mitbringt, ist phantastisch. Deshalb gehören zu meinen Lieblingssälen viele in Deutschland – und nicht nur die, die ich im Buch erwähne.
Sie spielen aber auch oft an ungewöhnlichen Orten. In diesem Jahr zum Beispiel als erster Geiger überhaupt im Deutschen Bundestag – während einer Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus. Was hat Ihnen diese Einladung bedeutet?
Es war eine sehr emotionale Erfahrung, an diesem Tag an diesem Ort zu sein und die Rede des israelischen Präsidenten Shimon Peres zu hören. Auch, weil meine Urgroßeltern, die sehr stolze Berliner waren, von den Nazis vertrieben wurden. Sie hätten sich sicher gefreut, mich dort zu sehen. Ich hatte aber gemischte Gefühle. Es war eine große Ehre, aber auch ein sehr trauriger Anlass.
Sie engagieren sich für Musik von Komponisten, die in den Konzentrationslagern ermordet wurden. Was kann diese Musik bewirken?
Ich glaube, sie kann helfen, dass wir nicht vergessen. Man muss nach vorne schauen, das ist das Wichtigste. Aber auf der anderen Seite darf man diese Menschen nicht vergessen. Sie haben durch ihre Musik Tausenden einen letzten Trost gegeben – obwohl sie wussten, dass sie selbst nicht überleben würden. Das ist eine Botschaft, die immer aktuell bleibt und eine Inspiration für alle Menschen ist. Diese Botschaft möchte ich gern weitergeben.
Deutschland, die Musik deutscher Komponisten hat Ihre Biografie immer wieder geprägt. Wie eng ist heute Ihr Bezug zu Deutschland?
Ich fühle mich Deutschland sehr nah. Ich habe eine Wohnung in Hamburg und ich fühle mich, wenn ich in Deutschland unterwegs bin, sehr wohl. Ich mag die Sprache, liebe die Kultur. Beethoven, Brahms, Goethe, Heine – die deutsche Kultur ist eine unglaubliche Schatzkiste, aus der wir Künstler uns bedienen können.
In Ihrem Buch „Familienstücke“ schreiben Sie, Ihr Mentor Yehudi Menuhin habe in Beethoven „sein Deutschland“ gesehen – in welchem Komponisten sehen Sie „Ihr“ Deutschland?
Vielleicht nicht nur, aber auch in Beethoven. Er verkörpert für mich das Deutschsein, das freie Denken, Energie, Eigenständigkeit. Seine Musik ist für mich sehr deutsch. Aber das gilt auch für Brahms. Er steht für mich auf dem gleichen Everest wie Beethoven.
Sie haben mal gesagt, Bach sei der „tiefsinnigste und modernste Komponist“ – wie kann 300 Jahre alte Musik modern sein?
Bachs Erfindungsreichtum werden Komponisten selbst heute kaum erreichen. Man weiß nicht, wie er es geschafft hat, aber er war 300 bis 400 Jahre vor seiner Zeit da. Die Ideen, die er hatte, die Klangfarben, die er eingesetzt hat, die brillante Art, seine Gefühle über Noten zu kommunizieren, sind meiner Meinung nach einfach einmalig. Deshalb ist er einer der wenigen Komponisten, deren Musik man auf jede Art und Weise bearbeiten kann. Man kann Bach verjazzen, mit kubanischer Musik mischen – aber man kann Bach nicht ruinieren. Bach klingt immer gut. Weil die Musik einfach so großartig ist und so genial.
Sie vergeben häufig Kompositionsaufträge an zeitgenössische Komponisten – auch nach Deutschland?
Ja, ich habe einige Werke in Deutschland in Auftrag gegeben – etwa an Jan Müller-Wieland, einen großartigen Komponisten. Sein Violinkonzert haben wir im Konzerthaus Berlin aufgeführt. Ich halte meine Augen und Ohren immer offen für junge Komponisten.
Die zeitgenössische Musik hat es allerdings meistens eher schwer beim Publikum...
