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Musik

Der Pianist in Weimar

Xiaohu Xing ist einer der ganz wenigen chinesischen Musikdozenten in Deutschland. Er lehrt Klavier an der angesehenen Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar, der Heimat der deutschen Klassik.

Von Kurt de Swaaf

Xiaohu Xing hat mit jungen Jahren bereits eine ungewöhnliche Karriere hinter sich. Der dreißigjährige Pianist ist Dozent an der angesehenen Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar. Er ist einer der ganz wenigen chinesischen Musikdozenten in Deutschland, vielleicht der einzige. Im Herbst 2008 wurde Xiaohu Xing zum Lehrbeauftragten für das Fach Klavier ernannt. Da war er in Weimar schon kein Unbekannter mehr. Zwei Jahre zuvor hatte Xing in Weimar sein Diplomstudium bei Professor Peter Waas begonnen. Das Abschlusskonzert bestand er mit Bestnote. Kurz darauf folgte die Ernennung zum Dozenten. Was bedeutet ihm das? „Deutschland ist ein ideales Land für Musiker“, sagt Xing. „und in Weimar schlägt das Herz der Klassik“. Die Faszination der Stadt rührt wohl aus dem Unterschied zwischen ihrer Größe und ihrem Weltruf. Auf der einen Seite zählt Weimar gerade mal 65000 Einwohner. „Weimar ist ein Park, an dem eine Stadt liegt“, befand einst der Historiker und Schriftsteller Adolf Stahr. Auf der anderen Seite lebten und arbeiteten hier die Dichter Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller. Johann Gottfried Herder philosophierte in Weimar. Franz Liszt leitete ab 1848 zehn Jahre lang die Weimarer Hofkapelle und das Musiktheater. Die Bauhaus-Bewegung hat ihre Wurzeln in dem thüringischen Städtchen. Und nach dem Ersten Weltkrieg wurde im städtischen Theater die erste deutsche Demokratie gegründet – die Weimarer Republik.

Xiaohu Xing wuchs mit klassischer Musik auf. Er stammt aus Guangzhou. Sein Vater ist Berufsmusiker. Er spielt Kontrabass im Guangzhouer Sinfonieorchester. „Als ich ein Kind war, übte er manchmal bis Mitternacht“, sagt Xiaohu Xing. „Und er hörte sich über die Stereoanlage die Stücke an, die das Orchester gerade probte.“ Das prägte. Xiaohu Xing kann sich bis heute an einige Stücke aus dem damaligen Repertoire seines Vaters erinnern. Beethovens dritte und siebte Symphonie waren dabei, „Le Carnaval des Animaux“ von Saint-Saëns sowie Dvoraks Serenade für Streichorchester. „Deswegen war Musik keine Fremdsprache für mich.“ Für Xings Eltern stand früh fest, dass ihr Sohn Musiker werden würde. Nur über das Instrument konnten sie sich zunächst nicht einigen. Klavier, meinte der Vater, weil es wie ein ganzes Orchester klingen kann. Cello, sagte die Mutter, eine begeisterte Hobby-Sängerin. Schließlich konnte der Vater sich durchsetzen. Im Alter von vier Jahren fing für Xiaohu Xing ein Leben mit dem Klavier an.

Er fand Gefallen an dem Instrument, doch Xiaohu Xing übte nicht besonders fleißig. Statt Sonatinen von Clementi oder Etüden von Czerny zu exerzieren, improvisierte er lieber und nannte das seine eigene Komposition. Echter Ehrgeiz war dem Jungen fremd – bis er im Alter von zehn Jahren eine Live-Aufnahme von Vladimir Horowitz in der Carnegie Hall hörte. Xing war verzaubert. „Ich glaube, das war ein Wendepunkt in meinem Leben. Seit diesem Zeitpunkt habe ich angefangen, richtig und konzentriert Klavier zu üben.“ Der Erfolg blieb nicht aus. Noch im selben Jahr gewann Xiaohu Xing den ersten Preis im nationalen chinesischen Klavierwettbewerb „Der Perlfluss“. Ab 1994 erhielt der nun fleißige Schüler zwei Jahre lang Unterricht bei den renommierten ukrainischen Professoren Galina Popowa und Alexander Bugaewski, die als Gastdozenten an der Musikhochschule Guangzhou weilten. „Echt gute Musiker und sympathische Lehrer“, erinnert sich Xing. Sein erster Auslandsaufenthalt führte ihn 1996 für drei Monate nach Odessa. Danach wurde der Talentierte in die Spezialschule der Zentralen Musikhochschule Peking aufgenommen. 2004 machte er seinen Bachelor-Abschluss im Studienfach Klavier.

Weshalb aber fiel die Wahl für das weiterführende Studium auf Weimar? „Schon während meiner Studienzeit in Peking schlugen meine Professoren, Frau Guangren Zhou und Herr Taihang Du mir vor, zukünftig in Deutschland zu studieren. Zhou war 1928 in Hannover geboren worden, und Du hatte selbst einen Großteil seiner Ausbildung in Deutschland absolviert. Aber in welche Hochschulstadt sollte Xing gehen? Taihang Du gab dem Jungmusiker einen weisen Rat: „Das Wichtigste ist, dass du einen Lehrer findest, mit dem du systematisch und sinnvoll arbeiten kannst“. So jemanden traf Xiaohu Xing 2004. Peter Waas aus Weimar gab einen Klavier-Meisterkurs in der chinesischen Hauptstadt. Xing war sofort von seinem Unterrichtsstil überzeugt. 2006 war es soweit. Der junge Künstler konnte endlich nach Weimar reisen und an der Hochschule sein Master-Studium beginnen.

Die Zukunft steht dem jungen Pianisten offen. Neben seiner Lehrtätigkeit arbeitet Xing unermüdlich an der Weiterentwickelung seines Konzertrepertoires. „Es ist mir die beste Belohnung, wenn ich dem Publikum die Schönheit der Musik weiterleiten kann“, schwärmt er. Ansonsten möchte er schon lange ein kleines Ensemble gründen, ein Klaviertrio zum Beispiel. Kammermusik ist seine große Leidenschaft, betont Xing. Er suche Musiker, mit denen er sich identifizieren und optimal spielen kann. „Aber egal wie, solange ich weiter mit der Musik zusammenbleibe, habe ich schon die Hälfte meiner Träume verwirklicht.“////

21.09.2010
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