Wie würde sie klingen, die fiktive „Deutschlandband“, wenn sie einmal zusammen spielen würde? Spielte sie Bach, Beethoven, Schumann, Mendelssohn, Brahms, Wagner? Oder Hindemith, Stockhausen, Henze oder Rihm? Würde man die perfekte Intonation von Violinstar Anne-Sophie Mutter heraushören – oder ihre jungen Konkurrenten an der allerersten Geige der Republik, die ernsthafte Julia Fischer oder den coolen David Garrett? Vielleicht setzte sich auch der warme Bassbariton von Thomas Quasthoff durch, der klare Tenor des Jonas Kaufmann oder der strahlende Sopran von Annette Dasch. Alle sind sie auf den Konzertbühnen der Welt zu Hause. Und wer gäbe den Takt vor? Altmeister Kurt Masur, Ehrendirigent des Leipziger Gewandhausorchesters, könnte den Job mit einigem Recht übernehmen. Ebenso natürlich der Brite Sir Simon Rattle, Chef am Pult des wohl berühmtesten deutschen Klangkörpers, der Berliner Philharmoniker. Könnte aber auch sein, dass Bill Kaulitz von „Tokio Hotel“ nicht erst auf seinen Einsatz wartet und sein Gesang gleich von einem hysterischen Schrei aus dem Mädchenfanblock übertönt wird. Oder Campino von den „Toten Hosen“ stiehlt allen die Schau mit einem wilden Sprung auf die Bühne. Noch bevor Herbert Grönemeyer „Bochum“ röhren und Nena und Lena „99 Luftballons“ oder „Satellite“ ansingen können.
Beim imaginären Auftritt dieser „Deutschlandband“ würde es drängend eng auf der Bühne: Denn es gibt kaum ein Land, das eine so vielfältige, dichte und reiche Musiklandschaft besitzt wie Deutschland, dessen Musiker die Musikgeschichte entscheidend mitgeschrieben haben und auch fortsetzen. Es gibt hervorragende Musikhochschulen, an die junge Virtuosen aus aller Welt strömen. Es gibt eine der vielseitigsten Jazzszenen mit großen Festivals quer durch die Republik, eine verzweigte Techno-, House- und Rapszene. Und dazu immer wieder neue Hits auf Deutsch von „Silbermond“, „Wir sind Helden“ und Peter Fox, der 2009 das erfolgreichste Album in Deutschland verkauft hat – vor Michael Jackson und Lady Gaga wohlgemerkt.
Ist die Rede vom „Musikland Deutschland“, denken viele dennoch zuerst an Klassik. Kein Wunder. Allein 133 Sinfonieorchester gibt es im Land, unter ihnen so hervorragende wie die Münchner Philharmoniker, die Staatskapelle Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Bamberger Symphoniker und die Berliner Philharmoniker. Alle dirigiert von internationalen Spitzenkräften. Wichtig sind auch die zwölf Rundfunk- und Rundfunksinfonieorchester. Mögen ihre Namen auch wenig glamourös klingen. Das Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks nennt sich daher im Ausland Frankfurt Radio Symphony Orchestra. Auch hier führt ein Großer den Taktstock: der Este Paavo Järvi, 2010 als „Dirigent des Jahres“ ausgezeichnet.
Ein Grund für diese Vielfalt und auch für die Attraktivität für internationale Musikstars ist die föderale Struktur der Bundesrepublik, in der es nicht nur ein kulturelles Zentrum, sondern viele verschiedene in den 16 Bundesländern gibt. Auch die weitgehende Finanzierung durch Bund, Länder und Kommunen spielt eine große Rolle. 84 öffentlich getragene Opernhäuser machen in Deutschland Programm. Die Dimension der Zahl wird klar, wenn man weiß, dass es weltweit 560 permanente und professionelle Opernhäuser gibt: Jedes siebte Opernhaus steht demnach in Deutschland. Rund acht Prozent der Bevölkerung gehören zum potenziellen Opernpublikum. Mehr als in jedem anderen Land.
Trotzdem gibt es wachsende Sorge um die Nachwuchshörer für die Klassik, das Publikum in den Konzertsälen stellen eher die „Best Ager“. Immerhin: 2009 ist die Zahl der unter 30-Jährigen unter den Klassikkäufern rasant um 74 Prozent gestiegen (wenn auch nur auf 4,7 Prozent insgesamt). Das mag am Erfolg des in Aachen geborenen „Pop-Geigers“ David Garrett liegen, vielleicht aber auch daran, dass nahezu jedes Opernhaus, jedes Orchester ein Programm für jugendliche Hörer maßschneidert: Hamburg lädt zum Orchesterkaraoke, Dortmund bietet ein Pop-Abo fürs Konzerthaus, in Frankfurt am Main bringt das „Music Discovery Project“ Klassik und Stars aus Rap und Hip-Hop zusammen. Selbst in Bayreuth, auf Richard Wagners mythenbeladenem „Grünen Hügel“, gibt es, seit des Komponisten Urenkelinnen die Geschicke leiten, eine Kinderoper und Open-Air-Übertragungen aus dem Allerheiligsten. Für 2011 denkt Katharina Wagner schon über Clubevents mit Wagner-Musik nach. Entweihung oder zeitgerechte Verführung zur Klassik? Zitieren wir Richard Wagner selbst: „Kinder macht Neues! Neues und abermals Neues! Hängt ihr euch ans Alte, so holt euch der Teufel der Inproduktivität, und ihr seid die traurigsten Künstler.“////