Ja, teilweise auch zu Recht. Es gibt viele Komponisten, die sagen, wir brauchen das Publikum nicht, wir schreiben für uns. Damit habe ich meine Schwierigkeiten. Natürlich kann man nicht nur für das Publikum schreiben, aber wenn man gewisse Konzepte so weit pusht, dass keine Beziehung mehr da ist zwischen dem, was unser Gehör kennt, und dem, was es nicht kennt, wird es auch für die Interpreten sehr schwer, das rüberzubringen. Ich finde aber, dass die zeitgenössische Musik im 21. Jahrhundert eine große neue Bewegung hat, die zurück zur Melodie führt. Das begrüße ich sehr. Da gibt es einige junge Komponisten, die frei in ihren Gedanken sind, aber trotzdem Melodie in die Musik integrieren. Ich bin überzeugt, dass das die Art von zeitgenössischer Musik ist, die überleben wird.
Wenn Sie sich die Musiklandschaft in Deutschland ansehen: Was sind die Pluspunkte, was könnte besser sein?
Es gibt in fast jeder Stadt eine Art musikalisches Zentrum, ob das ein Staatsorchester ist, ein Opernhaus oder eine Musikhochschule. Das ist in der europäischen Musiklandschaft fast einmalig. Musik ist wirklich überall. Das sollte sich Deutschland unbedingt bewahren. Das Problem ist: An den Schulen wird oft der Musikunterricht gestrichen. Viele Kinder und Jugendliche haben dann keine Chance mehr, Musik zu erleben.
Sehen Sie eine Krise der klassischen Musik? Es scheint heute doch mehr Konzerte, mehr Festivals zu geben als je zuvor, oder täuscht der Eindruck?
Der Eindruck ist richtig. Aber wir müssen einfach aufpassen, dass keine Krise kommt. Wenn ich meinen Tourplan oder den von Kollegen ansehe, dann sind wir auf Jahre ausgebucht, auf Hunderten von Festivals. Wir müssen trotzdem aufpassen, weil das Publikum immer älter wird: Wir müssen mehr junge Leute an die klassische Musik heranführen.
Welche Ansätze finden Sie in der Hinsicht besonders gelungen?
Die Arbeit des Konzerthauses Berlin ist da exzellent. Dort gibt es eine Sonntagsmatineereihe, zu der Eltern ihre Kinder mitbringen können. Die werden kostenlos betreut und bekommen ein eigenes Musikprogramm. Oder das Projekt „Rhapsody in School“ des Pianisten Lars Vogt: Da machen inzwischen mehrere hundert renommierte Musiker mit. Wir besuchen Schulen, kommen in direkten Kontakt mit den Kindern und Jugendlichen – das hat große Wirkung. Wir Musiker machen das alles ehrenamtlich, was auch völlig richtig ist. Trotzdem brauchte das Projekt auch mehr offizielle finanzielle Unterstützung, die ist leider zu gering.
Was denken Sie über das deutsche Publikum? Wie offen ist es für Neues?
In Deutschland wird klassische Musik ernst genommen, sie hat hohen Stellenwert. Das finde ich toll. Das Publikum ist recht offen, je nachdem, wo man ist. In Berlin hat man das Gefühl, alles sei möglich. Ob das wirklich so stimmt, weiß ich nicht. Zumindest hat man das Gefühl, dass das Publikum sehr aufgeschlossen ist. In Köln ist es genauso. Ich glaube, dass sich gerade insgesamt viel ändert. Zum Beispiel durch Konzepte wie „Yellow Lounges“, bei denen klassische Musik in Clubs zu hören ist. Das finde ich positiv.
Sie selbst kennen keine Berührungsängste mit Musik jenseits der Klassik?
Ich finde, es ist einfach gesund, für Musik offen zu sein. Zu denken, nur weil man klassische Musik spielt, sei man besser, ist Quatsch. Auf dem Beethovenfest in Bonn spiele ich dieses Jahr mit der jungen deutschen Rockband Bakkushan. Es wird ein Duell zwischen Barock und Rock – wir wollen prüfen, welche Musik mehr Schwung hat. Ein erster „Battle Royal“ zwischen den beiden Musikarten.
Ob Rock oder Barock: Können Sie in wenigen Worten sagen, was für Sie die Kraft der Musik ausmacht?
Das Wichtigste ist: Musik berührt einen direkt, ohne dass man viel davon verstehen muss. Sie ist unabhängig von Sprache oder Religion. Für mich ist Musik die stärkste Inspirationsquelle.
Das Gespräch führte Janet Schayan.















